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Landgericht Flensburg : Geständnis im Sylter Schmuckraub-Prozess

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Der Angeklagte schildert sich als rücksichtsvollen Räuber. Aber die Angestellte der Keitumer Goldschmiede, die den Tresor öffnen musste, leidet noch immer.

shz.de von
erstellt am 20.Mai.2014 | 17:06 Uhr

Keitum | Mit resigniertem Gesichtsausdruck saß Kai E. am Dienstag neben seinem Anwalt im Flensburger Landgericht. Der 47-Jährige ist angeklagt, im Oktober vergangenen Jahres eine Goldschmiede in Keitum auf Sylt ausgeraubt zu haben. Schmuck, Edelsteine und Bargeld im Wert von insgesamt 100.000 Euro waren laut Anklage gestohlen worden. Um an den Tresor zu kommen, soll der mutmaßliche Täter außerdem eine Angestellte des Geschäfts gefesselt, geknebelt  und zum Öffnen des Schlosses gezwungen haben (wir berichteten). Gleich zu Beginn des Prozesses zeigte sich Kai E. kooperativ und einsichtig. Gerade die psychischen Schäden, die die 27-jährige Angestellte davongetragen hat, täten ihm sehr leid: „Das habe ich nicht beabsichtigt.“

Der Angeklagte legte ein umfassendes Geständnis ab. Als Motiv für seine Tat nannte Kai E. 3000 Euro Spielschulden sowie den Verlust von Arbeit und Wohnung: Nachdem sein Hamburger Arbeitgeber ihm gekündigt habe, sei er einige Tage zum Ausspannen zu einem Verwandten auf Sylt gefahren. Dort habe er überlegt, wie er an Geld kommen solle: „Dann bin ich abends einfach mit Handschuhen, Maske und Elektroschocker losgegangen und durch die Gärten in Keitum gezogen.“ Er habe vergeblich auf eine offene Tür oder ein offenes Fenster gehofft – Maske und Elektroschocker habe er nur mitgenommen, um notfalls fliehen zu können.

Schließlich sei er eher zufällig bei der Goldschmiede angekommen und habe im Hinterhof das offene Fenster in einem Bungalow entdeckt, in dem die Angestellte der Goldschmiede wohnt. Das Gelände kannte er noch von einer Wohnungsbesichtigung aus dem Vorjahr: Kai E. hatte 20 Jahre lang auf Sylt gelebt und gearbeitet. Bei der Besichtigung hatte er sogar mit der Mitarbeiterin der Goldschmiede gesprochen.

Durch das Fenster gelangte Kai E. laut seiner Aussage in die Wohnung. Mittlerweile war aber die Angestellte der Goldschmiede von den Geräuschen aufgewacht und kam dem Einbrecher entgegen. „Ich habe sie mit meiner Taschenlampe geblendet, den Elektroschocker betätigt und ihr gesagt: Mach keinen Blödsinn, ich will nur das Geld“, sagte Kai E., der bereits zuvor mehrfach wegen Diebstahls und Bankraubs verurteilt worden war. Für die 27-Jährige jedoch war die Begegnung mit dem Einbrecher ein großer Schock. Besonders die Maske aus dem Horror-Film Scream, die der Täter trug, habe sie beinahe in Todesangst versetzt, wie sie später aussagte. Sobald sie den Elektroschocker gesehen habe, hätte sie keine Gegenwehr geleistet und dem Mann den Code für den Tresor gesagt. Anschließend wurde das Opfer mit Kabelbindern und Klebestreifen gefesselt und geknebelt.

Insgesamt vier Mal kehrte der Täter zu der jungen Frau zurück, weil er den Tresor nicht aufbekam. Schließlich nahm er sie mit und zwang sie dazu, den Tresor zu öffnen. Kai E. gab zu, einen Teil der Beute am Tinnumer Bahndamm vergraben zu haben, nachdem er die Angestellte der Goldschmiede auf einen Stuhl gefesselt hatte. „Ich habe aber die Fesseln gelockert, als sie gesagt hat, die sind zu fest. Ich habe wirklich versucht, Rücksicht zu nehmen.“ Hauptsächlich die Stücke aus Gold will Kai E. nach der Tat in Hamburg zu Geld gemacht haben. Damit bezahlte er seine Schulden und reiste nach Italien. Auf dem Rückweg wurde er an der Schweizer Grenze von der Polizei aufgegriffen.

Die vergrabene Beute hat die Sylter Polizei im Februar gefunden. Kai E. hatte die Polizei zu der Stelle am Tinnumer Bahndamm geführt, gab aber an, wegen einer dichten Schneedecke nur sehr ungenaue Angaben gemacht haben zu können. Dies zweifelte der Staatsanwalt an - die Polizei habe die Beute nach langer Suche neben einem auch bei Schnee gut sichtbaren Hinweisschild gefunden.

Während Kai E. die Tat gelassen schilderte, war die Aussage der 27-jährigen Angestellten, die als Nebenklägerin auftritt, sehr emotional. Unter Tränen beschrieb sie die Tatnacht aus ihrer Sicht und erzählte auch, wie es ihr danach ergangen ist. Nachdem der Täter sie verlassen hatte, war sie in Ohnmacht gefallen. Später war es ihr dann gelungen, sich selber zu befreien und mit Hilfe der Nachbarin die Polizei zu rufen. „Danach ging es mir sehr schlecht. Ich hatte Panikattacken und konnte nicht mehr alleine sein.“ Sie zog zu ihren Eltern nach Ostfriesland und ließ sich psychologisch behandeln. Die Diagnose des Arztes: Post-Traumatische Belastungsstörung. Bis heute ist sie in Therapie und will sogar ihren Beruf wechseln. Auch für die Inhaberin der Goldschmiede bedeutete der Raubüberfall einen starken Einschnitt in ihrem Leben: „Das Sicherheitsgefühl muss erst einmal wieder kommen.“

Nachdem alle Zeugen gehört worden waren, kündigte die Richterin die Fortsetzung des Prozesses für Donnerstagmorgen an. Dann soll voraussichtlich auch das Urteil gesprochen werden.

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