Groschenromane : Grusel-Autor: Warum John Sinclair auf Sylt Geister jagt

So sieht er aus, der erfolgreichste deutsche Grusel-Autor: Helmut Rellergerds Autorgrammkarte, auf der er natürlich Jason Dark heißt.
So sieht er aus, der erfolgreichste deutsche Grusel-Autor: Helmut Rellergerds Autorgrammkarte, auf der er natürlich Jason Dark heißt.

Helmut Rellergerd schreibt seit 40 Jahren als Jason Dark die Groschenromane rund um den Geisterjäger John Sinclair - und kommt immer wieder nach Sylt.

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01. Juli 2013, 12:31 Uhr

Sylt | Seine Werke heißen "Die Satanszwerge von Sylt", "Das Grauen von St. Severin" oder "Der Mördermönch von Keitum". Sie kosten 1,35 Euro und fast jeder wird jemanden kennen, der sie kauft - auch wenn er sie vielleicht nicht öffentlich liest. Die Groschenromane von Jason Dark, in denen der Geisterjäger John Sinclair die Welt von unheimlichem Übel befreit, haben insgesamt eine Auflage von rund 400 Millionen. Helmut Rellergerd, so heißt Jason Dark wirklich, hat allerdings auch ein Schreib-Pensum, mit dem wenige mithalten können: Seit 1973 erscheint wöchentlich ein Groschenroman aus der Reihe, 40 Jahre lang schon schickt Rellergerd seinen Geisterjäger John Sinclair auf Abenteuer: "Es ist eine sehr spezielle Beziehung, man könnte auch sie einen Fluch nennen", schreibt der Tagesspiegel dazu.
Trotzdem: Einen Abgabetermin, sagt Rellergerd, hat er in all den Jahren nicht verpasst - obwohl er gelegentlich auch Urlaub macht. Seit 1989 kommt er jedes Jahr mit seiner Frau nach Sylt. Immer im November. Warum es ihn zu dieser Jahreszeit auf die Insel zieht, lässt sich aus "Der Mördermönch von Keitum" schließen: "Wer zu dieser Zeit auf der Insel war und Urlaub machte, der zählte zu den wahren Kennern und brauchte nicht die Nähe der oft eingeflogenen Promis oder Luder, die ihre Körper und Gesichter in jede Kamera halten".

Sylter tauchen in Romanen auf

Ehepaar Rellergerd wohnt also jeden November für eine Woche im Benen-Diken-Hof, und der Grusel-Autor lässt sich von der Insel inspirieren. Die engen Keitumer Gassen tauchen in den Heftchen genauso auf wie die Warterei vor der Autoverladung in Niebüll. Selbst der eine oder andere Insulaner scheint Rellergerts Phantasie anzuregen: Benen-Diken-Hof-Besitzer Claas-Erik Johannsen lernt als Claas Claasen, Hotel-Chef vom Deichhotel, in Rellergerds Sylt-Horror das Fürchten. Und Silke von Weser, "die auf der Insel und besonders in Keitum so etwas wie eine Heimatforscherin, Fremdenführerin und Buchautorin war", landet im "Mördermönch" sogar kurzzeitig in der Hölle. Am Ende aber - und da gehören die Insulaner bei Rellergerd zu den wenigen Auserkorenen - bleiben die beiden am Leben.
Das Sinclair’sche Grauen spielt zwar nicht immer auf Sylt, "aber öfter als anderswo", erklärt der 68-jährige Grusel-Autor. Dass die Leser eines Gruselromans deutschen Lokalbezug mögen, sei aber eine neue Entwicklung, sagt Rellergerd: "Heute kann ich den Sinclair überall ermitteln lassen, im Bayrischen Wald, in Köln oder auf Sylt. 1973 war das noch ganz anders - da musste ja auch das englische Synonym Jason Dark sein."

Großer Erfolg in den 70ern und 80ern

Eigentlich wollte Rellergerd, der mit seiner Frau in Bergisch Gladbach lebt, Journalist werden. "Aber da war mein Vater dagegen, der sagte, ich soll etwas Ordentliches machen." Nach einem Abstecher zur Bundeswehr und einer Ausbildung als Chemotechniker, während der Rellergerd schon regelmäßig Roman-Ideen an den Bastei-Verlag schickte, hatte er endlich Erfolg: Der Verlag stellte ihn als Redakteur ein, und "weil sich meine Romane so gut verkauften, bekam ich bald meine eigene Reihe." So wurde Jason Dark geboren. Sein Vater, sagt Rellergerd, habe sich mit der Berufswahl schließlich abgefunden - "als ich dann öfter in der Zeitung oder im Radio interviewt wurde, war er schon stolz."
Damals, in den 70ern und 80ern, waren Groschenromane eher im Trend als heute: "Früher hatte ich eine Auflage von 60- bis 70.000 Heften in der Woche", erinnert er sich , "heute sind es vielleicht 13.000." Nebenbei entstand eine recht erfolgreiche Sinclair-Hörbücher-Reihe, Comics und Filme - aber mit denen ist Rellergerd nicht so zufrieden gewesen.

Kindern den Beruf lange verschwiegen

Über die Hälfte seiner Leser sind weiblich, sagt Rellergerd, "wahrscheinlich, weil meine Geschichten nicht so brutal sind", vermutet der Autor. Seinen eigenen beiden Kindern hat er seinen Beruf allerdings lang verschwiegen - für die fuhr Papa jeden Morgen ins Büro zu einer nicht weiter spezifizierten "Arbeit". "Ich wollte sie normal groß werden lassen", erklärt er. Sein heute achtjähriger Enkel weiß allerdings, was Opa macht: "Der hat neulich im Supermarkt ein Foto von mir auf einem Cover gesehen und war ganz begeistert."
Dass sein Opa sich bald zur Ruhe setzen wird, muss er nicht befürchten. Mit Eintritt ins Rentenalter habe er seine Schreibzeit auf Vormittags reduziert, sagt Rellergerd. Aber die Ideen, die gehen ihm nicht aus: "Ich schreibe, bis der liebe Gott oder der Teufel die Peitsche rausholt". Und pünktlich zu seinem nächsten Sylt-Besuch, im kommenden November, verspricht er, wird John Sinclair wieder auf Sylt ermitteln.

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