Behinderte Lena : Gericht sieht keine Beweise für Impfschaden

Im Alter von zehn Wochen wurde Lena aus Nordfriesland geimpft - heute ist sie schwer behindert. Ihre Eltern fordern eine Entschädigung - das Gericht sieht keine Beweise.

shz.de von
13. April 2012, 10:00 Uhr

Schleswig | Im Saal 346 des Landes sozialgerichts in Schleswig hängt ein Bild mit einem Fischerboot, dass sich durch eine stürmische See kämpft. Wie es hineingeraten ist in seine missliche Lage, ist ungewiss. Die Zukunft ebenso.
Auch Familie C. kämpft. Seit nahezu zehn Jahren nun schon. Unerschütterlich wie die Männer an Bord des Bootes. Das Paar aus Nordfriesland hat seine Tochter Lena (Name geändert) 2002 im Alter von zehn Wochen impfen lassen. Wenig später war das Mädchen zu hundert Prozent geistig und körperlich behindert (wir berichteten).
Der Fall Lena ist komplex
Am Mittwoch nun saßen die Eltern von Lena im Saal 346. Begleitet von Angehörigen, ein Foto der Tochter auf dem Tisch, den Rechtsanwalt an der Seite. Sie fordern vom Land Schleswig-Holstein eine Entschädigung nach dem Infektionsschutzgesetz. Am Ende der zweistündigen Verhandlung deuten die Richter des 2. Senats an, dass wohl keine Versorgungsansprüche gewährt werden, Tränen fließen.
Der Fall Lena ist komplex, er ging bereits durch alle Instanzen, etliche Gutachten wurden erstellt, zuletzt hatte ihn das Bundessozialgericht zurück nach Schleswig verwiesen. Lena war ein öffentlich empfohlener Kombi-Impfstoff gegen sechs Erkrankungen gespritzt worden - aber im Rahmen einer Arzneimittelstudie auch ein Versuchspräparat gegen Meningokokken, die Hirnhautentzündung auslösen. Bei der Urteilsfindung geht es um Wahrscheinlichkeiten. Der Vorsitzende Richter Jörg Littmann: "Nur wenn sehr wahrscheinlich ist, dass ihre Tochter durch die Sechsfachimpfung erkrankt ist, kann Entschädigung gezahlt werden." Die Gutachter hätten dafür jedoch keine Hinweise wie Infektionen oder Autoimmunreaktionen gefunden.
"Der Impfstoff wurde nicht so zugelassen, wie an meiner Tochter erprobt"
Lena leidet unter Hirnatrophie, dem allmählichen Verlust von Gehirnsubstanz. Warum? Kein Mediziner konnte das bis jetzt beantworten. Rechtsanwalt Klaus Fischer, der die Familie vertritt: "Die zeitliche Nähe zwischen der Impfung und dem Auftreten der Erkrankung ist auffällig. Andere Ursachen wie Stoffwechselerkrankungen wurden nicht gefunden. Meine Mandanten sind sicher, es war die Impfung." Richter Littmann: "Der Ausschluss anderer Möglichkeiten führt nicht zum Ziel. Uns fehlt der Beweis der Wahrscheinlichkeit, der gesetzlich gefordert ist. Auch andere Kinder, die nicht geimpft wurden, erkranken wie Lena mit unbekannter Ursache." Zu den Eltern sagt er dann: "Das Schicksal ihrer Tochter ist schwer, sie haben tapfer die Betreuung übernommen. Wir würden uns freuen, wenn Lena ein erfülltes Leben im Rahmen ihrer Möglichkeiten führen kann." Lenas Mutter beginnt zu weinen.
Das Urteil will das Gericht heute verkünden. Auf dem Flur sagt die Mutter, die noch drei weitere gesunde Kinder hat: "Wir bereiten eine Klage gegen das Pharmaunternehmen vor. Der Impfstoff wurde am Ende nicht so zugelassen, wie an meiner Tochter erprobt." Heute wird auf dem Beipackzettel davor gewarnt, ihn vor dem ersten Lebensjahr und zusammen mit anderen Mitteln zu impfen.

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