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Trauerbegleitung auf Sylt : „Gegen Trauer gibt es kein Rezept“

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

In unserer Serie zum 20-jährigen Bestehen des Sylter Hospizvereins geht es heute um die Arbeit der ehrenamtlichen Trauerbegleiter auf Sylt.

shz.de von
erstellt am 27.Apr.2016 | 05:40 Uhr

Am 30. April begeht der Sylter Hospizverein sein 20-jähriges Bestehen mit einem großen Festakt im Westerländer Alten Kursaal. In einer Serie der Sylter Rundschau geht es um die Menschen, die sich auf Sylt und in Nordfriesland täglich ehren- oder hauptamtlich für die Rechte und die Würde der Sterbenden einsetzen und sie und ihre Angehörigen am Ende des Lebens nicht alleine lassen. Heute, im dritten Teil der Serie, geht es um Ulrike Körbs, die neben ihrer ehrenamtlichen Hospiztätigkeit auch Angehörige in ihrer Trauer begleitet.

Der Verlust einer geliebten Person löst bei den Hinterbliebenen große Trauer aus, die verarbeitet werden muss. Jeder Fall ist anders, jeder Verlust einzigartig. Ulrike Körbs kümmert sich um die Menschen, die jemanden verloren haben, in ihrer Trauer – als ehrenamtliche Trauerbegleiterin. „Wer einen Menschen verloren hat, macht manchmal die Erfahrung, dass das direkte Umfeld hilflos auf Gefühle wie Traurigkeit oder Verlassenheit reagiert“, sagt sie. „In anderen Fällen ist es so, dass Betroffene ihre Lieben mit ihren wahren Gefühlen und ihrer inneren Not verschonen wollen und dadurch immer einsamer werden.“

Das Ehrenamt der Trauerbegleiterin übt sie neben ihrer ehrenamtlichen Arbeit für das ambulante Hospiz auf Sylt aus (wir berichteten). Je nach Bedarf führt sie die Begleitungen einzeln durch, in anderen Fällen trauern die Hinterbliebenen gemeinsam: Mit Margot Mehn, ebenfalls vom Sylter Hospizverein, und Annegret Hops von der Krankenhaus-Seelsorge veranstaltet Körbs regelmäßig das „Offene Café für Trauernde“ im Café Klein’er Kuhstall in Tinnum. „Wir haben mit unserem Café einen geschützten Raum schaffen können, in dem sich Trauernde über ihren Kummer austauschen können und Gehör finden“, erzählt Körbs. Und die Nachfrage sei groß: Mindestens 15 Personen, meistens sogar um die 20 kämen regelmäßig, wenn die Trauerbegleiterinnen zu einem neuen Treffen einladen. „Gerade ältere Menschen, deren Verlust des Ehepartners schon länger zurückliegt, sprechen mit ihren Kindern und Enkeln nicht mehr so viel über die verlorene Person“, erzählt sie, „im Café für Trauernde finden sie dann Menschen, die verstehen, dass man auch nach zehn Jahren noch um seinen Partner trauern kann.“ Die Hinterbliebenen, die sich in dem Café treffen, seien durch ihren gemeinsamen Verlust so etwas wie Verbündete. „Das gibt gerade den Älteren ein Gefühl von Sicherheit und sie fühlen sich verstanden, auch wenn im Grunde jeder für sich alleine trauert.“

Denn der Trauerprozess sei bei jedem individuell, erklärt sie. „Viele fragen mich immer wieder, ob es ein Rezept gegen die Trauer gibt, wie lange es dauert oder wann es endlich besser wird. Aber es gibt kein Rezept, jeder muss seinen eigenen Weg gehen und es dauert solange wie es dauert“, sagt Körbs, „und ich sage auch immer: Es hört nicht auf, aber es verändert sich“.

Vor allem das Verständnis bei den Treffen im Café für Trauernde sei von großer Bedeutung für die Hinterbliebenen. „Personen, die relativ frisch jemanden verloren haben, berichten uns häufig, dass es ihren Nachbarn und Freunden sehr schwer fällt, Mitgefühl auszudrücken“, sagt sie. „Manche wechseln sogar die Straßenseite oder gehen wortlos an den Hinterbliebenen vorbei. Dadurch fühlen sie sich nicht nur vom Partner, sondern auch vom Rest der Welt verlassen.“

Körbs staune immer wieder über das Rede-Bedürfnis der Menschen, die zu ihr kommen. „Viele bauen schnell ein großes Vertrauen zu mir auf und erzählen viel Persönliches“, sagt sie, „aber auch mir sind manchmal Grenzen gesetzt“. Manche kämen auch bei einer intensiven Begleitung einfach nicht vom Fleck. „Und ab und zu muss auch ich sagen, dass ich nicht mehr die richtige Ansprechpartnerin bin und psychologische Unterstützung notwendig ist.“ Andere Schicksale wiederum gehen auch ihr sehr nah: „Manchmal ist das, was den Menschen passiert ist, so schlimm, dass auch mir dir Worte fehlen“, sagt sie. Das komme vor allem vor, wenn eine Familie ein Kind verloren hat. Während ihrer zweijährigen Ausbildung zur Trauerbegleiterin habe Körbs zwar viel Handwerkszeug im Umgang mit Trauernden gelernt, „aber wenn man keine Worte hat, ist es einfach wichtig, Zeit zu schenken und den Menschen zuzuhören. Ohne dabei Ratschläge zu geben oder das Gesagte zu bewerten.“

Körbs liegt ihr Ehrenamt und die Trauerbegleitung sehr am Herzen. Das hat auch mit ihrer eigenen Geschichte zu tun, denn auch sie hat viel erlebt, große Verluste erlitten und seitdem eine andere Sicht aufs Leben. „Mit 23 Jahren hatte ich eine Lungenkrebserkrankung und wusste nicht, wie es weitergehen soll“, erzählt sie. „Man sagte mir damals, dass ich froh sein kann, wenn ich 30 werde“. Heute ist sie 49 und fühlt sich pudelwohl. Sie sei über ihre Hospizarbeit zur Trauerbegleitung gekommen, erzählt sie. „Wir haben oft Anfragen bekommen, ob wir neben Sterbe- auch Trauerbegleitungen anbieten“. Vor drei Jahren gab es dann die Idee, das Café für Trauernde zu gründen. „Von Beginn an war es uns wichtig, dass das Café für alle offen ist“, sagt Körbs, „jeder Trauernde ist willkommen – egal, wegen wem er trauert und wie lange schon. Außerdem muss niemand sagen, warum er da ist.“

Die Treffen beginnen immer mit einem Gedicht. „Das ist ein schöner Einstieg“, sagt sie, „so ergeben sich Gespräche und die Atmosphäre lockert sich ein wenig auf.“ Körbs und ihre Kolleginnen merken dann schnell, dass die Leute untereinander ins Gespräch kommen und sich auch über das Treffen hinaus verabreden, damit sie sich in ihrer Trauer nicht ganz alleine fühlen.


Das nächste „Offene Café für Trauernde“ findet am 23. Juni von 15 bis 17 Uhr im Café Klein’er Kuhstall statt.

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