Strandgut : Geständnisse eines Fahrrad-Rüpels

Rundschau-Redakteurin Friederike Reußner.
Rundschau-Redakteurin Friederike Reußner.

In der SR-Kolumne Strandgut macht sich Redakteurin Friederike Reußner Gedanken über einen CDU-Antrag. Und zivilen Ungehorsam.

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17. November 2013, 06:00 Uhr

Ich bin ein „unhaltbares Gefährdungspotenzial“. Habe ich neulich im Hauptausschuss gelernt. Nein, da wurde nicht über die zweifelhafte Macht der Lokalpresse geschimpft (zumindest nicht im öffentlichen Teil), sondern über einen Antrag der CDU diskutiert. Die möchte, dass die „unhaltbaren Gefährdungspotenziale in Fußgängerbereichen“ stärker geahndet werden, vielleicht durch „Vollzugsbeamte“. Den anderen Ausschussmitgliedern war erstmal völlig unklar, was die CDU damit meint – beißende Hunde, Möwen oder parkende Autos? Nach wirren Wortgefechten klärte sich die Frage: Die Vollzugsbeamten sollen gegen Menschen vorgehen, die in der Fußgängerzone Fahrrad fahren.

Jetzt mein Bekenntnis: Das tue auch ich. Zumindest, wenn das Fußgängeraufkommen gering ist und keine Gefahr besteht, unter die Räder eines Liefer-Lkw zu geraten. So lange es für Radfahrer keinen anderen, sinnvollen Weg durchs Westerländer Zentrum gibt, sehe ich das Beradeln von Friedrich- und Strandstraße als gerechtfertigte Form des zivilen Ungehorsams. (gelegentlich träume ich dabei von einem Fahrrad-Flashmob: Meine Radel-Freunde und ich drehen erst ein paar Runden im Wenningstedter Kreisel, dann erobern wir die Friedrichstraße. Dabei singen wir lauthals „Bicycle Race“ von Queen.)

Zurück zum CDU-Antrag: Der lässt sich schlecht umsetzen. Zu teuer. Und für die Vollzugsbeamten bräuchte die Gemeinde eine Genehmigung vom Innenministerium. Normale Ordnungsamt-Mitarbeiter haben nicht das Recht, Personalien fest zu stellen. Und so viel sollte klar sein: Mit laschen Verwarnungen kommt man bei Fahrrad-Rüpeln wie mir nicht weit. Die beeindruckt vielleicht eine Jedermann-Festnahme, aber die kennt man ja auch fast nur aus amerikanischen Filmen. Von denen könnte sich die Kommunalpolitik allerdings anderweitig inspirieren lassen: Wenn darin der Friede idyllischer Kleinstädte bedroht ist, wird klassisch eine Bürgerwehr gebildet. Statt in elendig langen Sitzungen zu hocken, könnten die Volksvertreter doch selbst in der Fußgängerzone patroullieren und „unhaltbare Gefährdungspotenziale“ wie mich vom Rad holen. Dabei sehe ich lediglich ein Problem. Ohne jemandem zu nahe treten zu wollen: Radelnde Fahrradrüpel sind schneller als laufende Politiker. Also müsste die Gemeinde Sylt die Herrschaften mit E-Bikes ausstatten, damit sie mich erwischen können. Rasante Verfolgungsjagden in der Fußgängerzone würden zwar die Grundidee der CDU ad absurdum führen – wären aber sicherlich für die Zuschauer auf den Café-Rängen sehr spanneden: Let the race begin!

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