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Folgen des Sturmtiefs : Hamburg-Sylt in sieben Stunden

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Sturmtief „Christian“ legt auch am Mittwoch noch die Bahnstrecken lahm. Unsere Mitarbeiterin Cornelia Pfeifer wollte von Hamburg nach Westerland. Sie berichtet von einer Odyssee im Schienenersatzverkehr.

shz.de von
erstellt am 31.Okt.2013 | 00:34 Uhr

Hamburg/Sylt | Aufgeregt spricht eine Frau neben mir in ihr Handy: „Nein, ich schaffe es nicht rechtzeitig zum Gerichtstermin. Können Sie nicht jemand anders vorziehen?“, fragt sie nervös. Als die Person am anderen Ende der Leitung nicht einlenkt, wird die Frau ärgerlich: „So ist das eben, wenn man auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen ist.“

Es ist halb zehn am Mittwochmorgen, die Dame, ich und gefühlt halb Nordfriesland warten am Husumer Bahnhof auf den Schienenersatzverkehr. In großen Teilen Schleswig-Holsteins herrscht Chaos auf den Bahnstrecken – das macht meine üblicherweise dreistündige Zugreise von Hamburg nach Sylt zu einer wahren Odyssee. Das Orkantief Christian hat Oberleitungen zerstört, Züge entgleisen und Bäume umstürzen lassen. Während „Christian“ auf Sylt mit über 184 Stundenkilometern wütete, war ich in Hamburg zu Besuch bei meinem Freund und bekam vergleichsweise wenig davon mit. Das ganze Ausmaß der Zerstörung wurde mir zum ersten Mal Dienstagabend bewusst, als ich im Internet auf der Seite der Nord-Ostsee-Bahn (NOB) entdeckte, dass meine Heimreise wohl nicht so reibungslos ablaufen würde wie sonst. Da war die Rede von Triebwagenverkehr und dem Einsatz von Bussen sowie umfangreichen Verspätungen und der Empfehlung, möglichst andere Transportmittel zu benutzen.

Leider stand mein Auto auf Sylt, und für die Suche nach einer Mitfahrgelegenheit war es zu spät. So stand ich am nächsten Morgen um halb sechs leicht verschlafen an der Station Berliner Tor und erwischte noch gerade rechtzeitig die S-Bahn in Richtung Pinneberg.

Auf meiner insgesamt siebenstündigen Reise mit zwei S-Bahnen, zwei Bussen und zwei Zügen merkte ich dann bald, dass man selten anderen so sehr ausgeliefert ist, wie in öffentlichen Verkehrsmitteln: Ohne Ansprechpartner und im Dunkeln stand ich mit dem vagen Versprechen, irgendwann käme ein Bus, vor dem Pinneberger Bahnhof. Online-Auskunft, Anzeigetafeln und Realität unterschieden sich so sehr voneinander, dass ich am Ende nicht mehr wusste, worauf ich mich verlassen sollte.

Am Husumer Bahnhof hoffe ich jetzt darauf, dass bald der Bus nach Niebüll kommt. Auf der Bahnstrecke in Richtung Norden steht ein entgleister Zug, auf den während des Orkan-Tiefs gleich mehrere Bäume gestürzt sind. Solange weder der Zug noch die Bäume aus dem Weg geräumt sind, hat die NOB zwischen Husum und Niebüll einen Schienenersatzverkehr – sprich: Bus – eingerichtet. Die haben den Auftrag, immer um halb zu fahren – die Züge kommen dummerweise bloß immer eine Minute nach halb an: Wir müssen also eine Stunde warten. Alles nicht so schlimm – wären wir nicht wegen defekter Oberleitungen zwischen Hamburg und Elmshorn schon seit dreieinhalb Stunden mit S-Bahnen, Bussen und Zügen unterwegs gewesen.

Christin Blaedtke sitzt zwei Reihen vor mir im Bus und ärgert sich auch. „Da will man einmal mit dem Zug fahren – und dann so was. Wäre ich mal mit dem Auto gefahren“, sagt die Hamburgerin. Geplant hatte Blaedtke einen Ausflug nach Sylt, jetzt sitzt sie mit 60 anderen Fahrgästen der NOB – einschließlich mir – am Husumer Bahnhof fest.

Immerhin habe ich in Husum die Möglichkeit, mich mit dem Busfahrer über die Situation zu unterhalten. Er versteht den Ärger der Fahrgäste, sagt aber, die Situation sei für ihn und seine Kollegen nicht weniger nervig. Ganz kurzfristig sei an diesem Mittwochmorgen die Anfrage gekommen, ob ein Schienenersatzverkehr um sechs Uhr eingerichtet werden könne. „Das haben wir natürlich nicht von jetzt auf gleich organisieren können – die ersten Busse fuhren dann erst um acht.“

In der Regel sind es in diesen Tagen vor allem die Busfahrer und Zugbegleiter, die den Ärger der Fahrgäste zu spüren bekommen – dabei können sie am wenigsten dafür. „Schuld ist das Orkantief ‚Christian‘ – und die schlechte Informationspolitik der NOB“, findet Eike Jürgen. Sie pendelt jeden Tag von Heide nach Sylt und ärgert sich vor allem, weil sie, wie schon an den letzten beiden Tagen, zu spät zur Arbeit kommen wird. Am Montag war ihr Zug zwischen zwei umgestürzten Bäumen gefangen und musste von der Feuerwehr evakuiert werden. „Das Bahnpersonal hat super reagiert“, erzählt sie, „aber an den kleineren Bahnhöfen findet man nirgendwo jemanden, der einem weiterhilft, die Anzeigetafeln sind nicht aktuell und die Informationen im Internet stimmen hinten und vorne nicht.“

Als wir nach sieben Stunden endlich am Westerländer Bahnhof eintreffen, kann ich ein bisschen nachvollziehen, wie sich Odysseus auf seinem Heimweg nach dem Trojanischen Krieg gefühlt haben muss. Wir hatten zwar nicht mit Seeungeheuern, Sirenen und einäugigen Riesen zu kämpfen. Aber öffentliche Verkehrsmittel und die Folgen eines Orkantiefs bilden eine kaum weniger explosive Mischung.

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