Historische Hülle, moderner Kern

Haus im Haus: Die Nielsenscheune in Niebüll verbraucht ein Minimum an Energie. Dafür kann man aber auch die Fenster nicht öffnen.
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Haus im Haus: Die Nielsenscheune in Niebüll verbraucht ein Minimum an Energie. Dafür kann man aber auch die Fenster nicht öffnen.

Auf zwei Veranstaltungen im CCS erklärten Experten unter anderem, wie aus einem alten Friesenhaus ein echter Energiesparer werden kann

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25. Mai 2011, 07:19 Uhr

Westerland | Die Einladung versprach Gutes: "Energie und Kosten sparen, Fördergelder nutzen, modernisieren, Fit für die Zukunft" - doch die gewünschte Resonanz blieb aus. "Etwas mehr Beteiligung hatte ich mir schon erhofft", sagte Jörg Wortmann. In den vergangenen zwei Tagen sprach der Energieexperte auf Einladung des Landschaftszweckverbands mit anderen Fachleuten im Westerländer Congress-Centrum über Möglichkeiten des Klimaschutzes. 40 Besucher kamen zu der Vortragsreihe. Wortmann sah die Veranstaltung als Teil des Klimaschutzkonzepts, das er gerade für Sylt erarbeitet (wir berichteten): "Wir wollen mit den Unternehmen und privaten Haushalten direkt kommunizieren, damit das Konzept nicht in die Schublade wandert."

Einer der Referenten war der Kieler Architekt Peter Biner Wulf. Sein Thema: "Energie sparendes Bauen - Wie baut man in zehn Jahren?" Wulf war sich der Vorbehalte gegenüber derlei Prognosen bewusst: "Zugegeben, es ist ein Blick in die Kristallkugel und mit dem Thema sind viele Emotionen und Ängste verbunden." Fakt sei jedoch, dass der Gesetzgeber in zehn Jahren wesentlich strengere Vorgaben zum energieeffizienten Bauen an Hausbesitzer stellt. Dann müssten Neubauten Niedrigstenergiehäuser sein. Für öffentliche Gebäude gelte das sogar schon ab 2019. "Das, was in zehn Jahren gesetzlich gefordert ist, ist schon heute technisch möglich", so Wulf.

Selbst so genannte "Plusenergiehäuser" seien bereits umsetzbar, erklärte der Architekt und verwies auf das Projekt "Sonnenschiff" in Frankfurt. Dort produzieren Häuser sogar über den Verbrauch ihrer Bewohner hinausgehend Energie. Das Bild der mit Photovoltaikanlagen eingedeckten Bauten sorgte unter den Besuchern des Vortrags jedoch für Schmunzeln. "Eine bewusste Provokation. Mir ist klar, dass sich gerade Sylter nicht mit dieser Bauweise identifizieren können", reagierte der Kieler.

Auf Interesse stieß hingegen die von ihm und zwei weiteren Architekten umgebaute Nielsenscheune in Niebüll. Dort wollte man das Alte bewahren, aber auch Kosten für den Energieunterhalt sparen und eine umweltfreundliche Wohnumgebung schaffen. Die Lösung: ein Haus im Haus. Das alte Gemäuer umgibt das innere Haus wie eine Schale. Ein Zwischenraum wirkt wie eine Art energetischer Puffer und senkt den Wärmebedarf erheblich. Weil die Bewohner dadurch nicht einfach das Fenster öffnen können, um zu lüften, sorgt eine künstliche Raumluftanlage für einen dauerhaften Luftwechsel.

"Die Fassade ist also wirklich nur Fassade?", fragte eine Besucherin des Vortrags. Wulf bejahte, Innen- und Außenansicht haben miteinander wenig zu tun. Dafür erfülle die Konstruktion nahezu die Kriterien eines Passivhauses, habe also nur einen minimalen Energieverbrauch. "Wir wollen die Identifikation mit dem Wohnraum erhalten, aber wir müssen das auch als Anlass für neue effiziente Visionen nehmen", sagte Wulf.

Dass das für den Inseltourismus einen durchaus positiven Effekt haben könnte, sagte Bente Grimm vom Kieler Institut für Tourismus- und Bäderforschung in Nordeuropa: "13 Prozent der Deutschen legen Wert auf nachhaltigen Tourismus." Vor allem Besucher mit einem hohen Einkommen seien statistisch gesehen bereit, dafür zwischen zehn und 20 Euro mehr pro Tag auszugeben. "Ökohotels werden immer schicker. Sie bieten die Möglichkeit Gutes zu tun und dabei auch gut dazustehen", sagte die Sozialwissenschaftlerin. Interessant für das Sylter Tourismusgewerbe sei, dass das besonders auf die Kultur- und Naturreisenden zutreffe - also auf die Klientel, die für die Insel relevant sei.

Sie sehe deshalb ein großes Potenzial für den nachhaltigen Tourismus. Wichtig sei es, die Vorteile auch in die Marketingstrategie einzubinden und diese Gruppe gezielt anzusprechen: "Irgendwann wird es normal sein, dass Besucher ihren Urlaubsort nach ökologischen Kriterien wählen. Deshalb sollte man jetzt schon zu den Ersten gehören, die so etwas anbieten."

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