Ausbildung im Hotelgewerbe : „Festmachen auf Sylt“: Wie ein Flüchtlingsprojekt bundesweites Vorbild werden könnte

Grünen-Politiker Robert Habeck  (3. v.l.) zwischen den am Projekt Beteiligten. Unter ihnen Claas-Erik Johannsen, Inhaber des Benen-Diken-Hof (4.v.r.), Gordon Debus, Direktor des Hotel A-Rosa (4.v.l.), Catharina Nies von der IHK (Mitte) und Bürgermeister Häckel (7.v.l.).
Grünen-Politiker Robert Habeck (3. v.l.) zwischen den am Projekt Beteiligten. Unter ihnen Claas-Erik Johannsen, Inhaber des Benen-Diken-Hof (4.v.r.), Gordon Debus, Direktor des Hotel A-Rosa (4.v.l.), Catharina Nies von der IHK (Mitte) und Bürgermeister Häckel (7.v.l.).

Das Vorzeigeprojekt „Festmachen auf Sylt“ zieht nach sechs Monaten eine erste Bilanz.

shz.de von
29. März 2017, 03:59 Uhr

Sylt | Es gilt als Vorzeigeprojekt in ganz Deutschland: „Festmachen auf Sylt“ heißt die Initiative, die Flüchtlinge als Auszubildende in Hotels und Restaurants auf der Insel vermitteln will. Seit Oktober 2016 werden Schutzsuchende hier in einem speziellen Unterricht auf ihre Ausbildung in der Gastronomie vorbereitet.

Ziel ist es, dass möglichst viele der insgesamt 22 Teilnehmer eine reguläre dreijährige Berufsausbildung auf Sylt beginnen können. Zudem soll dafür gesorgt werden, dass vakante Stellen in den Betrieben auf der Insel mit Fachkräften besetzt werden können.

Grünen-Politiker Robert Habeck war zu Beginn der Woche dabei, als die am Leuchtturmprojekt Beteiligten nach rund einem halben Jahr eine erste Zwischenbilanz zogen. Unter ihnen Nikolas Häckel, Bürgermeister der Gemeinde Sylt, Vertreter der Industrie- und Handelskammer (IHK) Flensburg, des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) Sylt, der Agentur für Arbeit Flensburg sowie der Berufsschule Niebüll.

„Das Projekt ‚Festmachen auf Sylt‘ ist ein exzellentes Beispiel dafür, wie innovativ und flexibel der ländliche Raum auf Herausforderungen reagiert“, sagte Habeck. Als Minister für ländliche Räume kann er sich auch um Themen auf den Inseln kümmern, die außerhalb seines sonstigen Amtsbereichs als schleswig-holsteinischer Umweltminister liegen. Sein Ministerium setzt sich landesweit für die Integration von Flüchtlingen auf dem Land ein. Wenn es gelänge, aus diesem Vorhaben konkrete Handlungsanweisungen zu formulieren und in andere Orte zu tragen, dann sei das Projekt erfolgreich, zeigte sich der 47-Jährige begeistert. „Es sind Sie, die entscheiden, ob das Projekt glückt, wenn Sie mitmachen“, sagt Habeck an die vier Männer gewandt, die in Unternehmen auf der Insel integriert sind.

Khabat Katarano (28) beginnt im Herbst seine Ausbildung zum Hotelfachmann.
Albert
Khabat Katarano (28) beginnt im Herbst seine Ausbildung zum Hotelfachmann.
 

Khabat Katarano wird gerade im Romantikhotel Benen-Diken-Hof in Keitum auf seine Ausbildung zum Hotelfachmann vorbereitet, die er im September beginnen möchte. An zwei Tagen pro Woche lernt der Mann aus Aleppo unter anderem den Frühstücksservice und den Abenddienst im À-la-carte-Restaurant kennen. Außerdem hilft der 28-Jährige in der Küche sowie bei der Reinigung der Zimmer. Parallel dazu besucht er an drei Tagen Kurse in der Berufsschule, in denen er die theoretischen Grundlagen für seine Ausbildung lernt sowie berufsbezogenen Sprachunterricht bekommt.

„Khabat ist ein toller Mitarbeiter“, sagt Claas-Erik Johannsen, Inhaber des Hotels und Vorsitzender des Dehoga Sylt. Er beschäftigt ihn, obwohl der Aufenthaltsstatus des Neulings noch ungeklärt ist. „Ich bin optimistisch, dass wir das schaffen und bilde mir ein, dass jemand, der in einer Beschäftigung ist, nicht so schnell abgeschoben wird“, sagt Johannsen.

Malik Shamdin, Mohamed Abdurahman Abdihakim und Haashim Al-Woshly, die aus Somalia und Syrien stammen, absolvieren das Programm im Hotel A-Rosa in List – im Herbst werden sie dort ihre Ausbildung beginnen. „Ich bin extrem stolz darauf, was aus unserer Idee entstanden ist“, sagt Gordon Debus, Hoteldirektor und Initiator des Projekts. Nie hätte er sich „träumen lassen“, dass aus dem Projekt – gemeinsam mit den anderen Beteiligten – etwas mit einer solchen Tragweite entsteht. Verbessern würde er jetzt, nach rund sechs Monaten, dass das Praktikum in der Vorbereitungsphase früher beginnt.

Auch Catharina Nies, Referentin für Flüchtlingsfragen bei der IHK, ist bisher grundlegend zufrieden, betont aber auch, dass „das Projekt nicht auf andere Orte zu übertragen ist“. Speziell auf Sylt sei, dass „wir unsere Mitgliedsunternehmen hier in einem Gesamtprozess begleiten“, sagt sie.

Die Sonderrolle der Insel betont auch Bürgermeister Häckel: „Wir merken, dass die Integration hier sehr gut funktioniert.“ Der Vorteil auf Sylt sei, dass sich die Leute hier kennen.

„Ich finde es großartig, dass wir jetzt schon 22 Leute haben“, sagt Danica Jansen. Sie leitet die Integrationshilfe Sylt und unterstützt das Projekt von Beginn an ehrenamtlich. Die Zusammenarbeit mit der IHK laufe sehr gut. Teilweise sei die Arbeit zwar „sehr mühsam, weil man sich jeden Bewerber einzeln anschauen muss“, sagt Jansen, die außerdem bei den Sylter Unternehmern aktiv ist. Doch gerade das mache es auch so spannend, betont sie.

Rund 250 Flüchtlinge leben derzeit auf Sylt. Das Projekt in 17 Betrieben auf der Insel soll auch dem demografischen Wandel und der damit verbundenen Abwanderung von Fachkräften entgegenwirken. Finanziert wird das Projekt von allen Beteiligten.

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