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Adventskalender Sylter Rundschau 2016 : Heute erzählt Maren Jessen dem goldenen Hirschen, warum sie gern Siegfried Lenz liest

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Im Adventskalender berichtet die 1. stellvertretende Vorsitzende der Söl’ring Foriining von ihren Lieblingsbüchern.

Für den diesjährigen Adventskalender öffnen wir gemeinsam mit unserem goldenen Hirschen für Sie die Türen von Insulanern und schauen auf Nachttische und in Bücherschränke: Bis Weihnachten stellen wir jeden Tag ein Lieblingsbuch eines Menschen dieser Insel und seine Geschichte dazu vor. Heute: Maren Jessen, 1. stellvertretende Vorsitzende der Söl’ring Foriining.


Maren Jessen empfiehlt die Bücher „Der Überläufer“ (2016) sowie „Das Wunder von Striegeldorf. Eine Weihnachtsgeschichte.“ (1957), beide von Siegfried Lenz.

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„Mein absolutes Lieblingsbuch zur Zeit ist ‚Der Überläufer‘ von Siegfried Lenz. Sein 1951 verfasster Roman erschien postum erst 2016, nachdem das Manuskript in seinem Nachlass gefunden wurde. Er hätte bereits 1952 veröffentlicht werden sollen, doch zog der Verlag die bereits gegebene Zusage aus politischen Gründen zurück. Lenz schreibt als junger Mann genauso, wie er später in seiner vollen Schaffenskraft geschrieben hat. Das finde ich beeindruckend! Das Werk handelt von einem deutschen Soldaten, der sich gegen Ende des Zweiten Weltkriegs den Partisanen und damit der Roten Armee anschließt.

Lenz beschreibt die Charaktere so toll: Da ist zum Beispiel ein Oberschlesier in der Geschichte, dessen Dialekt er großartig wiedergibt. Das Schöne ist, dass alles so menschlich ist und der Wahnsinn des Krieges dargestellt wird. Nicht grausam, aber es wird einfach deutlich, wie schlimm diese Ideologie war. Der Protagonist lernt unter anderen eine junge Partisanin kenne, eine Polin, in die er sich verliebt. Hinzu kommen noch ganz viele tragische Ereignisse. Ich bin 1956 geboren und gehöre zu der Generation, die immer nach- und hinterfragt hat. Aber elf Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg hat uns keiner geantwortet: Nicht in der Schule – in den Unterrichtsbüchern wurde der Krieg totgeschwiegen – und nicht im Elternhaus. Lenz ist ein Schriftsteller, der das alles bedient hat. Er hat die Fragen beantwortet und den Krieg beschrieben, ohne zu sehr zu verurteilen. Jeder konnte sich wiederfinden und auch hinterfragen, ‚wie hätte ich gehandelt und was hätte ich gemacht in der Zeit?‘

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Deshalb habe ich ihn schon immer gern gelesen, er war ein ganz toller Mann. Das Buch würde ich auf jeden Fall auch jüngeren Leuten empfehlen. Denn sie bekommen dadurch ein Gefühl für die Zeit: Warum waren die Leute so? Warum ist das alles passiert? Diese Fragen werden hier besprochen. Es ist eine Aufarbeitung der Geschichte, wirklich schön geschrieben und keine Sekunde langweilig.

Ein wunderschönes Geschenk ist auch ‚Das Wunder von Striegeldorf‘, ebenfalls von Lenz. Das ist eine ganz süße Weihnachtsgeschichte und ‚ostpreußisch geschrieben‘. Das Buch beginnt mit folgender Zeile: ‚Vieles hat sich unter Weihnachten in Masuren ereignet, Weniges aber kommt an Merkwürdigkeit gleich jenem Vorfall, den mein Großvater, ein sonderbarer Mensch mit Namen Mattuschütz, auslöste.‘ Es geht um zwei Gefangene, die Weihnachten so gern raus wollen. Sie sammeln das Brot, das sie im Gefängnis bekommen, matschen es zusammen und bilden damit ihr eigenen Konterfei. Das legen sie dann ins Bett – zack, Decke zu und dann verschwinden sie durch das Fenster und machen eine Weihnachts-Sause (lacht). Das ist ein tolles Bilderbuch für Erwachsene, weil es so schön illustriert ist.“

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erstellt am 08.Dez.2016 | 04:50 Uhr

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