zur Navigation springen

„Sylt Shuttle Plus“ : Gratis nach Sylt fahren: So grotesk läuft der Streit zwischen Bahn und RDC

vom

Seit Sonntag gilt der neue Fahrplan von und nach Sylt. Doch für die neue Verbindung gibt es keine Tickets. Die Fahrgäste freut es.

Nach dem Fahrplanwechsel am Sonntag blickt Sylt irritiert auf die Schienen zwischen Westerland und Niebüll. Auf denen rollen nun mehrmals am Tag an den Syltshuttle gekuppelte Personenwagen (Syltshuttle plus) - aber kaum jemand sitzt darin. Die große Frage lautet: Wo kauft man denn für den Zug Tickets? Die simple Antwort der Bahn: Es gibt keine. Zum ersten Mal in der Geschichte des Hindenburgdamms ist die Bahnfahrt für Fußgänger und Radfahrer nun kostenlos - zumindest bis Donnerstag.

Der Kampf um den Hindenburgdamm der beiden Bahnunternehmen Railroad Development Corporation (RDC) und DB Syltshuttle zieht sich seit Langem hin. Weil viel mehr Züge als bisher auf der teils eingleisigen Strecke fahren sollen, werden sie sich in den Bahnhöfen Westerland und Niebüll gegenseitig blockieren, so die Befürchtung.

„Es lassen sich für den SSP keine Fahrkarten kaufen, auch nicht vom Personal an Bord“, fasst Carsten Carstensen die aktuelle Lage zusammen. Für den RDC-Chef verstärkt sich deshalb der Verdacht, dass es sich bei dem neuen Angebot nicht ernsthaft um einen Sonderservice für den Kunden handelt. Es gehe beim SSP schlicht darum, RDC „rauszuhalten“ aus dem lukrativen Geschäft auf dem Hindenburgdamm. „Wir beobachten das genau“, betont Carstensen – gegebenenfalls werde sich sein Unternehmen rechtliche Schritte vorbehalten. Denn kartellrechtlich sei der „Trick“ der Deutschen Bahn aus seiner Sicht kritisch, sich durch das Ankuppeln von Personenwaggons den Löwenanteil der Autozugfahrten zu sichern.

Weiterhin weist er darauf hin, dass bisher nur rund ein Drittel der Syltshuttle mit Personenwaggons bestückt werden. Ab Ende Januar sollen dann alle Syltshuttle zu Syltshuttle plus werden. „Es hieß vorab immer, wenn RDC kommt, gibt es Chaos“, so Carstensen. Nun trete es aber schon vor dem Betriebsstart des RDC-Autozuges ein, findet der Eisenbahner und verweist auf Verspätungen der Nord-Ostsee-Bahn seit Inkrafttreten des neuen Fahrplans.

Die ganze Geschichte über den irren Kampf um den Hindenburgdamm lesen Sie hier.

Pendler müssen mit Verspätungen rechnen

Bei der Nord-Ostsee-Bahn hält man sich mit Kritik allerdings noch zurück: „Es ist so kurz nach dem Fahrplanwechsel schwierig zu beurteilen, ob und was für Probleme es geben wird“, so NOB-Sprecher Kay Goetze. Generell aber sorge sich das Unternehmen schon: „Spätestens ab Januar, Februar ist dann ja deutlich mehr Betrieb auf den Strecken.“ Und dann stehe der Nahverkehr der Nord-Ostsee-Bahn „ganz am Ende der Nahrungskette“: Weil beide Autozuganbieter sogenannte Expresstrassen bestellt haben, haben ihre Züge vor dem Nahverkehr immer Vorrang. Heißt: Mit Verspätungen müssen dann vermehrt die Pendler rechnen.

Eine Tatsache, die dem Vorsitzenden des Vereins Sylter Unternehmer naturgemäß missfällt: „ Es kann nicht sein, dass unsere Mitarbeiter und wir unter so einer fingierten Sache wie dieser Bahnvergabe leiden müssen.“ Auch die Sylter Unternehmer wollen die Geschehnisse auf der Bahnstrecke dieser Tage genau im Auge behalten, um sich gegebenenfalls für eine sinnvollere Lösung stark zu machen. „Eigentlich müsste man diese Vergabe allein aus Umweltschutzgründen rückgängig machen“, ist Hellner überzeugt, „diese unnützen Rangierfahrten sind doch auch in dieser Hinsicht nicht verträglich.“

Von Seiten der Deutschen Bahn sieht man den Betriebsstart bisher positiv: Ihm seien keine größeren Verzögerungen bekannt, sagt DB-Sprecher Egbert Meyer-Lovis. Auch wenn Ende Januar an allen Autozügen Personenwagen hängen, werde es nicht kritisch: „Dann hat sich unser Betrieb ja eingespielt.“ Ob die Personenwagen, die deutlich langsamer aufs Festland fahren und deutlich teurer sind als der Nahverkehr, jemals vom Kunden angenommen werden, auf diese Frage antwortet Meyer-Lovis allerdings ausweichend: „Das wird der Sommer zeigen.“

Bis einschließlich Donnerstag allerdings bietet der Syltshuttle plus allen Insulanern, Pendlern und Sylt–Spontan-Urlaubern die einmalige Chance, umsonst auf die Insel zu reisen. Wie Meyer-Lovis bestätigte, können weder an den Fahrkartenautomaten, noch im Internet Tickets für die Personenwaggons gekauft werden. Da der Fahrplan so spät festgestanden habe, werde der Syltshuttle plus erst in der Nacht zu Freitag in das DB-System eingespeist. Bis dahin könne der Syltshuttle Plus gratis genutzt werden, sagt Meyer-Lovis.

„Kafkaesk“: Viele Zweifel am neuen Angebot

Im Internet kochen derweil die Gefühle der Insulaner und ihrer Gäste hoch. Der größte Teil der Kommentatoren zweifelt auf der Facebook-Seite der Sylter Rundschau den Sinn des neuen SSP an – das DB–Konstrukt wird wahlweise als „kafkaesk“, „bekloppt“ oder „unverschämt teuer“ bezeichnet.

„Dieser Zug ist so bekloppt, dass ich die Fahrt darin einmal miterlebt haben muss“, sagte einer der ersten Passagiere...

Posted by Sylter Rundschau - Nachrichten für die Insel Sylt on  Sonntag, 13. Dezember 2015

Kritik gibt es allerdings auch von Mitarbeitern der Deutschen Bahn, die sich in der Berichterstattung der vergangenen Tage nicht genug gewürdigt fühlen. Schließlich habe es für sie enormen Aufwand gekostet, diesen Fahrplanwechsel überhaupt umsetzen zu können, so ein DB-Lokführer. Ein Kollege steht ihm zur Seite: RDC habe die „komplette Übernahme“ des Eisenbahnverkehrs nach Sylt geplant, aber „bisher ist da nicht das Geringste nachgekommen“, schreibt der DB-Mann. Er scheint die Einführung des SSP als unausweichliche Folge des Vergabeverfahrens zu sehen: „Und wenn nun die anderen durch den gesetzten Zugzwang einen Fehler machen, wird das benutzt, um sie schlecht zu reden.“

 

zur Startseite

von
erstellt am 14.Dez.2015 | 17:12 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen