Summertime Party auf Sylt : Frauen-Power bei den Harley Days

Leila (2.v.l.) und ihre Freundinnen vom Niederrhein-Chapter.
Leila (2.v.l.) und ihre Freundinnen vom Niederrhein-Chapter. Fotos: Fleischmann

Die Zeiten, in denen Frauen als schmückendes Beiwerk „hinten auf dem Bock” sitzen, sind vorbei – viele haben selbst den Lenker in der Hand.

shz.de von
11. Juni 2018, 06:00 Uhr

Bei perfektem Wetter ging am Sonnabend der Höhepunkt des seit 21 Jahren statt findenden Harley-Treffens auf Sylt über die Bühne: das Sammeln der rund 600 registrierten Maschinen auf der Westerländer Strandpromenade mit anschließender gemeinsamer Ausfahrt über die Insel.

Unter den Teilnehmern, die ihre über 300 Kilo schweren Maschinen auf Hochglanz poliert hatten und ihre Schmuckstücke fein säuberlich in Zweierreihen aufstellten, waren allerdings nicht nur „harte Kerle”. Auch „zarte Ladys“ schwangen sich, schick gestylt in schwarzer Lederkluft, aus dem Sattel und banden die pinken Teilnehmer-Bändchen an ihren Maschinen fest – und zwar an ihren eigenen. Denn die Zeiten, in denen die Frau als schmückendes Beiwerk „hinten auf dem Bock” sitz, sind scheinbar vorbei – auch wenn man hier und da noch Biker-Machos sieht, die das typische Klischee-Bild nur all zu gerne erfüllen.

In Wahrheit haben es die modernen, selbstbewussten Frauen aber satt, nur Beifahrer zu sein. Sie wollen selbst den Lenker in der Hand haben und selbst Gas geben. „In der Tat haben wir in den letzten Jahren einen leichten Anstieg der selbstfahrenden Frauen zu verzeichnen“, kann Michael Knote vom Harley Sylt-Chapter bestätigen. „Rund 40 Prozent unserer Mitglieder sind weiblich und die meisten davon fahren auch ihre eigene Maschine. Gerade die jüngere Generation, die jetzt gerade nachkommt und zwischen 30 und 40 Jahre alt ist, bringt viele selbstfahrende Frauen mit sich.“ Und die Harley-Ladys fahren nicht etwa kleine, leichte „Frauen-Bikes” sondern die gleichen schweren Maschinen wie ihre Männer. Wie zum Beispiel Leila vom Niederrhein, die ihre schwarze Softtail Bobber mit Totenkopf-Verzierung lässig auf der Promenade parkt. Zusammen mit ihren Harley-Kolleginnen Andrea, Britta und Petra wartet sie auf den Startschuss zur Ausfahrt. Auf die Frage, wie man als Frau mit den schweren Maschinen zurecht kommt, können sie nur lachen: „Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg!“

Die jungen Power-Frauen Pam (vorne) und Natalie erfüllten sich einen Traum.
Fleischmann
Die jungen Power-Frauen Pam (vorne) und Natalie erfüllten sich einen Traum.

Bevor Leila ihre langen roten Haare unter den Helm stopft, erzählt sie noch, dass sie lange auf diesem Moment gewartet hat. „Ich bin schon immer Motorrad gefahren und habe jetzt seit einem Jahr endlich meine eigene Harley, in die ich mich auf den ersten Blick schockverliebt habe“, sagt sie lachend. „Mein Mann fährt auch Harley und nachdem unsere Kinder groß sind, haben wir endlich Zeit für unser Hobby”. Und das wird gemeinsam gepflegt und ausgebaut: „Du musst dir das so vorstellen: im Wohnzimmer das Chesterfield-Sofa, daneben die Jack Daniels Flaschen und mittendrin unsere beiden Harleys - ein Traum!”“

Einige Meter weiter steigt Vera aus Hannover von ihrem Trike. „Ich hatte keine Lust mehr, immer nur der Beifahrer von meinem Mann zu sein”, sagt sie, „da habe ich mir diese Harley mit drei Rädern zugelegt, die kann ich nämlich ganz einfach mit meinem Auto-Führerschein fahren“. Gleich daneben steht die prachtvolle königsblaue Maschine von Dodo-Nataly, die mit ihrem Mann das halbe Jahr über in Amerika lebt. „Dort fahren wir natürlich nur mit den Bikes durch die Gegend und das schon unsere ganzes Leben lang“, berichtet die attraktive Lady, die bereits 79 Jahre alt ist. „Mit einer Harley kauft man sich schließlich ein Stück Lebensqualität und bekommt die Maschine gratis mit dazu”, lacht sie.

Von dieser Lebensqualität, dem glänzenden Chrom und dem blubbernden Sound einer Harley träumten auch Pam und Natalie schon lange. Die beiden jungen Frauen gehören zu der neuen Generation Harley-Fahrerinnen, die sich ihre Traummaschine schon gekauft hatten, noch bevor sie den Führerschein dafür hatten. „Den Führerschein haben ich zusammen mit meinem Freund gemacht”, berichtet Natalie, die keine Lust hatte, bei ihm hinten drauf zu sitzen.

Dodo-Nataly (79) und ihr Mann teilen seit über 53 Jahren die Harley-Leidenschaft.
Fleischmann
Dodo-Nataly (79) und ihr Mann teilen seit über 53 Jahren die Harley-Leidenschaft.

Für ihre Freundin Pam ist dieser Tag ein ganz besonderer Meilenstein im Leben, denn „heute geht mein Lebenstraum endlich in Erfüllung”, sagt sie strahlend. „Ich lebe jetzt seit 24 Jahren auf Sylt und seit 21 Jahren stehe ich am Straßenrand, wenn die Harleys im Konvoi vorbei fahren und heule, weil ich nicht mit kann“, erzählt sie. „Aber seit einem Jahr habe ich meinen Motorrad-Führerschein und meine traumhafte, champagnerfarbene Maschine mit dem Krönchen auf dem Tankdeckel und jetzt fahre ich zum ersten Mal mit meiner eignen Maschine im Konvoi mit – ich könnte heulen, aber diesmal vor Glück!“. Nicht umsonst hat sich die „Prinzessin auf der Harley“ den Spruch „Live your Dream“ – „Leben deinen Traum” in den Ledersitz ihrer Maschine sticken lassen…

 

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen