Grandioser Psycho-Abend

Super-Duo: Matthias Brandt (li.) und Jens Thomas.  Fotos: Matthias Brandt © Matthias Scheuer, Jens Thomas © Steven Haberland.
Super-Duo: Matthias Brandt (li.) und Jens Thomas. Fotos: Matthias Brandt © Matthias Scheuer, Jens Thomas © Steven Haberland.

Standing ovations im Meerkabarett für Matthias Brandt und Jens Thomas „Psycho“-Inszenierung

shz.de von
14. Juli 2015, 05:52 Uhr

Es gibt sie nur selten, diese Theater-Abende, die einen von der ersten Sekunde an bannen. Der Sonntagabend im Meerkabarett war so einer.

Als Matthias Brandt und der Jazz-Pianist und Sänger Jens Thomas die fast schwarze, nur von einem auf den aufgedeckten Flügel mit einem Spot in dramatisches Licht getauchte Bühne betreten, herrscht schon Stille. Brandt schlägt auf der Klaviatur einen dunklen Ton an, Thomas spielt darüber flirrende, helle Klänge. Ein minimalistisches Spiel, von irritierender Intensität. Man ahnt etwas von der Spannung, die die nächsten eineinhalb Stunden den Raum beherrschen wird. Wahrscheinlich jeder der geschätzten 500 Besucher der ausverkauften Vorstellung dürfte Hitchchocks Grusel-Thriller „Psycho“ (1960) kennen, weiß, wie es um Norman Bates und seine psychische Verfassung bestellt ist, welches zerstörerisches Verhältnis er zu seiner Mutter hat, welche Morde er aus seiner seelischen Notlage heraus begeht.

Doch was Matthias Brandt und Jens Thomas auf die Bühne bringen, ist keine Theaterfassung des berühmten Films, sondern ein Spiel, das unter die Haut geht, sich aber nur im Kopf abspielt. Kopfkino. Erzeugt durch Klänge, Gesänge und eine Lesung, die so subtil wie emotional gestaltet ist, dass das Publikum fast regungslos den Sätzen folgt. Es ist die gekürzte Fassung des Robert- Bloch-Romans, der Hitchcock als Vorlage für seinen Film diente.

Matthias Brandt liest mit einer solch feinsinnigen Genauigkeit und wohldosierten Emotionalität, dass jeder Satz, jedes Wort zum Gewicht wird. Seine Stimme wechselt souverän zwischen der mühsam kontrollierten Klarheit eines Norman Bates und dem schrillen Sound der bösartigen Fistelstimme seiner Mutter.

Jens Thomas grundiert die Handlung mit einem dichten Gewebe aus Geräuschen, Klängen, Melodien und Gesängen, die die Innenwelt des Protagonisten, seine Kämpfe mit dem Wahnsinn und die Spaltung seiner Persönlichkeit hörbar machen. Ein furioses Spiel eines grandiosen Pianisten und Sängers.

Beide, Musiker und Schauspieler, entwickeln mit ihren Mitteln den Sog, der bannt, die Spannung, die reglos macht. Am Ende bricht das Publikum in Jubel aus, fordert mit anhaltendem Applaus und Standing ovations die Künstler immer wieder auf die Bühne, bis sie eine Zugabe geben.

Mag sein, dass viele diesen Abend besucht haben, um Matthias Brandt zu erleben. Jetzt wollen sie unbedingt wissen, wer eigentlich Jens Thomas ist. Der 1970 in Braunschweig geborene Pianist und Komponist ist in Jazz-Kreisen ein seit Jahren gefeierter und vielfach ausgezeichneter Musiker. Nach dem Meerkabarett-Abend dürfte er ein paar Fans mehr haben. 

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