FVV fördert seit 60 Jahren die "Verkehrsbereitschaft"

Bis 1998 residierten Fremdenverkehrsverein und -zentrale im eigenen Haus (links) direkt am Westerländer Bahnhof.
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Bis 1998 residierten Fremdenverkehrsverein und -zentrale im eigenen Haus (links) direkt am Westerländer Bahnhof.

Er ist älter als die Bundesrepublik - wenn auch nur vier Monate - und einer der Wegbereiter des Tourismus in Westerland. In der kommenden Woche feiert der Fremdenverkehrsverein Westerland sein 60-jähriges Bestehen. Die Sylter Rundschau blickt zurück auf die Anfänge und die wechselvolle Geschichte des Vereins.

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24. Januar 2009, 10:17 Uhr

Westerland | Januar 1949: Die D-Mark ist gerade einmal ein halbes Jahr alt, die Bundesrepublik noch nicht gegründet, und die Berliner werden von den alliierten Rosinenbombern versorgt - Westdeutschland bereitet sich unter Konrad Adenauers Führung auf das Wirtschaftswunder vor. Auf der Nordseeinsel Sylt und in ihrer "Hauptstadt" Westerland ist davon noch nicht viel zu spüren.

Fast vier Jahre nach Kriegsende liegt der Fremdenverkehr danieder, Hotels und Fremdenheime sind von den britischen Besatzungstruppen oder den vielen Vertriebenen belegt, Mobiliar und Ausstattung stammen größtenteils noch aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Dennoch weiß nicht nur Bürgermeister Andreas Nielsen, dass der Fremdenverkehr der Lebensnerv des Bades Westerland ist. Bereits im Oktober 1946 ruft er zur Gründung eines "Verkehrsvereins Volksbad Westerland" auf. Im Mittelpunkt der Gedanke, ein Heilbad für die unter den Kriegsfolgen leidende Bevölkerung zu sein.

Am 30. Januar 1949 dann endlich die Gründung des Fremdenverkehrsvereins Westerland. Unter den auf Anhieb 400 Mitgliedern sind keineswegs nur Privatvermieter, sondern Kräfte aus allen fremdenverkehrsrelevanten Bereichen, wie der heutige Vorsitzende Hayo Feikes (seit 2003) in der Jubiläumsbroschüre vermerkt. In den 1950-er Jahren sitzen in Vorstand und Beirat Vertreter aus Stadtverwaltung, Reichsbahn und -post, Ärzteschaft, Hotellerie und Gastronomie, Gewerkschaften, Handel, Handwerk oder auch Haus- und Grundeigentümerverein. Feikes: "Der Verein war der Wegbereiter für den touristischen Aufstieg der Stadt."

Zunächst gilt es jedoch, die Grundlagen dafür zu legen. Und das heißt vor allem, die Bevölkerung zur "Verkehrsbereitschaft" anzuhalten - heute nennt sich so etwas Service-Offensive. Hinzu kommt die Organisation eines Zimmernachweises (zunächst für acht Wochen im Sommer in einer Holzlaube an der Ecke Stephanstraße/Wilhelmstraße) sowie die Überwachung des Preisniveaus und der Unterkunftsverhältnisse. Darüber hinaus entwickelt sich der rasch auf über 800 Mitglieder anwachsende Verein schnell zum Sprachrohr des Fremdenverkehrs, schaltete sich in politische Diskussionen wie die Schaffung von Parkplätzen, die Bekämpfung des Fluglärms durch die Engländer, staatliche Förderung für die Instandsetzung von Beherbergungsbetrieben sowie den Bau eines Autodamms nach Sylt ein.

1954 - die durchschnittliche Vermietdauer in Westerland beträgt 45 bis 50 Tage im Jahr - wird die Fremdenverkehrszentrale (FVZ) als Wirtschaftsbetrieb gegründet und ein Jahr später der Verkehrspavillon am Bahnhof errichtet. Durch die Zusammenarbeit mit Pauschalreise-Anbietern wird Westerland jährlich mit mehr als 40 000 Übernachtungen versorgt. "Ganzjährig hatten nur das Hotel Stadt Hamburg und das Hotel Kiefer geöffnet - von 50 Tagen im Jahr konnte man nicht leben", blickt Feikes zurück.

Der große Umbruch kommt in den 1960-er Jahren und beginnt mit dem Bau des Wellenbades 1964. Plötzlich sind auch im Winter Gäste da, die neue Reiselust der Deutschen wird auch an der Nordsee spürbar und macht Westerland für Investoren interessant. Seit Beginn des Ersten Weltkrieges war kein einziges Hotel neu gebaut worden und den Besitzern der Logierhäuser fehlt das Geld für deren Sanierung. "Da waren viele froh, als ihnen gute Preise für ihre Grundstücke bezahlt wurden, auf denen Appartementhäuser entstanden", erinnert sich Feikes. Auch das Hotel Roth seiner Familie weicht dem Neubau des Kurzentrums - wird jedoch, anders als viele Traditionshäuser, in modernem Gewand neu gebaut. Der Grundstein für den ganzjährigen Fremdenverkehr ist gelegt, die FVZ brummt trotz der neuen Konkurrenz durch private Vermietbüros.

Über 30 Jahre dauert die Erfolgsgeschichte des zeitweise über 1 000 Mitglieder starken Vereins und seiner GmbH. Feikes: "Allein von 1960 bis 2002 hat die FVZ über sieben Millionen Übernachtungen vermittelt und den Vermietern einen Umsatz von 200 Millionen D-Mark beschert." 2003 dann fast das Aus für den Verein. Die FVZ muss Insolvenz anmelden und der FVV gerät in deren Sog. Letztlich gelingt mit Hilfe des Unternehmervereins und der Politik die Rettung des FVV. Das deutlich reduzierte Buchungsgeschäft übernimmt die seit 1985 ruhende Sylter Tagungs- und Kongress GmbH mit dem Buchungszentrum Sylt. Vermittelt werden hier an 440 angeschlossene Kleinvermieter 40 000 Übernachtungen pro Jahr (ein Viertel des FVZ-Volumens). Der Verein ist heute auf 290 Mitglieder geschrumpft. Dennoch ist Feikes überzeugt, dass dessen Erhalt richtig war: "Aus Respekt vor der Aufbauarbeit unserer Vorgänger und weil man nie weiß, was noch kommt."

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