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Sylter Inselköpfe : Fröhlicher Begleiter in düsteren Stunden

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Wolfgang Krüger ist seit 53 Jahren Bestatter auf Sylt. Neben dem Beruf ist der 66-Jährige leidenschaftlicher Schauspieler und besitzt eine ansteckende gute Laune.

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erstellt am 05.Sep.2013 | 06:00 Uhr

Tick, tack, tick, tack macht die kleine goldene Standuhr auf der Kommode von Wolfgang Krügers Büro. Auf der Uhr wippt ein kleiner goldener Trompete spielender Engel – und weil Wolfgang Krüger Sylts Bestatter ist, und weil hinter der Tür zum Nebenraum eine Auswahl an Särgen steht, rufen der Engel und die Uhr sofort bewährte Assoziationen hervor, die mit der ablaufenden Lebenszeit und so. Stellt man sich ja auch so vor, beim Bestatter.

Dann kommt Wolfgang Krüger herein, lächelt freundlich und wirkt auf Anhieb wie der lebensbejahenste, menschenfreundlichste ältere Herr der Welt. Dass das in seinem Job, den Krüger schon seit 53 Jahren ausübt, ausgesprochen gute Charaktereigenschaften sind, versteht man im Gespräch mit dem 66-Jährigen recht schnell. „Wenn Leute hierher kommen, tieftraurig, dann nehme ich die oft in den Arm. So mancher hat in denen schon Rotz und Wasser geheult“, sagt Krüger.

Seinen beruflichen Schwerpunkt sieht Krüger bei den Lebenden, nicht bei den Toten. Um die Verstorbenen, das ist ihm wichtig, wird sich sorgsam und respektvoll gekümmert, die Hinterbliebenen sollen das Gefühl haben, sagt er, dass der geliebte Mensch „in gute Hände übergeben wird“. Und dass sie, die Angehörigen, nicht alleine da stehen. „Auch wenn Krüger sie in traurigen Situationen kennen lernt: Es gibt in diesem Beruf tolle und auch fröhliche Momente“, erzählt der gebürtige Sylter. Vor ein paar Jahren kam ein junges Urlauber-Ehepaar zu ihm, tief traurig, weil es gerade sein ungeborenes Kind verloren hatte. Krüger, Familienmensch und leidenschaftlicher Opa, redete lange mit ihnen und sagte im Laufe des Gesprächs, dass sie ja vielleicht irgendwann noch einmal die Chance hätten, ein Kind zu kriegen. Das kam nicht gut an: „Da waren beide ziemlich angefressen.“ Zwei Jahre später steht das Paar wieder in Krügers Büro, und die Frau strahlt. „Sie sagte, ich hätte ihnen in der schwersten Stunde ihres Lebens beigestanden, deshalb sollte ich jetzt auch ihr Glück teilen – sie hätten jetzt ein Kind.“ Krüger lächelt. „Das sind so Momente, da strahle ich übers ganze Gesicht.“ Manchmal allerdings, da wirken auch die traurigen Erlebnisse beim „von Berufs wegen fleißigen Kirchgänger“ nach: „Dann hadere ich mit dem Chef da oben, warum der einen nicht besser beschützt hat. Oder warum er ihm keinen zum Reden geschickt hat.“ Bei so viel Auseinandersetzung mit dem Tod Anderer hat der Bestatter auch eine klare Haltung zum eigenen Ende: „Angst vor dem Tod habe ich nicht“, sagt er bestimmt. Und fügt dann hinzu: „Aber vor dem Sterben, davor schon. Das kann schlimm sein.“

Über die schönen und die schlimmen Geschichten, über die spricht Krüger viel mit seiner Frau, seinem „großen Glück“. Gemeinsam mit der erwachsenen Tochter betreiben sie gemeinsam das Beerdigungsinstitut „Moritzen/Krüger“. Moritzen war Krügers Stiefvater, bei ihm hat er ab seinem zwölften Lebensjahr mithelfen müssen: „Mein Traumberuf war das damals noch nicht. Auch als junger Mann, da habe ich gelegentlich darunter gelitten. Wenn ein Mädel nicht mit dir tanzen will, weil du ein paar Tage vorher ihre Oma aus dem Haus getragen hast.“

Jetzt scheren solche Vorurteile Krüger nicht mehr. Gelegentlich, wenn er vor einer Bestattung in schwarzem Mantel und mit Zylinder vor der Kirche steht, gucken Menschen ihn schon irritiert an. Aber nicht, weil er Bestatter ist, sondern weil sie Krüger kurz vorher bei der Ausübung seiner zweiten Leidenschaft, also bunt verkleidet auf einer insularen Bühne, gesehen haben. Denn der Sylter Bestatter ist Schauspieler mit Leib und Seele: Seitdem er 15 Jahre alt ist, ist er dem plattdeutschen Theater auf der Insel verbunden, heute spielt er regelmäßig Sketche mit seiner Truppe, den Sylter Inselspeelern. Und wenn Krüger als Speeldeeler seine Quetschkommode raus holt, mit der er richtig Stimmung machen kann, kann man die überraschte Frage der Passanten verstehen, die ihn bei einer Beerdigung wieder sehen: „Das machen Sie im richtigen Leben?“ Obwohl – eigentlich vermischt sich das bei Krüger alles: Einen Sterbenden, mit dem Krüger seine Beerdigung geplant hatte, besuchte Krüger spontan mit Quetschkommode im Krankenhaus, um dem Mann noch einmal sein Lieblingslied zu spielen, erzählt er. Das heitere, manchmal klamaukige plattdeutsche Theater als Ausgleich für Krügers Beruf zu bezeichnen, wäre deshalb wahrscheinlich zu kurz gegriffen. Eher: Sylt hat einen heiteren Bestatter, der gerade deshalb genau der richtige Ansprechpartner sein kann, wenn das Leben schrecklich düster ist. Stellt man sich vielleicht nicht so vor. Und ist vielleicht deshalb gerade richtig.

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