Neue Tests : Hamburgs Kinderhäuser sind überlastet

Die Kinderschutzhäuser in Hamburg platzen aus allen Nähten. Die Überlastung wird mit dem Fall Chantal in Verbindung gebracht.

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27. August 2012, 08:28 Uhr

Hamburg | Seit dem Methadontod des Mädchens im Januar bei ihren drogenabhängigen Pflegeeltern müssen Pflegefamilien ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis und ein Gesundheitszeugnis vorlegen. "Die Kinderhäuser sind überfüllt, es ist zu einem zeitlichen Engpass gekommen", bestätigt Joachim Speicher, Geschäftsführer beim Paritätischen Wohlfahrtsverband Hamburg. Denn Familien, die langfristig bereit sind, die Kinder aufzunehmen, müssen sich einem umfangreichen Social-Screening unterziehen. Sie werden aufgefordert, neben dem üblichen Eignungsverfahren bei der Jugendhilfe, nun zusätzlich zum Amtsarzt zu gehen und im Krankenhaus einen Drogentest zu absolvieren. "Früher hat so ein Eignungsverfahren drei Wochen gedauert, jetzt sind es oft zwölf", kritisiert Speicher.
Die Folge sei, dass immer weniger Familien bereit sind, Pflegekinder aufzunehmen. In den sechs Kinderhäusern in Hamburg ist insgesamt Platz für 58 Kinder im Alter bis sechs Jahre, derzeit sind aber rund 20 Kinder mehr untergebracht. "Die Gruppen wurden von sechs auf acht Kinder aufgestockt", bestätigt die Sprecherin der Sozialbehörde Nicole Serocka. Weitere Kinder wurden in Wohngruppen untergebracht. Als Sofortmaßnahme wurde auch der Personaleinsatz in den Kinderschutzhäusern verstärkt. Die Vermittlung in Pflegefamilien habe aber weiterhin äußerste Priorität, insistiert Serocka.
"Es hat immer wieder große Schwankungen gegeben"
Als weitere Maßnahme für die Kleinen springen als Ergänzung zu den Kinderschutzhäusern Bereitschaftspflegeeltern ein, bis dauerhafte Pflegeeltern gefunden sind. Doch auch diese sind nun komplett überfordert. "Im Schnitt waren die Kinder in 2011 vier Monate in der Bereitschaftspflege, momentan sind es eher sieben", berichtet Ralf Portugall, Sprecher des Fachdienstes für Pflegekinder Pfiff.
Es gibt in Hamburg ungefähr 30 Bereitschaftsfamilien. Auch diese müssen sich den neuen Tests unterziehen. Im April hatte die Sozialbehörde diese umfangreichen Maßnahmen beschlossen. "Bei 13.000 Pflegekindern ist das jetzige Verfahren nicht praktikabel", moniert Speicher. Die Tests seien in dieser Generalität unsinnig, "im Fall Chantal ist auch bekannt gewesen, dass die Eltern drogenabhängig waren, genützt hat es nichts."
Die Sozialbehörde sieht indes keine Vermittlungsschwierigkeiten. "Es hat immer wieder große Schwankungen gegeben, was die Belegung der Kinderschutzhäuser betrifft", sagt Serocka. An den Maßnahmen führe kein Weg vorbei. Grundsätzlich könne man sagen, dass nahezu alle potenziellen Pflegeeltern diese Maßnahmen akzeptieren würden und bereit seien, sich den Drogentests zu unterziehen.

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