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„Geistige Freiheit, um die Sau raus zu lassen“

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Mit der Bibel am Ball: In einer Kolumne schreibt Pastor Rainer Chinnow

shz.de von
erstellt am 11.Jun.2016 | 05:53 Uhr

Am Anfang dieser EM 2016 ein Zitat eines großen französischen Fußballspielers:„Ich brauche geistige Freiheit, um die Sau raus zu lassen.“ Das klingt nach Spaßgesellschaft. Doch bedenkt man es länger, dann hat dieses Zitat von Franck Ribéry durchaus Tiefsinn. Das Enfant-Terrible des Fußballs nimmt Bezug auf den Apostel Paulus, der schreibt: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit“ (Galater 5,1). Martin Luther führt diesen Gedanken weiter: „Der Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan. Der Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann Untertan.“ In dieser Ambivalenz bewegen wir uns als Christen auf Erden.

Freiheit ist das Gegenteil von Diktatur, von Machtmissbrauch, von populistischer Demagogie und von Hass. Freiheit heißt, unabhängig von äußerem Zwang leben zu dürfen. Frei zu leben bedeutet, dass wir selbst bestimmen, was wir tun und was wir lassen. Als Christen sind wir überzeugt, dass uns solche Freiheit von Gott geschenkt wurde. Ihm verdanken wir unsere innere Unabhängigkeit: Auf Erden sind wir niemandem Untertan. Nicht in unserem Glauben, nicht in unserem Denken. Kein Mensch hat das Recht über uns zu herrschen. Doch die Grenze unseres freiheitlichen Handelns ist die Freiheit unseres Nächsten: Wir haben kein Recht dazu, über ihn zu herrschen, nicht physisch, nicht seelisch.

Diese Freiheit gilt es zu bewahren – nicht nur „um die Sau rauszulassen“, sondern um unser Leben so zu gestalten, wie es uns und unseren Begabungen entspricht. In der Sprache des Glaubens ausgedrückt: Damit wir leben können, wie Gott es für uns vorgesehen hat.

Als Christen glauben wir, dass Gott uns Freiheit geschenkt hat, damit wir dieser Welt dienen. Dieses Dienen bedeutet heute, dass wir uns allen entgegenstellen, die die Freiheit bedrohen, indem sie das Gift von Hass und Ausgrenzung säen. Es bedeutet für diese Wochen der Euro 2016, dass wir uns nicht dem Terror und den Angstmachern beugen, sondern „Lachen mit den Lachenden und Weinen mit den Weinenden“ (Rö 12, 15) – feiern und trauern, weil der Ball rollt. Manchmal wird er rollen, wie es uns gefällt, manchmal wie es unseren europäischen Nachbarn gefällt.
Was bedeutet dies für das Spiel heute gegen unsere Freunde im Osten Europas? Die Ukraine ist so frei, dass sie mit 10 Mann verbissen und ausdauernd das eigene Tor bewacht. Vorne lauert Roman Zozulya. Alles hängt davon ab, dass unser Team frei im Geist ist und einer dem anderen dient. Wenn dann der Neuer am Mittelkreis auf Kroos passt, der Toni den Thomas findet und dieser den Ball ins ukrainische Netz müllert, dann lächelt Deutschland. Gut gemacht, Schritt eins auf dem Weg zum Titel vollbracht.


In unserer Kolumne notiert Pastor Rainer Chinnow vor jedem Deutschlandspiel seine Gedanken über Spiel und Glauben für die Sylter Rundschau.

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