Ute Lemper im Interview : „Für mich gab es nie Tabus“

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Am 31. Juli tritt Ute Lemper im Meerkabarett auf. Im Interview spricht sie über Schubladendenken, Tango und Gleichberechtigung.

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28. Juli 2015, 05:20 Uhr

Lady? Ja, die Charakterisierung gefällt Ute Lemper schon. „Auch ich verlange Respekt und Anerkennung und repräsentiere eine gewisse Würde, Stärke wie auch Stil – da finde ich Lady schon okay.“ Einverstanden – doch vor allem ist die gebürtige Münsteranerin, die inzwischen seit über 16 Jahren in New York lebt, natürlich eine ebenso erfolgreiche wie wandlungsfähige Sängerin und Künstlerin, wie sie einmal mehr auch mit ihrem jüngsten Projekt beweist. Bevor die 52-Jährige nun mit ihrem Programm „Last Tango in Berlin“ nach Sylt kommt, hat Christoph Forsthoff die Lemper zum Interview getroffen – nach einem schlaflosen Flug aus New York: „Wenn ich jetzt die Augen fünf Minuten schließen würde, wäre ich gleich weg …“ – also rasch die erste Frage.



Während Sie andernorts bejubelt werden, steckt man Sie hierzulande bis heute gern in die eine oder andere Schublade – neigen die Deutschen zu Klischees?
Das kann schon sein. Am Anfang wurde ich schnell in die Schublade Romy Schneider und Marlene Dietrich hineingezogen als junge deutsche Power-Frau und Femme fatale. Ich war schockiert, doch irgendwann ist mir dann klar geworden, dass viele Menschen offenbar solch eine Klischesierung brauchen.


Stören Sie solche Schubladen-Bilder?
Nein. Mittlerweile interessiert mich das überhaupt nicht mehr, denn ich bin schon seit langem meine eigene künstlerische Identität und habe nicht mehr damit zu kämpfen, diese noch näher zu definieren. Wenn ich auf die Bühne gehe, fühle ich mich völlig in meinem eigenen Element …


… und das findet sich aktuell in Lateinamerika, wie Ihre letzten, dem Tango und nun auch Neruda gewidmeten Programme zeigen. Woher rührt diese neu entdeckte Vorliebe?
Das ist weniger eine Entdeckung als vielmehr mittlerweile Teil meiner musikalischen Identität, in der die Piazzolla-Songs ihre Fußspuren hinterlassen haben. In dem Programm „Last Tango in Berlin“ begleiten mich bei den Songs von Piazzolla, Weill und Brecht, Hollaender, Piaf und Brel Klavier und Bandoneon …

… das Tango-Instrument schlechthin …
... und dieses Bandoneon besitzt solch eine weiche, warme Stimme, dass sich mit diesem Instrument auch das europäische Repertoire wunderbar ausdrücken lässt. Insofern habe ich das Bandoneon in meine Welt aufgenommen.


Nun treten Sie mit dem Tango-Programm nicht nur in Europa und den USA auf, sondern auch in Südamerika, der Heimat des Tangos – wie reagieren die Menschen dort auf die Mischung aus Brel, Weill und Piazzolla?
Es gibt in Südamerika ein großes Publikum, das aus verschiedenen Gründen sehr interessiert ist an der europäischen Kunst und am europäischen Lied. Für diese Menschen bin ich die Nachkriegskünstlerin, die versucht, diese Welten zusammenzubringen. Zumal ich ja auch viele Lieder auf Jiddisch singe – ein Dialog zwischen den Kulturen, der zu einem Teil meiner Mission geworden ist im Laufe der letzten 30 Jahre.


Haben Sie diese Rolle als Mittlerin zwischen den Welten bewusst angestrebt?
Nein, anfangs nicht bewusst. Meine internationale Karriere begann ja 1987 mit meiner ersten Platte „Ute Lemper singt Kurt Weill“, die 50 Wochen lang die Nummer Eins in den Crossover-Charts in den USA gewesen ist und sich überall bis hin nach Japan sehr gut verkauft hat.


Nur in Deutschland hat sich kaum einer dafür interessiert …
… denn hier waren die Lieder aus der „Dreigroschenoper“ oder „Mahagonny“ alte Kamellen. Doch international hat die Platte die damals noch als Nazi-Sprache stigmatisierte deutsche Sprache auf einmal wieder in einem anderen Licht erscheinen lassen: Die Sprache wurde in ihrer Poesie wiedererkannt, in ihrer Schönheit und Tiefe. Und so verbindet mich mit diesem Repertoire bis heute eine große internationale Geschichte, und ich habe es mir dann zur Mission gemacht, dieses Thema mit großem Respekt und Ehrlichkeit zu behandeln und eine Brücke zur Musik anderer Länder zu schlagen.


Ein Grund, dass Elke Krüsmann Sie in ihrem Buch „Endlich Lady! Älter werden muss nicht beige sein“ als Repräsentantin einer neuen, faszinierenden Frauengeneration bezeichnet. Nun kann ich Sie schlecht fragen, ob Sie sich auch so sehen, aber was macht diese neue Frauengeneration aus?
Ich bin mir nicht sicher, ob man über die ganze Generation sprechen kann, denn natürlich kommt es auf den Lebensstil an. Aber generell gilt, dass uns von der Emanzipation der Weg schon bereitet war: Wir konnten von Anfang mitreden in der Männerwelt, und auch alle Berufe standen für uns offen.


Gleichberechtigung ist also heute Realität?
Natürlich ist es für die Frau immer härter, Beruf, Kinder und Familie unter einen Hut zu bringen – weil nun mal die Frau die Kinder austrägt und die Gesellschaft das auch so fördert. Aber in puncto politischer Offenheit und fairem Denken standen unserer Generation schon viele Türen offen, die wir auch mit viel Selbstbewusstsein durchschritten haben.


Sie selbst zweifellos noch mehr als viele andere.
Ich bin manchmal vielleicht noch ein bisschen mutiger, weil ich einfach alles mache, was ich mir so vorstellen kann. Für mich gab es nie Tabus – etwa jetzt noch einmal ein viertes Kind: Da hätte jede Frau gesagt „Bin ich denn wahnsinnig“ – ich habe es einfach gemacht. Und so habe ich im Leben immer relativ angstlos die Herausforderung gesucht – und da ich keinen habe, der mir da reinredet, konnte ich diesen Intuitionen auch immer folgen.


Gehört zu einer Lady auch Noblesse?
Nein, das glaube ich eigentlich nicht, denn Noblesse oblige – und ich fühle mich zu nichts verpflichtet. Gerade das ist ja auch das, was mir in New York so gut gefällt, so dass ich dort überhaupt keine Form von Snobismus oder einem übersteigerten Selbstbewusstsein entwickle: Da ist alles so relaxt, und es ist auch völlig egal, wie alt jemand ist.


Rantum: 31.7. event:halle, 20.15 Uhr, Karten (34-46,50 Euro): 04651/4711

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