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Nozawa-Prozess : Getöteter Koch auf Sylt: Knapp drei Jahre Haft für 38-Jährigen

vom

Im Prozess um den tödlichen Streit vor zwei Jahren wurde auch der Mitangeklagte verurteilt – zu einer Geldstrafe von 800 Euro.

shz.de von
erstellt am 23.03.2015 | 17:00 Uhr

Flensburg/Sylt | Wegen einer tödlichen Attacke auf den Sylter Koch Miki Nozawa hat das Landgericht Flensburg einen 38-Jährigen am Montag zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und acht Monaten verurteilt. Das Gericht befand ihn der Körperverletzung mit Todesfolge für schuldig. Zudem wurde die Unterbringung in einer Entziehungseinrichtung angeordnet - „zum Schutz der Allgemeinheit“, schließlich sei die Gewalttätigkeit unter Alkoholeinfluss ein „ausuferndes Problem“ des Mannes, sagte der Vorsitzende Richter Michael Lembke.

Hintergrund des Angriffs war ein Streit um ein Essen, das der Ältere im Mai 2013 im Imbiss des 57 Jahre alten Kochs gekauft hatte. Am Tag danach hatten Angeklagte und Opfer sich in einer Westerländer Tabledance-Bar zufällig wiedergetroffen. Dort packten und schlugen die Männer den Koch, er starb im Krankenhaus an schweren Hirnverletzungen.

Der Mitangeklagte und beste Freund des 38-Jährigen, ein 51-Jähriger, kommt wegen versuchter Nötigung mit einer Geldstrafe von 800 Euro davon - 20 Tagessätze zu 40 Euro. Mehr als Aggressivität und ein Packen und Schütteln des 57 Jahre alten Opfers war ihm nicht nachzuweisen.

„So überflüssig wie ein Kropf“ sei die Auseinandersetzung im Mai 2013 gewesen, sagte Lembke. Die Angeklagten verfolgten seine Äußerungen regungslos. Beide waren zum Tatzeitpunkt betrunken.

Was nach einem Rauswurf nach dem ersten Streit wirklich geschah im kleinen, engen Vorraum der Bar? „Was draußen passierte, bleibt mir in Teilen unklar“, gab der Staatsanwalt im Plädoyer zu. Er verwies auf die „sehr, sehr konstante Schilderung“ der einzigen - jedoch nur indirekten - Augenzeugin, die an der Bar bediente und über einen Monitor sehen konnte, wie das Opfer Schläge mit dem Knie erhielt. „Das war dieser Mann“, sagte sie in der Verhandlung mit Blick auf den 38-Jährigen. Hundertprozentig sicher sei sie aber nicht, hatte sie einer ersten Vernehmung gesagt. Es sei eben niemand da gewesen, „der richtig dabei war“, benannte der Staatsanwalt nach dem Urteil das Hauptproblem des Prozesses.

Der Staatsanwalt hatte dreieinhalb Jahre Freiheitsstrafe gefordert, zeigte sich aber nicht unzufrieden mit dem Urteil: „Das sind nur Nuancen.“

Im Laufe des Prozesses spielte auch die gesundheitliche Verfassung des Opfers eine Rolle. Der 57-Jährige hatte Bypässe, Arteriosklerose und Bluthochdruck - und vor dem tödlichen Streit Kokain konsumiert und getrunken. „Ohne Kokain, gesundes Herz, junger Mann - dann wäre das anders ausgegangen“, hatte ein Sachverständiger gesagt. Man habe als Täter „keinen Anspruch darauf, dass das Opfer gesund ist“, kommentierte Lembke.

Was letztlich die Ursache für den Herzstillstand war, hätten auch die Sachverständigen nicht sagen können. Kratzspuren am Opfer entsprächen aber dem Schuhprofil des 38-Jährigen. Der hatte einen Schlag eingeräumt, aber jede Tötungsabsicht bestritten. Eine Mittäterschaft des 51-Jährigen blieb für das Gericht Spekulation.

Zum Schluss des Prozesses kam doch noch eine leise, fast gemurmelte Entschuldigung .„Es tut mir sehr leid“, sagte der Hauptangeklagte. Er wendete sich an den Sohn des Opfers und dessen Mutter und meinte dann kaum hörbar mit gesenktem Kopf und wohl eher an sich selbst gewandt: „Das wird mich noch lange beschäftigen.“

Zum Hintergrund

Der 57-jährige japanische Imbissbetreiber Miki Nozawa war in der Nacht zum 12. Mai 2013 mit den zwei Männern in einer Table-Dance-Bar in der Innenstadt von Westerland in Streit geraten. Laut Staatsanwaltschaft ging es dabei um eine Mahlzeit, die die Angeklagten am Tag zuvor im Lokal des Kochs zu sich genommen hatten. Der Ältere habe im Verlauf des Streits wegen seiner Unzufriedenheit mit dem Essen zehn Euro vom Imbissbesitzer gefordert und diesen während der verbalen Auseinandersetzung geschubst.

Im Treppenhaus vor dem Eingang der Bar ging der Streit laut Anklage weiter. Dabei gerieten demnach zunächst erneut der 51-Jährige und der Koch aneinander, wobei beide zu Boden stürzten. Der jüngere Angeklagte soll zu Beginn deeskalierend eingewirkt und die Männer getrennt haben. Dann aber soll er dem Opfer mehrere Schläge verpasst und schließlich noch auf den schon am Boden liegenden Mann eingetreten haben. Beide waren laut Staatsanwaltschaft stark alkoholisiert, 2,54 Promille wurden beim jüngeren und 1,81 Promille bei dem älteren Angeklagten festgestellt. Das Opfer verstarb einen Tag nach der Tat an einer Hirnverletzung.

Der Prozess: Gutachter und Gutachten

Während der Verhandlungstage wurden Details über die Tat und den Gesundheitszustand von Nozawa bekannt. So berichtete ein Sachverständiger, bei dem 57 Jahre alten Opfer sei ein ausgedehnter Sauerstoffmangelschaden festgestellt worden. Als Todesursache nannte er eine schwere Wassersucht des Gehirns. In einem weiteren chemisch-toxikologischen Gutachten eines Kollegen, das der Sachverständige ebenfalls vorstellte, war zudem vom Drogenkonsum des Kochs die Rede. Es ging um Kokain. Außerdem kamen Vorerkrankungen des Opfers zur Sprache: Der Mann hatte demnach Bypässe, Arteriosklerose und Bluthochdruck. „Das Herz war ohnehin sehr vorbeschädigt.“ Nach Einschätzung des Gutachters ist es zudem fraglich, ob der Tod auch ohne den Kokainkonsum eingetreten wäre. Auch eine „nichttraumatische Ursache“, also eine nicht durch Schläge oder Tritte entstandene Ursache, könne bei einer Hirnblutung nicht ausgeschlossen werden. „Ohne Kokain, gesundes Herz, junger Mann - dann wäre das anders ausgegangen“, sagte der Sachverständige.

 

Zwei weitere Gutachten standen während des Prozesses im Mittelpunkt. Die massive Gewalt gegen den Koch wurde durch den Bericht einer Pathologin deutlich. Bei der Obduktion wurden unter anderem Schwellungen am Kopf festgestellt, Rippenbrüche sowie Blutergüsse an Brustkorb, Kniescheibe und „fingerkuppengroß“ an der Hand. An Nacken und Brustkorb gebe es zudem Muster, die „als mögliches Schuhprofil gedeutet werden können“. Das Gericht nahm daraufhin die Schuhe der Angeklagten in Augenschein. Laut einem weiteren Gutachten waren an den Schuhen des 38-Jährigen Spuren gefunden worden, die vom Opfer stammen können. Die Schilderungen einer Zeugin, der 38-Jährige habe den Koch an den Schultern zu sich gezogen und sein Knie in den Bauch gestoßen, passen der Gutachterin zufolge zu den Verletzungen.

 

Ein zweiter Gutachter berichtete von einem Gespräch mit dem 38-Jährigen. „Er war sehr darauf bedacht, mir gegenüber fast schon eine Mauer hochzuziehen.“ Der Angeklagte habe gesagt, „dass es das Schlimmste sei, dass er den Ablauf nicht mehr wisse“. In einer vorgelesenen Erklärung hatte der Mann behauptet, einen Angriff des Kochs mit einem Schlag abgewehrt zu haben. Zudem will er vor der Tat 15 bis 20 halbe Liter Bier getrunken haben. Der 38-Jährige sei zumindest zum Tatzeitpunkt alkoholabhängig gewesen, sagte der Gutachter. Eine alkoholbedingte Persönlichkeitsänderung im Ausnahmezustand schloss er nicht aus. Der Jüngere hatte eine Tötungsabsicht bestritten. In einer Erklärung, die sein Verteidiger verlas, hieß es, der 38-Jährige sei selbst von dem Koch angegriffen worden. Der Angeklagte sei entsetzt, dass ein Leben ausgelöscht wurde. Er habe keinerlei Absicht gehabt, jemanden zu verletzen und den Tod eines Menschen zu verursachen. Auch der ältere Angeklagte äußerte sich im Prozess nicht persönlich. In einem vom Richter verlesenen Brief an seinen Sohn erklärte er aber ebenfalls, das Opfer habe ihn angegriffen.

Aussagen ehemaliger Partnerinnen

Der 51-jährige mutmaßliche Täter wurde am zweiten Verhandlungstag von seiner ehemaligen Freundin als extrem aggressiv, eifersüchtig und sehr besitzergreifend beschrieben. „Er ist ein Monster mit einem Babygesicht“, sagte die 46-jährige Altenpflegehelferin im Zeugenstand.

Auch eine ehemalige Partnerin des 38-jährigen Tatverdächtigen, die mit ihm sechs Jahre liiert war und eine mittlerweile 16-jährige Tochter von ihm hat, berichtete dem Gericht von Phasen, in denen ihr damaliger Lebensgefährte sehr viel Alkohol konsumiert habe. Nüchtern sei er zwar „nett, verlässlich und ehrlich“ gewesen, im alkoholisierten Zustand allerdings „das Gegenteil“. Gewaltausbrüche habe es dann wiederholt gegeben, von denen sie unter anderem ein blaues Auge davon trug.

Die Ex-Frau des 38-Jährigen, mit der er von 2006 bis 2010 verheiratet war, berichtete hingegen, sie habe nie erlebt, dass er ihr oder anderen Menschen gegenüber gewalttätig war. Der Trennungsgrund sei allein sein hoher Alkoholkonsum gewesen, so die 31-Jährige. Auch eine weitere ehemalige Freundin des jüngeren Angeklagten sagte als Zeugin aus, jener sei innerhalb der zweijährigen Beziehung ihr gegenüber nie gewalttätig gewesen. Sie habe jedoch mehrfach mitbekommen, wie er andere Menschen angegriffen habe.

 
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