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70. Jahrestag des Warschauer Aufstandes : Heinz Reinefarth ließ ihre Familien ermorden

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Schreckliche Erlebnisse: Beim Besuch der Sylter Delegation in Warschau trafen Insulaner auf Überlebende des Warschauer Aufstandes, die ihnen ihre Geschichten erzählten

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erstellt am 08.Aug.2014 | 06:09 Uhr

Kurz bevor die Besucher von Sylt kommen, ist sich Wiesio Kepinski dann doch nicht mehr so sicher, ob er diesen Leuten seine Geschichte wirklich erzählen will. Er weiß nicht genau, was er von ihrem Besuch halten soll. Schließlich fängt er doch an zu reden, und seine Geschichte und die der anderen ehemaligen Kinder des Warschauer Stadteils Wola treiben den Syltern die Tränen in die Augen.

Es sei der bewegendste und traurigste Termin gewesen, den sie in fast 24 Jahren als Bürgermeisterin der Gemeinde Sylt erlebt habe, sagte Petra Reiber. Anfang dieser Woche ist sie anlässlich des 70. Jahrestages des Warschauer Aufstandes gemeinsam mit Bürgervorsteher Peter Schnittgard und Pastorin Anja Lochner nach Warschau gereist und traf sich dort auch mit Kepinski und anderen Überlebenden des Massakers von Wola. Das Massaker gilt gemessen an den Opferzahlen als das größte singuläre Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkriegs: Kurz nach dem Ausbruch des Warschauer Aufstandes, ab 5. August 1944, töteten die vom späteren Westerländer Bürgermeister Heinz Reinefarth kommandierten SS- und Polizei-Einheiten innerhalb weniger Tage mindestens 30000 polnische Zivilisten. Die brutalen Massenexekutionen an Männern, Frauen und Kindern sollten den Kampfeswillen der polnischen Heimatarmee brechen. Im Ostdeutschen Beobachter lobte SS-Offizier Reinefarth nach der Niederschlagung des Aufstandes seine Männer: Sie hätten dafür gesorgt, dass „Polens Metropole, von der uns Deutschen in den Jahrhunderten so viel Unheil gekommen ist, als Gefahrenherd endgültig beseitigt wurde“.

Diejenigen, die diese Tage im Hochsommer 1944 in Warschau überlebten, sind nun alte Menschen. Genau 70 Jahre nach dem Massaker sitzen sie in einem kleinen Stadtteilmuseum von Wola der Sylter Delegation gegenüber, der Moderator der Veranstaltung, ein polnischer Journalist, spricht davon, dass dieses Treffen mit den politischen Nachfolgern Reinefarths eine „historische Dimension“ habe. Davon ist zunächst nichts zu spüren, eher beklommen beäugen sich beide Gruppen. Doch dann beginnt Kepinski zu erzählen.

Wie er mit seiner Familie von einer Gruppe SS-Soldaten aus dem Haus getrieben wurde, wie die Familie wusste, was nun passieren sollte, weil man in Warschau unter deutscher Besatzung Exekutionen auf offener Straße kannte. Wiesio Kepinski wusste das als damals Zwölfjähriger auch. Und schafft es, vor den deutschen Soldaten wegzulaufen. Nach Kriegsende findet er den Versicherungsausweis seines Vaters auf dem Dachboden wieder, wo er seine Familie zum letzten Mal gesehen hat. Der Vater trug ihn in der Brusttasche, die untere Ecke ist abgerissen. Dort, glaubt Kepinski, ist die Kugel durchgegangen, die seinen Vater getötet hat. Er kann den Ausweis den Besuchern aus Sylt zeigen, er hält ihnen auch ein Bild seines kleinen Bruders hin, der damals sterben musste. „Diese Menschen waren alle vollkommen unschuldig“, wird Petra Reiber später sagen, als ob sie es immer noch nicht fassen könnte, was sie an diesem Nachmittag gehört hat, „und so viele mussten trotzdem sterben.“

Jetzt erzählen die anderen Überlebenden: Davon, wie die kranke Tante es nicht geschafft hat, aus dem Haus zu kommen, bevor die Deutschen kamen und sie später ihre Leiche halb verbrannt wieder fanden, davon, wie sie sahen, wie Menschen in den großen Warschauer Markthallen zusammengetrieben und getötet wurden, oder darüber, wie sie unter den Trümmern eines Hauses im Keller vergraben lagen und nur mit sehr viel Glück, aber schlimmsten Verbrennungen überlebten.

Eine Dolmetscherin übersetzt das Grauen den Sylter Besuchern, die ringen um Fassung. Wiesio Kepinski wird nach dem Treffen sagen, dass er auf einmal Mitleid mit den Syltern bekommen habe: „Wir kennen die Geschichten, aber sie mussten sich all dieses Leid auf einmal anhören.“

Mit dabei bei dem Treffen ist auch der Schweizer Historiker Philipp Marti, der in Warschau aus seiner Doktorarbeit „Der Fall Reinefarth“ lesen wird. Auf einmal die Menschen in Fleisch und Blut zu treffen, über die er in den vergangenen Jahren so viel in historischen Dokumenten gelesen habe, dies bedeute ihm sehr viel, sagt der 35-Jährige.

„Es fällt mir schwer, jetzt zu sprechen, es hat mich sehr bewegt, was sie erzählt haben“, sagt Petra Reiber. „Wir können das Leid nicht wieder gut machen, aber wir sind hierher gekommen, um ein Stück deutsch-polnische Geschichte aufzuarbeiten.“ Sie wolle, dass auf Sylt, wo die Wahrheit über Reinefarth viel zu lange verschwiegen und verdrängt worden sei, endlich umfassend bekannt machen, was dieser Mann den Polen angetan habe. Dem Historiker Marti sei die Insel zu Dank verpflichtet, habe seine Forschung doch mit dafür gesorgt, dass sich die Insulaner stärker mit diesem Teil ihrer Geschichte auseinander setzen.

Wiesio Kepinski sagt nach dem Gespräch, dass es für ihn dann doch keinen Unterschied gemacht habe, seine Geschichte den Syltern oder guten Bekannten zu erzählen. Er hoffe, dass „der Besuch Früchte trägt.“ Dann überlegt er. Welche Früchte? „Reinefarth ist tot. Ihn kann man nicht mehr bestrafen.“ Trotzdem sei er froh, dass die Sylter gekommen sind. Und sich auf einen Teil der Geschichte Wolas eingelassen haben.

 

 

 

 

 

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