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Sylter Rundschau

23. Oktober 2017 | 23:32 Uhr

Strandgut : Goethes fiese Besucher-Tricks

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

All diese Besucher: Rundschau-Redakteurin Friederike Reußner erklärt in unserer Kolumne "Strandgut", warum sie sich diesen Sommer fast eine Knochensammlung zugelegt hätte.

von
erstellt am 24.Aug.2013 | 00:35 Uhr

Als Johann Wolfgang von Goethe so alt war wie ich, legte er sich eine Knochensammlung zu. Wissenschaftler sehen sein Interesse an der Osteologie als Teil seiner sonstigen naturwissenschaftlichen Anwandlungen. Den wahren Grund kennen wenige – aber jeder, der neu auf Sylt lebt, wird ihn nachvollziehen können: „Oft quälen mich Durchreisende mit langweiligen Besuchen“, klagte Goethe im Hochsommer 1786. Das konnte er nun gar nicht gebrauchen (Goethe steckte damals in einer Beziehungs- und Identitätskrise – auch während der Hochsaison auf Sylt ein verbreiteter Geisteszustand), also griff er zu einem fiesen Trick: „ So lege ich ihnen zuweilen meine vorhandenen Knochen vor. Das erregt den Besuchenden Langeweile, und sie empfehlen sich.“

Ich habe meine Freunde und Verwandten lieb – sie sind nicht langweilig, sondern hinreißend. Im Laufe meines ersten Sommers auf Sylt habe ich trotzdem gelegentlich an Goethe und seinen Knochen-Trick gedacht. Wer wie ich drei Jahre in Kiel gewohnt hat, ist es gewohnt, generell dankbar für jeden Besuch der süddeutschen Bekannten zu sein, auch wenn sie alle auf einmal zur Kieler Woche vorbei gucken. Als die Süddeutschen im Frühjahr nach dem dritten Strand-Foto auf meiner Facebook-Seite mitbekommen hatten, dass ich nun auf Sylt lebe, kündigten sie dagegen sofort dreiwöchige Aufenthalte im Juli an – „Du hast ja sicher ein Schlafsofa“. Als ich im Juni überlegte, ein professionelles Reservierungssystem im Internet anzulegen, um Doppelbuchungen zu vermeiden, war es schon zu spät: Ich war ausgebucht. Den Sylt-Sommer 2013 verbrachte ich hauptberuflich als Redakteurin und nach Feierabend als Reise- und Kneipenführerin. Wenn mich Insel-Bekannte, die ich kaum noch sah, leicht übermüdet zwischen Redaktion und Bahnhof hin und her rennen sahen, kam schlicht ein Kommentar: „Klassischer Sylt-Anfänger-Fehler!“ Das sah ich selbst erst Mitte Juli ein, als ich mich dabei ertappte, zu überlegen, ob man Betten wirklich nach jedem Besuch frisch beziehen muss. Kurz vor dem Entschluss, bei Ebay nach „Knochensammlung“ zu suchen, kam allerdings M. auf die Insel. M.s Bett musste ich nicht nur einmal, sondern drei mal frisch beziehen. Trotzdem: M. war der perfekte Besuch. Unsere Sylt-Interessen sind vollkommen deckungsgleich: Kreischend in der Brandung hopsen, Eis, Seehundbabys. Und: M. wollte abends nicht mehr auf die Piste, sondern fiel spätestens um acht nach all dem Reizklima in einen zwölfstündigen Tiefschlaf. Ich bin mir sicher: Hätte Goethe seinerzeit Besuch von M., einer lebhaften Dreijährigen mit gespaltenem Verhältnis zu ihren Pampers, bekommen – er hätte sich mit Frau von Stein vertragen und die Knochensammlung im Garten verbuddelt.

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