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Lesung : Gysi auf Sylt: „Reichtum für alle“

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Der Linke-Politiker plauderte in Kampen über sich und sein Spiel mit scheinbaren Widersprüchen.

shz.de von
erstellt am 21.Aug.2015 | 05:29 Uhr

Ihn wollten alle sehen, hören, erleben. „Den Unterhalter“, wie der Journalist Günther Jesumann den Linken-Politiker Gregor Gysi gleich zu Beginn der Talkrunde mit ihm charakterisierte. Nach gut 100 Minuten hatte Gysi mit seinem Unterhaltungstalent nicht nur Jesumanns Charakterisierung bestätigt, er hätte von seinem Publikum an diesem Abend auch ein Zustimmungsergebnis wie zu besten DDR-Zeiten für seine politischen Ansichten, philosophischen Überlegungen und psychologischen Erkenntnisse erhalten. Und das in Kampen, „dem Ort der Schönen und Reichen“.

Jesumann wunderte sich, dass Gysi überhaupt nach Sylt, einem Hotspot des Kapitalismus, gekommen war, um hier sein Buch „Was bleiben wird“ vorzustellen. „Ich bin gern dort, wo es auch Widerspruch zu mir gibt“, erklärte der sichtbar entspannte, vor guter Laune geradezu sprühende Meister des schnellen Wortes, dessen Lust am Erzählen, Analysieren und Polemisieren ihn selbst so beflügelt, dass sein Gegenüber nur wenige Stichworte nennen musste, um von Gysi auf eine Gedankenreise mitgenommen zu werden, an deren Ende oft hörbare Zustimmung stand. Und so gab es an diesem Abend im Kaamp-Hüs immer wieder freudigen Applaus für Gysi. Egal, ob er noch mal erklärte, warum er am Morgen bei der Sondersitzung des Bundestages zur Griechenland-Hilfe mit Nein gestimmt hat, aber Griechenland trotzdem helfen will, die DDR für einen kaputten Staat hielt, sich dort aber auch richtig fühlte oder jeden Vergleich zwischen der Hitler-Diktatur und anderen Diktaturen vehement ablehnt. Die Kunst der Dialektik beherrscht der Jurist und Spitzenpolitiker geradezu traumwandlerisch. Man könnte ihn verschmitzt nennen, wenn er nicht so überzeugend charmant, so klug und eloquent seine Lebensweisheiten und Überzeugungen vorzutragen verstehen würde.

„Die dachten ja, ich komme gar nicht mehr auf das Thema“, freute sich Gysi, als er von dem Mittwochmorgen im Bundestag und der Sondersitzung zur Griechenland-Hilfe erzählte. (Bei Birgit Friese, Kampens Tourismuschefin, hatte die Sondersitzung schlaflose Nächte provoziert, weil damit plötzlich die bis auf den letzten Platz ausverkaufte Veranstaltung mit dem Polit-Star drohte abgesagt werden zu müssen.) Gysi bereitete die Abstimmung in Berlin dagegen eine willkommene Plattform, erstmal über ganz andere Themen wie Flüchtlingshilfe oder dem Skandal um die Anzeige wegen Landesverrat gegen Netzwerk.Org im Bundestag zu reden. Dann klärte Gysi Günther Jesumann und das gebannt lauschende Publikum darüber auf, dass die außerplanmäßige Sitzung ihm einen Privatflug nach Sylt eingebracht hat - auf Kosten des Steuerzahlers. „Solche Sitzungen sind immer sehr teuer“, ließ der Aufklärer wissen, müssen dafür doch die Abgeordneten aus Urlauben geholt beziehungsweise geflogen werden oder eben zu Terminen, die sie lange vor der Festlegung der Sondersitzung des Bundestages zugesagt hatten...

Das Geschäft mit der Politik, der Umgang dort mit Freund und Feind, die Kunst, keine Zeitungen zu lesen, wenn man fürchten muss, da nur wieder Anfeindungen ertragen zu müssen, aber auch den richtigen Zeitpunkt zu erwischen, sich aus dem Politikbetrieb zurück zu ziehen, wenn man noch geschätzt wird, im privaten wie im öffentlichen Leben nicht immer siegen zu wollen, weil das am Ende nur Gegnerschaft und Scheitern von Beziehungen provoziert oder Linke mit dem Satz zu schockieren: „Reichtum für alle“ - wenn man Gregor Gysi einen Abend lang zuhört, vergehen nicht nur 100 Minuten wie ein Augenblick, man glaubt auch, die Welt ein bisschen besser zu verstehen.

Klar wird dabei auch, warum der Anwalt so beliebt ist - selbst beim politischen Gegner. Zum einen liegt es sicher an der geschliffenen Rede, den klug klingenden Analysen, dem feinen Humor und der Fähigkeit zur Selbstironie. Entscheidender dürfte seine Ausstrahlung als zugewandter, heiter gestimmter und ehrlich von seine Ansichten überzeugter Mensch sein. Dass der auch mit einem satten Selbstbewusstsein ausgestattet ist und die Macht liebt, bleibt dabei fast im Hintergrund.

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