Kolumne : Gerüche und Ebenmäßigkeiten

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Alles ist Sylt! ... man muss nur richtig lesen - von Manfred Degen

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02. November 2018, 15:21 Uhr

Es ist Herbst. Endlich. Doch wie behalten wir diesen Sommer in Erinnerung? Kaum hatten wir es uns in unserem Garten mal bequem gemacht, starteten heulende Rasenmäher links und rechts und schredderten unseren schwebenden Geist. Unendliche Wut - womöglich Hass in seiner reinsten Form stieg in uns hoch.

Doch der große Kunstsammler und Kreative Christian Boros rückt in der „Welt“ das Rasenmähen in die Sphären der Meditation: „Rasenmähen ist die Vergegenständlichung des eigenen Wirkens“. Aha. Und weiter? „Man hat etwas erledigt, dein Leben erscheint dir ein bisschen sinnvoller. Es ist das ewige Werden, Vergehen, Aufstehen, Schöpfung, Unendlichkeit. Paradies.“ Nur zur Erinnerung: Hier spricht nicht Jesus, der Papst oder Karl Lagerfeld. Sondern nur ein weißer Mann, der seinen Rasen gekappt hat.
Und - was müssen wir noch wissen, Herr Boros? „Rasenmähen ist der Kulturkampf gegen das Ungebändigte. Du kämpfst - das ist der männliche Krieg zwischen Kultur und Natur.“ (Nicht vergessen: Er spricht vom Rasenmähen und nicht von der Erschaffung michelangeloesker Marmorskulpuren.) Es geht weiter: „Vor dir liegen Wildnis und Chaos, du hinterlässt aber keine verbrannt Erde, sondern Wohlriechendes.“ Und jetzt - das Finale - ein Satz für die Ewigkeit!! „Es ist die Manifestation des männlichen Gestaltungswillen!“ Uff. Da hätte man ja auch eine neue Religion draus machen können…

Die Sylter Krähenbeere wird wohl Dank des Klimawandels bis zum Jahre 2050 verschwunden sein. Ärgerlich. Denn, so der „Deutschlandfunk“, gibt diese Beere den typischen Geruch der Insel ab. Sie riecht nach Sylt. Doch wenn die Beere verschwunden ist, bewerben sich andere Düfte um die Pole-Position der Gerüche Sylts. Zum Beispiel der Knoblauch-Geruch des Gosch-Imperiums, der Gummi-Abrieb-Geruch eines Ferraris beim Blitzstart an der Ampel in Kampen, die Diesel-Schwefel-Feinstaubgeruch einer historischen Autozug-Lok (mein persönlicher Favorit), der Parfümgeruch - vulgo Nuttendiesel - wenn Harald Glöööckler mit seiner Entourage pfauenhaft durch den Strönwai schiebt, der Pferdeäpfelgeruch des Poloturniers in Keitum, wo die C- und D-Promis sich die Mägen mit Champagner versäuern oder der Geruch von Erbrochenem, wenn die Adler-Express mal wieder bei sechs Beaufort nach Helgoland geschaukelt ist.

Die „Brigitte“ kann Texte schreiben, die so schön sind, dass man denkt, die hat sicher ein Werbetexter geschrieben. Jetzt wurde ein Luxushotel in Keitum vorgestellt und die (leider namenlose Autorin) war begeistert: „…unfassbar idyllisch – luxuriös, aber gemütlich…) und dann: „… die Philosophie (!) des Spas richtet sich nach den vier Sylter Elementen (?). Die Sylter Wasserlandschaft wirkt entstauend und entschlackend, die Sylter Dünenlandschaft klärend und verfeinernd, die Sylter Heidelandschaft belebend und ausgleichend und die Sylter Strandlandschaft stimulierend und stärkend“. Ende Zitat. Die Autorin entschied sich für die Sylter Dünenlandschaft mit Gesichtsbehandlung, die mehr „Ebenmäßigkeit“ versprach. Ebenmäßig? Hmm. Finde ich mutig. Wird das Gesicht dann flächig?!? Das Highlight war dann der Ruheraum mit „Blick auf die Dünen“. In Keitum. Blick auf die Dünen? Wie geht denn das?

Nachtrag: Wer jedoch einen Nachbarn hat, der Trompete spielt und einen zu pflegenden Rasen hat, kann nur noch auf die Gnade der Altersschwerhörigkeit hoffen. Denn der BGH hat aktuell allen Musikern erlaubt, ihre Nachbarn mit täglich zwei Stunden Tonleiter rauf und runter in den Wahnsinn zu treiben. Und – er muss den Ton nicht immer genau treffen. Ungefähr genügt.

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