Wahlniederlage : Gabriele Pauli und Sylt: Abruptes Ende einer Liebe

Gabriele Pauli fühlt sich Sylt weiter verbunden.
Gabriele Pauli fühlt sich Sylt weiter verbunden.

Trotz ihrer Wahlschlappe will Gabriele Pauli auf Sylt bleiben und ihre Wahlversprechen einlösen. Dabei setzt sie auf „starke Frauen“ und urfriesische Traditionen.

shz.de von
18. Januar 2015, 11:01 Uhr

Westerland | Orte der Hoffnungslosigkeit können ja so wunderbar sein. Die Dünen, die Nordsee, die Luft... es ist ein Geschenk, Zeit auf Sylt zu verbringen. „Diese eine Liebe wird nie zuende gehen“, wussten „Die Ärzte“ schließlich bereits vor Jahrzehnten.

Bei Gabriele Pauli sieht die Sache freilich etwas anders aus. Eine stürmische Liebe ist vor einer Woche abrupt an die Wand geknallt. Nach einer kurzen und intensiven Anfangsphase, in der sich der höchste Norden Deutschlands und die Süddeutsche sehr nahe kamen, machte die Insel einen Rückzieher. Noch Mitte Dezember sah alles ganz anders aus. Den ersten Wahlgang um das Amt der Bürgermeisterin gewann die ehemaliger Fürther Landrätin mit 30,6 Prozent der Stimmen. Das wird was mit uns, signalisierte die Insel.

Um dann doch noch kalte Füße zu bekommen. Nikolas Häckel, parteilos, der im Dezember 27 Prozent erhielt, besiegte die favorisierte Pauli in der Stichwahl deutlich. 52,2 zu 45 Prozent lautete das Resultat. Paulis engagierter Wahlkampf war für die Katz.

Trennungsprozeduren sind Pauli bestens vertraut. Vor ein paar Jahren legte die heute 57-Jährige unter Aufsicht der ganzen Republik einen grandios inszenierten Beziehungscrash hin, an dessen Ende sie die CSU und die katholische Kirche verließ, nicht mehr Landrätin des Landkreises Fürth war und auch noch Edmund Stoiber vom Amt des bayrischen Ministerpräsidenten und vom Vorsitz der CSU vertrieben hatte.

Und diesmal? Sich in dieses Sylt zu verlieben, ist ganz leicht. Hunderttausende machen das Jahr für Jahr im Urlaub oder beim Faulenzen im Ferienhaus. Sich auf eine dauerhafte Beziehung mit der Insel einzulassen, ist hingegen deutlich schwerer. Sylt ist nicht nur sprunghaft und hin wieder abweisend, wie  Pauli gerade erfährt. Die Schönste unter den Inseln hat auch sonst riesige Probleme. Damit fertig zu werden, trauten die Inselbewohner der Süddeutschen dann doch nicht zu.

Schwindsucht ist eines der großen Probleme. Und damit ist hier nicht der Kampf gegen die Nordsee gemeint, die sich Sylt schleichend einverleibt. Nur noch knapp 14 000 Einwohner zählt die Gemeinde Sylt, die 2009 aus einer Fusion Westerlands mit den Gemeinden Rantum und Sylt-Ost hervorging. Pro Jahr werden keine hundert Kinder mehr auf der Insel geboren, während knapp 200 Insulaner sterben.

Vor einem Jahr wurde auch noch die Geburtenstation geschlossen. Werdende Mütter können sich jetzt entweder ein paar Tage vor der Geburt aufs Festland begeben und in „Boarding Houses“ auf den Tag X warten oder im Notfall mit dem Helikopter ausgeflogen werden.

„Was das kostet“, sagte Gabriele Pauli im Wahlkampf, die in ihrem Wahlprogramm eine „Stiftung zur Schaffung einer Geburtenstation“ versprach. Im Gespräch kündigt sie jetzt an, da am Ball bleiben zu wollen — auch ohne Amt: „Ich möchte die Gründung dieser Stiftung hilfreich begleiten“.  Sylt brauche unbedingt wieder eine Geburtenstation.

Paulis Erstwohnsitz bleibt vorerst München. Die kleine Mietwohnung in Westerland, von der aus sie ihren Wahlkampf organisierte, will die 57-Jährige jedoch nicht aufgeben. Ihren Wahlkampfschlager wird sie natürlich nicht mehr durchsetzen können. 5000 Euro pro Kind wollte sie Syltern mit Erstwohnsitz auszahlen — tranchiert, damit die nicht kurz nach der Geburt kassieren und dann abhauen.

Die erste Zurückweisung der Sylter ficht Pauli nicht an. Sie glaubt noch an die Liebe, will die Insel einfach nicht aufgeben. „Ich habe immerhin mehrere tausend Stimmen bekommen.“ Die kann man offenbar auch als Einladung interpretieren. Die urfriesische Tradition des Ting will sie aufleben lassen. Diesmal als weibliche Ratsversammlung.

Schon einmal im Wahlkampf versammelte sie ein paar Damen unter dem Label „Ting“. „Sylt ist eine Insel der starken Frauen“, sagt Pauli. „Wir sollten uns regelmäßig treffen und exzellente Referentinnen aus dem ganzen Land einladen, die uns neue Impulse geben können.“

Ob das der Liebe neue Impulse gibt? Landet Gabriele Pauli am Ende doch für immer auf Sylt? Sie kann ihrer Verliebtheit noch etwas nachhängen. Die langjährige Landrätin und ehemalige bayrische Landtagsabgeordnete hat gut verdient. Und angeblich warten auch schon Angebote aus der Wirtschaft.

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