Kultur auf Sylt : Gerissene Saite, hingerissenes Publikum

Pianist Ben Kim bei seinem Konzert im Kontorhaus Keitum
Pianist Ben Kim bei seinem Konzert im Kontorhaus Keitum

Der US-amerikanische Pianist Ben Kim begeisterte bei seinem ersten Konzert im Kontorhaus und bewies große Coolness in einer heiklen Situation

shz.de von
27. Februar 2018, 05:31 Uhr

„Das war überwältigend, gigantisch und hat unglaublich viel Spaß gemacht“. Hans-Joachim Broich aus Hochheim war nicht der Einzige, den der Pianist Ben Kim am Sonntagabend im Kontorhaus verzauberte. Die Inhaber Franziska und Wolfgang Zaeske hatten den zunehmend international gefragten Künstler zusammen mit Claas-Erik Johannsen vom Benen-Diken-Hof und dem Rheingau-Musik-Festival nach Sylt geholt.

So kamen gut 100 Zuhörer in den Genuss eines ausgezeichneten Klavier-Konzerts. Sein Publikum begrüßte der in Berlin lebende Pianist mit asiatischen Wurzeln in nahezu perfektem Deutsch und mit seiner Sichtweise auf die Etüden Debussys: „Sein letztes Klavierwerk offenbart wie kein anderes Debussys tiefe Kenntnis des Klaviers. Er findet darin das Große im ganz Kleinen, und die Etüden klingen, als hätte er seine Zeit um ein weites überlebt – geschrieben vielleicht auf einem fernen und funkelnden Stern.“

Damit hatte der 35-jährige unmittelbar die volle Aufmerksamkeit der Besucher. „Das Publikum ist toll mitgegangen. Das spürt man in so einem intimen Rahmen sofort“, erzählte Ben Kim nach dem Konzert am Rande des Empfangs im Benen-Diken-Hof. Äußerst sympathisch, völlig unkompliziert und cool – diese Coolness sollte dem 35-jährigen im Laufe des Konzerts noch in die Hände spielen. Zunächst aber begeisterte Ben Kim mit der technischen Virtuosität und der spielerischen Leichtigkeit, mit der seine Finger über die Tastatur des Steinway-Flügels flogen.


Die Leichtigkeit des Anschlags

Im ersten Teil spielte Kim ein komplexes Programm mit Sinfonien und Etüden von Bach, Debussy und Kapustin. „Hervorragend, vor allem die Leichtigkeit seines Anschlags. Schön, dass es so etwas auf der Insel gibt“, befand Beate Fehrenz aus Lübeck. Sie sollte ihr Urteil später noch erweitern. „Wir sind extra für dieses Konzert angereist – es hat sich sehr gelohnt“, sagte Gabriele Eick aus Frankfurt, Mitglied im Kuratorium des Rheingau Musikfestivals. Ben Kim erhielt 2017 deren Förderpreis.

Während der Pianist vor der Pause insbesondere technisch brillierte – zulasten eines gefühlvollen Spiels, wie zwei der Zuhörerinnen anmerkten – nahm er sein Publikum im zweiten Teil mit Sonaten von Mozart und Prokofjew mit auf „eine emotionale Reise, die Herz und Seele berührt“, wie Beate Fehrenz sichtlich ergriffen ihren Eindruck erweiterte. „Ich hatte Herzklopfen und Gänsehaut.“ In der Tat spielte Ben Kim Prokofjews Sonate Nr. 6 so leidenschaftlich, dass eine Klaviersaite riss. Zum Glück handelte es sich dabei, wie ein herbeigeeilter Steinway-Experte später mitteilte, um eine zwei-chörige Seite, die den Konzertgenuss nicht weiter beeinträchtigte. Die gerissene Saite fischte er während des Klavierspiels flugs aus dem Flügel.

Kim indes ließ sich durch das kleine Malheur nicht aus der Ruhe bringen. Im Anschluss an das offizielle Konzertprogramm folgten zwei von Ben Kims Violinisten Niek Baar begleitete Zugaben. „Das haben wir so erst gestern Abend in der Bar besprochen“, kommentierte Kim Augenzwinkernd. Die Musiker spielten eine Sinfonie von Bach sowie ein selten zu hörendes Stück aus Schumanns dritter Sinfonie. Schumann wäre einer seiner Lieblingskomponisten, neben Bach und Mozart, verriet Ben Kim, der bereits seit 30 Jahren Klavier spielt und bis zu sechs Stunden am Tag übt.


„Egal wo Du hinkommst auf Sylt, es wird gut sein“

Die Insel Sylt kannte der Künstler bis dato nur vom Hörensagen von Kollegen aus Berlin. „Eine Bekannte von mir ist hier schon mal aufgetreten. Man sagte mir – egal wo Du hinkommst auf Sylt, es wird gut sein!“ lächelt der sympathische Pianist. In einem kleinen, intimen Rahmen wie dem im Kontorhaus aufzutreten sei eine besondere Herausforderung. „Hier ist der Kontakt mit dem Publikum sehr eng, sehr direkt. Anders als zum Beispiel in der Carnegie Hall, wo man gar keine Gesichter sieht.“

Direkten Kontakt mit einem Teil seines Publikums hatte Ben Kim auch nach dem Konzert beim Gala-Dinner im Benen-Diken-Hof. Mit einem Vier-Gang-Menü zeigte die Küchencrew des Restaurants „Køkken“, wie sehr sie die Klaviatur des guten Geschmacks beherrscht. Benen-Diken-Hof-Inhaber Claas-Erik Johannsen war ebenso glücklich über die gelungene Veranstaltung wie Wolfgang Zaeske.

„Zwei Dinge loben unsere Musiker immer besonders: unser Publikum und unseren Konzertflügel“, so Zaeske, der einräumte, vor Konzerten ebenso an Lampenfieber zu leiden wie die Künstler. So dürfte es ihn freuen, dass sich der Pianist Ben Kim mit einem lässig-coolem „Wir sehen uns beim nächsten Mal!“ von unserer Autorin verabschiedete.



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