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Geschichte in SH : Heinz Reinefarth: Der einzige SS-General im Landtag

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Vergangenheitsbewältigung: Der Schweizer Historiker Philipp spricht im Interview über die Besonderheit des Falls Reinefarth.

Was bewog einen jungen Historiker aus der Schweiz, sich ausgerechnet einem düsteren Kapitel deutscher Zeitgeschichte zuzuwenden?

Philipp Marti: Wenn man ganz am Anfang beginnen will: In gewissem Sinn bin ich ein „Guido-Knopp-Kind“; das heißt, als ich mich in meiner Jugend für Geschichte zu interessieren begann – etwa in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre – waren die ZDF-Dokumentationen über das Dritte Reich sehr populär. Ich schaute mir viele dieser Sendungen an und entwickelte ein nachhaltiges Interesse an der Geschichte des Nationalsozialismus. Später, als sich dieses Interesse wissenschaftlich ausdifferenziert hatte, begegnete mir die Person Reinefarth bei meiner Magisterarbeit über den militärischen Endkampf um Berlin zum ersten Mal. Bei der Themenwahl für die Dissertation, welche ich zunächst im Bereich der neueren Täterforschung ansiedeln wollte, erinnerte ich mich dann wieder an seinen Namen. Daraus wurde dann eine Arbeit, die sich infolge von Reinefarths prominenter Nachkriegskarriere immer mehr zu einer exemplarischen Studie über die deutsche Vergangenheitsbewältigung entwickelte.


Was macht den Fall Reinefarth so einmalig in der Bundesrepublik Deutschland?

Auch anderen, die vor 1945 hohe Positionen innegehabt hatten, gelangen in der BRD steile Karrieren. Die Einzigartigkeit von Reinefarths Fall ergibt sich jedoch daraus, dass er der einzige SS-General ist, der je in ein deutsches Länderparlament einzog. Die SS galt ja in den 1950-er Jahren, als die Verbrechen der NS-Zeit zumindest öffentlich verdrängt wurden, als Symbol schlechthin für das, was die Gesellschaft nur zu schnell hinter sich lassen wollte: So war zwar akzeptiert, dass im Namen der Deutschen Verbrechen begangen worden waren, aber die Verantwortung dafür wollte man auf einen überschaubaren, klar identifizierbaren Kreis von Schuldigen abschieben, um so die große Masse quasi freisprechen zu können. Das sind gesellschaftspsychologische Mechanismen, die unterbewusst ablaufen, sich aber doch in öffentlichen Sagbarkeitsregeln äußern, etwa in der Art: Hier die Wehrmacht, die zivilen Behörden und überhaupt die meisten aller Deutschen, die vermeintlich anständig geblieben waren, dort die oberste Führungsclique um Hitler, Göring, Goebbels und Himmler, die mit Hilfe der SS und des KZ-Personals das Jahrhundertverbrechen der Shoah geplant und vollzogen hatte. Reinefarth stellte innerhalb dieses Konsenses gewissermaßen einen Grenzfall dar: Hoher SS-Offizier zwar, doch sah man in ihm lange Zeit in erster Linie den Militärführer, der sich während des Warschauer Aufstandes gegen Untergrundkämpfer zu behaupten hatte. Erst mit seinem Einzug in den Landtag, der DDR-Propagandaoffensive gegen seine Person und der sich auch wissenschaftlich durchsetzenden Einsicht, dass bei der Aufstandsbekämpfung von deutscher Seite her Massenverbrechen begangen worden waren, kippte seine öffentliche Position langsam und musste er sich schließlich aus der Politik zurückziehen.


Wie beurteilen Sie die Aufarbeitung der NS-Geschichte in Deutschland, im besonderen in Schleswig-Holstein, einem „braunen Naturschutzgebiet“, wie die „Zeit“ einst schrieb? Schlüpften hier besonders viele NS-Täter unter, um eine neue Karriere zu beginnen?

Das ist eine sehr große Frage, die ich an dieser Stelle nicht umfassend beantworten kann. Bekannt ist, dass Schleswig-Holstein nicht zuletzt aufgrund seiner geografischen Lage zur eigentlichen „Flüchtlingshochburg“ innerhalb der Bundesrepublik wurde und dass sich 1945 nach der Auflösung des Polizei- und Sicherheitsapparates besonders viele Schwerbelastete, hohe und höchste Funktionsträger des NS-Apparates in den hohen Norden zurückzogen. Beileibe nichts Neues ist auch, dass die öffentliche Erinnerung an die NS-Zeit in Schleswig-Holstein lange Zeit sehr stiefmütterlich gehandhabt wurde, dass etwa der Kieler Landtag als das maßgebliche Forum politischer Öffentlichkeit das Thema der NS-Vergangenheit auch durch die 1960-er und 1970-er Jahre hindurch weitgehend ignorierte. Im Bereich der regionalgeschichtlichen Forschung über den Nationalsozialismus war der Stand bis in die 1980-er Jahre selbst im Vergleich mit anderen Bundesländern erwiesenermaßen defizitär. Diesem Umstand und der anschließend erstmals stattfindenden politischen Debatte über die fehlende Aufarbeitung der NS-Zeit verdankt ja auch das Institut für schleswig-holsteinische Zeit- und Regionalgeschichte, das für mein Buch die Herausgeberschaft übernommen hat, letztendlich seine Gründung.


Welche Erfahrungen machten Sie bei Ihren Reinefarth-Recherchen auf der Insel Sylt? Erfuhren Sie dabei Unterstützung oder auch Ablehnung?

Ich habe mich bei meinen Recherchen nur sehr punktuell auf Zeitzeugenberichte abgestützt, sondern vor allem im Sylter Archiv in Westerland geforscht. Namentlich mithilfe der Auswertung der damaligen Lokalpresse ließen sich die Stimmungslage und die politischen Diskurse während Reinefarths Bürgermeisterzeit recht genau rekonstruieren. Ich kann nur sagen, dass ich bei der Archivarbeit nach Kräften unterstützt wurde. Sicher, daneben wurde die eine oder andere Anfrage auch negativ oder gar nicht beantwortet, dies möchte ich aber nicht gleich als grundsätzliche Ablehnung interpretieren. Sagen wir es so: Das Interesse war nicht überall gleich groß.


Hatten Sie Kontakt zu Nachfahren von Heinz Reinefarth oder sich darum bemüht?

Ja, ich habe mich darum bemüht und stand auch in losem Kontakt mit einem Nachkommen Reinefarths. Zu einem intensiveren Austausch ist es dann nicht gekommen. Dafür habe ich jedoch volles Verständnis. Man muss sich das vorstellen: Für seine jetzt lebenden Angehörigen, die ihn noch gekannt haben, war Reinefarth ein liebevoller Vater oder Großvater, den man vorwiegend als Privatmensch und nicht in seinen beruflichen Funktionen erlebt hat. Sie tragen an den Verbrechen, in die er als Besatzungsfunktionär verstrickt war und für die er als Kampfgruppenführer in Warschau maßgeblich mitverantwortlich zeichnete, nicht die geringste Schuld, müssen aber ihre persönlichen Erinnerungen an ihn immer wieder mit der öffentlichen Aufarbeitung der NS-Zeit, für die er ja in Schleswig-Holstein sehr prominent steht, teilen – gerade für diejenigen, die nach wie vor in der Region leben, dürfte dies eine sehr belastende Zerreißprobe darstellen. Zudem: Wer von uns definiert sich, bei aller Liebe, schon über seinen Großvater? Reinefarths Nachfahren leben ihr eigenes Leben in der Gegenwart, haben Familie und Beruf, und werden von außen doch immer wieder auf die Vergangenheit bezogen. Es ist ihr gutes Recht, mit der Familiengeschichte umzugehen, wie sie dies für richtig erachten.


In Westerland, wo Reinefarth seine zweite Kariere machte, wird darüber diskutiert, ob ein Gedenkstein für die Opfer des Warschauer Aufstandes 1944, an dessen blutiger Niederschlagung Reinefarth als SS-Offizier maßgeblich beteiligt war, aufgestellt werden soll. Streit gibt es vor allem darüber, welche Inschrift das Mahnmal tragen und ob Reinefarths Name genannt werden soll. Welchen Rat können Sie den Kommunalpolitikern auf Sylt dazu geben?

Erlauben Sie mir hierzu zunächst eine persönliche Bemerkung: Die Sylter Politik hat sich letzten Sommer dafür entschieden, die Publikation meiner Arbeit finanziell zu unterstützen. Dafür bin ich dankbar. Gleichzeitig stellt dies für mich ein deutliches Signal dar, dass man grundsätzlich gewillt ist, sich der Vergangenheit zu stellen. Von der wissenschaftlichen Warte aus, zumal aus der Ferne des Auslands, ist es natürlich immer einfacher, Ratschläge zu erteilen, ohne dann mit den Folgen leben und die direkte Verantwortung für solche Entscheidungen tragen zu müssen. Allerdings glaube ich, dass sich das Thema früher oder später sowieso aufgedrängt hätte: Eine hohe Nazi-Persönlichkeit in einer derartigen Stellung – das wirft verstörende Fragen auf und lässt sich nicht ewig totschweigen. Warum also – und dies wäre nun mein bescheidener Rat – nicht jetzt die Gelegenheit beim Schopf packen und nach der Förderung der wissenschaftlichen Aufarbeitung auch den zweiten Schritt machen und ein klares erinnerungskulturelles Zeichen setzen? Dazu gehört aber unabdingbar, dass die Fakten beim Namen genannt werden und, wie genau ausformuliert auch immer, eine klare Verbindung hergestellt wird zwischen den Menschen, denen das Mahnmal gewidmet ist, und dem Ort, an dem es steht. Alles andere wäre – mit Verlaub – eine Mogelpackung, die dem eigentlichen Problem und den zu Gedenkenden nicht gerecht würde, denn: Die Person Reinefarth, die damit zusammenhängende Karriere und das Bürgermeisteramt als Folge einer höchst mangelhaften Entnazifizierung auch und gerade in Schleswig-Holstein, sind ja doch ohne Zweifel die einzige Ursache dafür, dass in Westerland unter den unzähligen Opfern der Nazi-Okkupation Osteuropas ausgerechnet an diejenigen des Warschauer Aufstandes so herausgehoben erinnert werden soll.

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erstellt am 12.Mai.2014 | 06:40 Uhr

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