Fliegen mit Staubsauger-Lautstärke

Jürgen Spittler mit seinem Gyrocopter.
Jürgen Spittler mit seinem Gyrocopter.

Die Gyrocopter auf Sylt sorgen für kontroverse Meinungen bei Anwohnern und Touristen

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10. September 2019, 16:45 Uhr

Archsum | Die Inselrundflüge mit dem Gyrocopter von Jürgen Spittler ermöglichen es, Sylt auch aus der Luft zu erkunden. Seit 2009 ist der bekennende Sportpilot auf der Insel unterwegs. Im Ortsbeirat Archsum wurden am 2. September nun Beschwerden laut: In dem kleinen Inseldorf sei der Gyrocopter laut zu hören, beklagte ein Einwohner auf der jüngsten Sitzung des Beirates, und „auch die Urlauber am Strand fühlen sich beim Sonnenbad vom Lärm belästigt“, bestätigt Bürgermeister Nikolas Häckel, „auch in der Inselverwaltung sind bereits Beschwerden eingegangen.“

Nicht jeder kann die Beschwerden jedoch nachvollziehen: Ortsbeiratsvorsitzenden Jürgen Steensbeck hat das Fluggerät selbst nie über Archsum fliegen sehen, erklärte er. „Ich persönlich habe den Gyrocopter, seit ich in Archsum lebe, erst einmal aus der Entfernung gesehen“, so Steensbeck. Jürgen Spittlers betonte auf Nachfrage, dass er keinesfalls die Anwohner stören wolle, „darum achte ich besonders darauf, die Wohngebiete zu umfliegen und sogar unbesiedelte Räume anzufliegen.“ Immerhin wolle er diesen Beruf noch lange und nachhaltig betreiben. Messtechnisch befinde sich der Gyrocopter mit 67 Dezibel zwischen Zimmerlautstärke und Staubsaugergeräuschen, erklärte Spittler. Nach den öffentlichen Vorgaben ist das nicht laut genug, um die Rundflüge zu untersagen, bestätigte auch Ortsbeiratsmitglied Bernd Maintzer, selbst Pilot, auf der Sitzung: „Rechtlich ist der Betreiber innerhalb der flugverkehrsbehördlichen Normen.“

Lediglich an einem bewölkten Tag würden die Wolken den Schall reflektieren und die Lärmwahrnehmung verstärken – das sei bei anderen Flugzeugen jedoch auch der Fall. „Ich halte die Flugzonen ein und fliege in zwei nautischen Meilen entfernt von der Küste nach Hörnum oder List“, betont der Gyrocopter-Pilot. Generell fliege Jürgen Spittler in einer Höhe von 1 500 Fuß, das sind knapp 457 Meter, da das Fluggerät dort relativ unbehelligt von anderen Flugzeugen seine Strecken fliegen kann. Beim Anflug oder Abflug könne es jedoch vorkommen, dass die Sicherheitsanweisung des Towers befolgt werden müssen, um einem ankommenden Flieger Platz zu machen. In diesem Fall erreiche das Ultraleichtfluggerät aufgrund der geringeren Steigleistung nur langsam die vorgeschriebene Flughöhe von 1 000 Fuß. Auch hier versuche der Sportpilot aber, unbewohnte Gebiete zu überfliegen. Selbst bei den Flugrouten müsse der Pilot von der Flugkontrolle vorgegebene Pflichtmeldepunkte passieren und Meldung machen. „Bei Fahrlässigkeit und Nichteinhaltung würden schnell empfindliche Geldstrafen ausgesprochen werden.“ Somit sei die Luftsicherheit gewährleistet und auch der Abstand für Lärmbeanstandungen, erklärt Spittler.


Alternative Transport-Möglichkeit für die Insel

Der Vorwurf, dass sich Urlauber und Insulaner vom Lärm des Tragschraubers belästigt fühlen, sei vom Unternehmer der Rundflüge nicht nachzuvollziehen und „auch ein wenig verletzend.“ Der auf Sylt beheimatete Pilot hatte im letzten Monat seinen Flugbetrieb sogar so stark eingeschränkt, dass er mit einem seiner Flugschüler auf eine andere Insel ausgewichen sei. Er versuche, mit seinem Unternehmen die Insel Sylt zu unterstützen, nicht nur auf der Basis des Tourismus. „Ich möchte mit meinem Gyrocopter auch eine alternative Transportmöglichkeit auf die Insel schaffen“, erklärt Jürgen Spittler. Die Gyrocopter seien höchst effizient und umweltfreundlich zu betreiben „und wenn man die vielen Autofahrer aus der Luft betrachtet, die auf Sylt mit ihren SUVs und Sportwagen ihre Abgase verteilen, fragt man sich nach der Sinnhaftigkeit.“ Jürgen Spittler transportiert seit 2009 eine immer größer werdende Zahl an Besuchern mit seinem Leichtbaufliegern nach Sylt, sodass er sich eher als Entlastung, denn als Belastung sehe. „Als Flugausbilder bin ich darauf aus, meine Schüler entsprechend der Gepflogenheiten und der Sichtflugregeln zu unterweisen, damit auch sie nicht negativ auffallen“, hält der langjährige Pilot fest. Es kämen jedoch auch andere Sportpiloten vom Festland mit ihren Gyrocoptern nach Sylt – wie sich diese verhalten, läge nicht in seinem Ermessen.

Der Ursprung des Gyrocopters stammt übrigens aus der Zeit der U-Boote, von denen er noch unmotorisiert hinterhergezogen wurde. Später wurde dem Leichtbauhelikopter ein Motor hinzugefügt, wodurch er sich für Rettungs- und Polizeieinsätze eignete.

„Der Gyrocopter zählt zu den sichersten Fluggeräten auf dem Markt. Ich sehe die Zukunft des Personentransports in der Luft, wenn man sich nicht sperren würde bald auch elektrisch oder mit Wasserstoff betrieben“, so Spittler abschließend.

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