Nachwuchs für den Catharinenhof : Fünf Generationen auf Sylt: Robin ist eine statistische Rarität

Als fünf auf einem Bild: Mama Lina (23 Jahre), Oma Steffi (47 Jahre), Ur-Oma Karin (65 Jahre) und Ur-Ur-Oma Gondeline (87 Jahre) mit Robin.
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Als fünf auf einem Bild: Mama Lina (23 Jahre), Oma Steffi (47 Jahre), Ur-Oma Karin (65 Jahre) und Ur-Ur-Oma Gondeline (87 Jahre) mit Robin.

Auf dem Catharinenhof in Morsum leben jetzt fünf Generationen (fast) unter einem Dach. Das Sölring soll auch der Jüngste lernen.

shz.de von
18. Juli 2015, 18:46 Uhr

Sylt | Von einer Generation zur nächsten rechnen die Wissenschaftler eine Zeitspanne von 25 Jahren. Wenn also die Ur-Ur-Oma ihren Ur-Ur-Enkel im Arm halten möchte, muss sie sich schon guter Gesundheit erfreuen, denn dann ist sie nach Adam Riese rein rechnerisch mindestens 100 Jahre alt. Dass Ur-Ur-Oma und Ur-Ur-Enkel auch noch unter einem Dach leben, ist statistisch betrachtet noch unwahrscheinlicher.

Deshalb würden in Schleswig-Holstein auch nur die Familien gezählt, in denen maximal drei Generationen zusammenleben, erklärt Pressesprecherin Alice Mannigel vom Statistikamt Nord und fügt hinzu, dass sie es toll, aber eben außergewöhnlich findet, wenn sich fünf Generationen begegnen. Auch das Standesamt und die Meldebehörde der Gemeinde Sylt gehen von verschwindend geringen Zahlen aus, die offiziell auch nicht nachvollziehbar sind.

Robin in Morsum ist also eine statistische Rarität, denn als er Anfang Juli geboren wurde, freuten sich Mama Lina (23 Jahre), Oma Steffi (47 Jahre), Ur-Oma Karin (65 Jahre) und Ur-Ur-Oma Gondeline (87 Jahre) über den süßen Nachwuchs. Die Mädels in Morsum scheinen also entweder Adam Riese nicht zu kennen oder sind ein bisschen fixer als er, denn sie haben mit dem jetzt entstandenen Fünf-Generationen-Haushalt alle mathematische Gesetze und Adam Riese Schachmatt gesetzt.

Ur-Ur-Oma Gondoline ist 87 Jahre alt und die Sylter kennen sie als Gonje. Bereits als junge Frau war sie außergewöhnlich, denn sie fuhr nicht nur als erste Frau in Morsum Auto, sondern konnte samt ihres Gefährts als Mietwagen mit Fahrerin gebucht werden. „Da konnte es passieren, dass ich gerade das Essen gekocht habe und dann ein Anruf kam, dass jemand irgendwo hingefahren werden wollte. Na, dann musste das Essenkochen eben warten und ich bin los!“ erzählt sie schmunzelnd. Gonje war bereits Mutter, und ihre Tochter Karin erinnert sich, dass Mamas Mietwageneinsätze kein Problem für sie waren: „Schon damals haben meine Großeltern dann auf mich aufgepasst, weil wir alle zusammen auf dem Catharinenhof gewohnt haben.“ Dort setzte sich die Generationenbetreuung nahtlos fort als Karin selbst Mutter wurde und ihre Tochter Steffi zur Welt kam.

So wie die Familie wuchs auch der Catharinenhof, und konnte aufgrund seiner Größe der wachsenden Familie verschiedenste Dächer über dem Kopf bieten. Bauernhof war er schon immer, in den 50er-Jahren kamen Gästeappartments dazu. Und als Karin sich als Kosmetikerin selbstständig machte, eröffnete sie auch ihren Kosmetik-Pesel auf dem Catharinenhof. Obwohl räumlich nicht weit weg, konnte Karin sich nicht um Steffi kümmern, wenn von ihr Kunden kosmetisch verwöhnt wurden. Doch auch für Steffi war das nicht schlimm, denn ebenso wie ihre Mutter Karin in den Jahren zuvor, machte sie die Erfahrung, dass es immer jemanden auf dem Hof gab, der für sie da war. „Eigentlich haben mich alle erzogen, meine Mutter ebenso wie meine Großeltern. Nur Opa hatte Schwierigkeiten mit meinem Namen“, schmunzelt sie, „anstatt Steffi hat er immer Stefaahnie gesagt.“

Steffi wurde Bauzeichnerin und schließlich auch Mutter. Zwischen zwei Kosmetikbehandlungen hat sie ihrer Mutter die frohe Botschaft überbracht. Geplant war ein „Michel“, geworden ist es Lina, die Anfang Juli wiederum ihre Mutter Steffi zur Oma machte. Robin wurde zwar nicht wie seine Vorfahren auf Sylt sondern in Lübeck geboren, wird aber auch in Morsum aufwachsen. „Hier bekomme ich immer Unterstützung und viele Tipps rund um die Babybetreuung“, erzählt Lina. Sie wohnt mit ihrem Mann und Baby Robin nur einen Steinwurf vom Catharinenhof entfernt.

Wenn Ur-Ur-Oma Gonje und Lina ihre Erfahrungen in Sachen Babybetreuung austauschen, sind große Unterschiede festzustellen. Heute werden die Babys bereits im Krankenhaus mehrfach untersucht, was sich bis ins Teenageralter fortsetzt. „Bei uns war das anders“, erzählt Ur-Ur-Oma Gonje, „einmal im Monat gingen wir zur Mütterberatung. Dort hat sich die Hebamme das Kind beguckt und gefragt, ob alles in Ordnung ist. Damit hatte es sich dann. Und wenn wir das Baby baden wollten, haben wir den Tauchsieder an der Deckenlampe befestigt und so das Wasser erwärmt. Es war eben die schlechte Zeit und wir hatten nicht viel.“

Was sich aber auf dem Catharinenhof in den letzten Jahrzehnten nicht verändert hat, ist die Sprache. Alle Generationen sprechen Sölring miteinander. Und das wird der kleine Robin auch lernen. „Zu mir“, sagt Ur-Oma Karin, „wird er auf jeden Fall nicht Oma sondern Modje sagen!“  

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