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Sylter Rundschau

22. Oktober 2017 | 05:07 Uhr

„Gegen jedermann gastfrei und keusch“

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Folge 39 der SR-Serie „Sylter Zeitgeschichte“ handelt von den Heldentaten, die die Sylter Frauen im Laufe der Insel-Geschichte vollbracht haben

von
erstellt am 29.Okt.2013 | 00:33 Uhr

Als die Sylter im 17. und 18. Jahrhundert auf Walfang gingen und für Monate abwesend waren, mussten die Frauen notgedrungen selbst ihren Mann stehen. Und das taten sie offenkundig mit Bravour: „Die Weiber pflügen, ernten und besorgen die ganze Haushaltung, so dass der Mann nach vollendeten Seereisen mit der größten Ruhe und Bequemlichkeit hinter dem warmen Ofen seine Winterszeit vergnügt zubringen kann. Eine Weibsperson auf der Insel arbeitet an einem Tage soviel als in manchen Gegenden zwei Tagelöhner“, lobte ein Besucher vom Festland Anno 1782. Ein anderer Gast sekundierte: „Das Frauentum auf Sylt ist unstreitig das arbeitsamste auf der ganzen Welt.“

Überhaupt schienen die alten Sylterinnen engelsgleich: Ein zeitgenössischer Beobachter beschrieb sie „als in der Mehrzahl mager, wobei die himmelblauen Augen, das blonde Haar und die Wohlgestalt charakteristisch sind“. Und der bekannte Sylter Chronist Christian Peter Hansen befand: „Die Frauen sind hurtig und munter zu ihrer Arbeit, gegen jedermann gastfrei und keusch.“

Sogar der Seefahrt soll so manche Sylterin kundig gewesen sein. Einige Frauen, vermerkte eine alte Schrift, sollen selbst bei einem schweren Sturm glücklich vom offenen Meer bis an die schottische Küste navigiert sein.

Und auch an Courage mangelte es den gestanden Damen anscheinend nicht. Als Anno 1644 schwedische Krieger über die Insel vagabundierten, schien diese den Feinden schutzlos ausgeliefert – denn die Männer waren auf Walfang, und die Sylter Frauen allein konnten den Plünderungen der schwedischen Krieger nur schwerlich Einhalt gebieten.

Rettung nahte durch einen Trupp dänischer Soldaten, der – so erzählt es die Legende – mit den Sylterinnen zu einem Feldzug gen List rüstete. Die Frauen trugen an diesem Tag ihre Sonntagstracht – Röcke aus Schafsfellen, rote Bauchbinden und hohe, schwarze Kopfbedeckungen. Drohend schwangen sie ihre Sensen und Forken und sangen: „Dat geit na List mit Allemann, mit Bössen, Schwert un Forken. De hier nicht fechten will un kann, dat sind wohl rechte Schurken!“ („Nun geht es nach List mit allen Mann, mit Büchsen, Schwert und Forken. Wer hier nicht fechten will und kann, das sind wohl rechte Schurken!“) Die schwedischen Krieger campierten in einem Dünental und wollten gerade Essen fassen, als sie der Frauen und der Dänen gewahr wurden. Auf den Dünengipfeln erschienen die Sylterinnen mit ihren hohen Kopfbedeckungen im Gegenlicht der Sonne wie Riesen, und die Schweden bekamen es mit der Angst zu tun. Da rissen sie schleunigst aus, hissten in aller Eile die Segel und kamen nicht mehr zurück. Als die Sylter Seefahrer aber wieder heimkehrten, lobten sie den unerschrockenen Mut ihrer Frauen.

Ein anderes Mal, so wurde früher erzählt, sollen wiederum fremde Soldaten auf der Insel gelandet sein. Es waren die letzten sonnigen Herbsttage und die Sylter Frauen hatten ihre Strümpfe und die übrige Kleidung gewaschen und vor den Häusern zum Trocknen aufgehängt. Das kam den Eindringlingen gerade recht, denn sie waren zerlumpt und stahlen nun so viele Kleidungsstücke, wie sie zu tragen vermochten.

Doch hatten sie nicht mit dem Zorn der Sylter Frauen gerechnet, die aus allen Inseldörfern herbei eilten und den Dieben mit Äxten, Heugabeln und Sensen zu Leibe rückten. In den Tinnumer Wiesen setzte das Heer der Sylterinnen den Eindringlingen tüchtig zu, und diese Schlacht ging als „Strumpfkrieg“ in die Geschichte ein.


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