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Jahrhundertübung : Großeinsatz auf dem Hindenburgdamm

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Hunderte Einsatzkräfte proben gemeinsam für den Ernstfall auf dem Hindenburgdamm.

shz.de von
erstellt am 22.Mai.2013 | 10:59 Uhr

Sylt | Das Unfall-Szenario: Wir haben den 16. Juni 2013, der erste Regelzug (Abfahrt Westerland 1 Uhr) überquert den Bahndamm und passiert bei "KM 222,8" einen in Gegenrichtung stehenden Unfallzug. Kurz darauf scheint die Hölle auszubrechen, die Leitstelle Nord löst Vollalarm aus: Einsatzstichwort "Hindenburgdamm-Stufe 3".
Die ersten Einsatzkräfte vor Ort sind die Feuerwehren Morsum und Archsum, sowie sieben Einsatzkräfte (inklusive Notarzt) vom DRK Sylt, welche im Ernstfall Bereitschaft hätten. Bis die erste Verstärkung kommt (Rettungsdienstler, SEG- Einheit, Notärzte, weitere Feuerwehren der Insel) muss eine Triage (Sichtung) vorgenommen werden: Je nach ersichtlichem Schweregrad werden die Verletzten farblich markiert, es gibt 80 Verletzte, da muss alles rasend schnell gehen. Auf dem Festland starten Kleinfahrzeuge mit weiteren Hilfskräften, sowie ein Rettungszug mit notwendigem Material, weiteren Rettungsdienstlern, Notärzten, Feuerwehren, Hilfsorganisationen und Technischem Hilfswerk. "Wenn ihr es bis dahin geschafft habt, alles einigermaßen zu strukturieren, so droht spätestens jetzt wieder das Chaos, denn die müssen nun auch noch alle gelenkt werden", so Christian Wehr von der Fachdienstleitung Rettungsdienst, Brand- und Katastrophenschutz des Kreises Nordfriesland. Ihm obliegt die Planung dieser "Jahrhundertübung", für die die Einsatzkräfte bereits vergangene Woche probten. Eng an seiner Seite: der stellvertretende Kreisbrandmeister Günther Neumann.

Dreifaches Tuten heißt: sofortiger Einsatzabbruch


Während an der Unfallstelle den schwierigen Umständen entsprechend die Verletzten versorgt werden, laufen in Niebüll auf dem Gelände des Autozug Sylt Shuttle fieberhaft die Aufbauarbeiten eines Behandlungsplatzes und diverser Einsatzabschnitte zur Entgegennahme der Verletzen. Über dem "Hindenburgdamm KM 222,8" kreisen derweil Rettungshubschrauber (drei "Verletzte" verlassen den Ort per Luftrettung), sowie ein großer Helikopter der Bundespolizei- von dort aus wird beobachtet, fotografiert und gefilmt. Somit ist sogar der Luftraum über der Einsatzstelle voll und die Kräfte am Boden müssen mit diesem Lärm klar kommen.
Im Unfallzug befinden sich neben Medienvertretern auch Personen aus Politik, Behörden und öffentlichem Leben. "So viele Menschen auf engstem Raum, ein sehr eng gesteckter Zeitrahmen (zwei Stunden), sowie interne und externe Beobachter vor Ort treiben den Stresslevel natürlich enorm in die Höhe", so Christian Wehr. Er hoffe inständig, dass es in dieser Nacht wenigstens keinen Regen gibt, dann würde die Übung noch gefährlicher. Sein Appell an alle lautet somit auch: "Vorsichtig bewegen da draußen! Auf die Stirn schreiben: "Eigenschutz". Und sollte ein dreifaches Tuten erklingen, und sei es von der Lok ausgehend, dann bedeutet das schlichtweg den sofortigen Einsatzabbruch!" Vorsorglich wird es einen "Abschnitt Sicherheit" geben, besetzte Fahrzeuge von Feuerwehr und DRK stehen bereit für den Fall, dass es "echte" Verletzte gibt und sind nicht in die Übung eingebunden.

"Wir werden Fehler sehen"


Insgesamt werden rund 450 Einsatzkräfte beteiligt sein, die Vorbereitungen
laufen seit einem Jahr, die Planungen jedoch schon viel länger, also bevor der Unfall auf dem Bahndamm geschah, der einem jungen Mann das Leben kostete.
"Die deutsche Bahn, der Autozug Sylt Shuttle und die Nord-Ostseebahn haben alle sofort grünes Licht für diese Großübung gegeben", erklärt Günther Neumann. Überhaupt laufe die Zusammenarbeit zwischen den Beteiligten ausgezeichnet. Alle seien natürlich sehr daran interessiert, die praktische Anwendbarkeit der neuen "Einsatzkonzeption für Unfälle auf dem Hindenburgdamm" zu überprüfen. Auf jeden Fall wird es eine harte Trainingsübung für alle Einsatzkräfte geben und man ist sich im Klaren: "Wir werden Fehler sehen." Prozessabläufe und Zeitansätze werden später analysiert und das Rettungskonzept daraufhin weiter optimiert. Die Auswertungen sollen nicht allein auf den Grundlagen der offiziellen Übungsbeobachter basieren, auch die Rückmeldungen der Einsatzkräfte und der Zuschauer werden eine wichtige Rolle spielen. Der Übungsablauf ist zwar gut vorbereitet, aber nur innerhalb eines groben Rahmens: "Wir haben einen hohen Realitätsansatz", erklärt Christian Wehr. "Der Zeitplan muss nach Drehbuch verlaufen, das geht nicht anders. Doch was die Rettungskräfte vor Ort erwartet, können diese kaum abschätzen." Die Verletzten werden schließlich keineswegs alle ruhig und wohlgemut auf ihre Retter warten.
"Diese Nacht wird schon etwas gefährlich. Aber guckt einfach mal, was kommt. Ihr schafft das schon", gibt Wehr den führenden Einsatzkräften mit auf den Weg. Er selbst habe zwei große Wünsche "nach oben geschickt": Eine klare, sturmfreie Nacht. Und dass niemand drei Mal laut tuten muss."
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