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Guttempler-Orden : Für ein Leben ohne Alkohol

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Vor 125 Jahren gründete sich die Sylter Guttempler-Gemeinschaft „Frisia“. Zum Jubiläum am Montag gibt es einen „Tag der offenen Tür“

„Andere Menschen aufzufangen, ist unser Bemühen, Verschwiegenheit unser oberstes Gebot. Das war vor 125 Jahren so, das ist heute so“, unterstreicht Hans-Jürgen Wolfram. Gemeinsam mit den anderen Mitgliedern freut sich der zweite Vorsitzende der Sylter Guttempler-Gemeinschaft „Frisia“ auf ein bedeutendes Jubiläum, das am Montag mit einem „Tag der offenen Tür“ und am kommenden Sonnabend mit einer Festsitzung gefeiert wird.

Es war der 24. April 1892, als 22 Gründungsmitglieder die Loge gründeten, wobei der Festakt laut Protokoll „den Charakter einer erweiterten Familienfeier hatte, wo nur der heitere, persönliche Verkehr herrschte“.

Acht Jahre später konnten die Abstinenzler am heutigen Standort im Tinnumer Borigwai ein eigenes Domizil beziehen, das sie selbst erbaut hatten. Seinerzeit stand das kleine Haus noch frei in den Wiesen, längst ist inzwischen auch die Nachbarschaft bebaut und das Haus selbst durch einen Anbau erweitert.

Im Jahre 1932 hatten sich zur Tinnumer Loge „Frisia“ vier weitere in Westerland, Morsum, Kampen und List hinzu gesellt, die sich in späteren Jahren jedoch mangels Mitgliedern wieder auflösten. Die „Frisia“ jedoch erreichte im Jahre 1927 mit 150 Mitgliedern ihre bis heute bedeutendste Größe, überstand alle Wirren der Zeit, zwei Weltkriege und die Repressalien der Nationalsozialisten.

„Wir sind eine feste, traditionsreiche Sylter Institution geworden, die für die Unterstützung durch die Inselkommunen ebenso dankt wie für die gute Zusammenarbeit mit dem Beratungs- und Behandlungszentrum in Westerland“, betont Hans-Jürgen Wolfram.

Zwölf Aktive lenken heute die Geschicke der Sylter Guttempler – ehemalige Alkoholiker wie auch Angehörige, die älteste Aktive ist seit bereits über 60 Jahren dabei. „Ein zentrales Element unserer Arbeit ist neben den montäglichen Zusammenkünften die offene Gesprächsgruppe, die sich jeden Dienstag ab 19 Uhr trifft“, erläutert Schriftwartin Sylta Eichhorn, die wie Hans-Jürgen Wolfram ausgebildeter Suchthelfer ist.
Fünf bis zehn Besucher, vorrangig Einheimische, sind es im Schnitt, die dienstags den Weg ins Guttemplerhaus finden. „Mit unseren eigenen Erfahrungen können wir Betroffenen wie Angehörigen Halt geben und ihnen den Weg aus der Sucht aufzeigen“, berichtet Sylta Eichhorn.

Es ist ein langer Weg „und gerade im ersten Jahr können Rückfälle auftreten, aus denen man aber Erkenntnisse zieht“, weiß Wolfram. Oft ist es der Druck durch den Ehepartner oder Arbeitgeber, der Alkoholiker zu den Guttemplern treibt – doch den Willen zur Enthaltsamkeit muss letztlich jeder selbst mitbringen. Und sonst nichts.

Viele Männer, aber auch zunehmend Frauen sind unter den Teilnehmern der Gesprächsgruppe, viele jenseits des Alters von 40 Jahren, wenn späte Erkenntnisse gereift sind. Die Ursachen für die Abhängigkeit sind ganz unterschiedlich, weiß der Öffentlichkeitsbeauftragte Wolfgang Schnoor: „Oft wurde das schon im Elternhaus vorgelebt. Eheprobleme, Arbeitslosigkeit, Schicksalsschläge – auch dies können entscheidende Faktoren sein.“ Viele Betroffene würden die Augen jedoch zunächst verschließen „nach der Devise: Das hab ich alles doch noch im Griff.“

Ein Besuch bei den Guttemplern öffnet die Augen – und die Tür für ein neues, besseres Leben. Wolfram: „Doch das gelingt nicht immer. Wir hatten auch schon Besucher, die sich letztendlich tot getrunken haben.“

Engagiert für andere da sein – das hat sich die Gemeinschaft auch für die Zukunft auf die Fahnen geschrieben, doch zunächst wollen 125 Jahre gefeiert werden: Am 24. April öffnet das Guttemplerhaus im Tinnumer Borigwai 10 seine Pforten, es gibt Spiele für Erwachsene und Kinder, Kaffee und Kuchen sowie Exponate aus dem Guttempler-Museum in Mildstedt zu sehen.

Am 29. April folgt im evangelischen Gemeindezentrum in Westerland eine Festsitzung mit geladenen Gästen, die unter anderem durch einen Festvortrag des Guttempler-Landesvorsitzenden Hans-Jürgen Kain und eine musikalische Darbietung des Kinder-Shantychors der Norddörferschule geprägt wird. „Wir sind stolz auf das Erreichte und würden uns freuen“, merkt Hans-Jürgen Wolfram an, „wenn viele Repräsentanten der Insel unserer Einladung folgen und damit ihre Wertschätzung verdeutlichen würden.“

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erstellt am 22.Apr.2017 | 05:43 Uhr

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