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Sylter Rundschau

21. September 2017 | 18:05 Uhr

Sylter Brauchtum : Fenster in die Vergangenheit

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Ausstellung „Wiederentdeckt! Inselfriesische Trachten aus der Wunderkammer“ wird seit Freitag im Heimatmuseum in Keitum gezeigt

shz.de von
erstellt am 26.Jun.2017 | 05:38 Uhr

Silke von Bremen ist sich sicher: Trachten seien heute zwar nicht wirklich sexy, doch würden wir uns mehr mit ihnen beschäftigen, könnten wir viel über uns lernen. Mit dieser Meinung steht die versierte Inselkennerin nicht alleine da: Zusammen mit dem Heimatmuseum und einer Gruppe engagierter Sylter hat sie jetzt fünf kleine Trachtenpuppen, deren Originale in der Kunst- und Naturalienkammer der Franckischen Stiftung in Halle stehen, nach Sylt geholt. Und damit zurück in ihre nordfriesische Heimat.So beeindruckend die fünf Puppen in Föhrer und Sylter Tracht auch sind, verbirgt sich hinter diesem Projekt wesentlich mehr als nur das Zeigen von Exponaten aus der Vergangenheit: Ein Stück echte Sylter Identität kehrt nach fast dreihundert Jahren auf die Insel zurück und kann helfen, Wissenslücken rund um die Sylter Tracht zu schließen.

Als Ende der 1960er Jahren Sylter um Manfred und Heidi Holst beschlossen, eine Trachtentanzgruppe zu initiieren und die alten Tänze und Bräuche wieder aufleben zu lassen, begann die Suche nach der passenden Kleidung. Natürlich sollte es die Sylter Tracht sein, doch neben Zeichnungen und Abbildungen war zunächst kein Original mehr verfügbar. „Hätte man damals schon um die Puppen in Halle an der Saale gewusst, würde unsere Trachtentanzgruppe heute vielleicht ganz anders aussehen“, gibt Silke von Bremen zu bedenken. Die rotweiße Tracht, die heute vornehmlich auf Sylt getragen wird, orientiert sich an einem Morsumer Dachbodenfund: Als die sogenannte Lauritzen-Tracht entdeckt wurde, nähte man sie nach. „Unser Wissen über Trachten ist rudimentär“, erläutert Silke von Bremen, „Stoffe muss man anfassen, Nähtechniken sehen, um sie zu verstehen. Mit den Puppen aus Halle gibt es jetzt ganz neue Ansätze. Ich würde mir wünschen, dass die Puppen durch DNA-Tests weiter untersucht werden – die Tracht besteht aus Schafsfell: Welche Tiere wurden damals gehalten? Die Frauen spendeten Echthaar – leben heute noch Nachfahren auf Sylt oder Föhr?“, stellt sie spannende Fragen, deren Beantwortung nicht nur das Wissen um die Sylter Tracht erweitern könnte, sondern auch über die damals herrschenden Lebenssituationen.

Der Hartnäckigkeit und Wissbegierde Silke von Bremens ist es zu verdanken, dass die kleinen Puppen überhaupt ihren Weg zurück auf die nordfriesischen Inseln gefunden haben. 1741 werden sie vom Amrumer Pastorensohn Andreas Wedell mit nach Halle genommen, wo er wahrscheinlich zum Pastor ausgebildet wird. Warum er die Puppen im Gepäck hat, ist nicht klar; ebenso wenig die Frage, warum seit Jahrhunderten niemand auf Sylt von der Existenz der Puppen weiß. Erst vor gut vier Jahren stößt Silke von Bremen bei Recherchearbeiten im Sylter Archiv auf einen Zeitungsbericht aus dem Jahr 1931. Darin wird über das Altonaer Museum berichtet, das einen „inselfriesischen Trachtenfund in Halle“ vermeldet und die fünf Puppen zu sich ins Haus holt, obwohl ihr Zustand schon damals stark restaurierungsbedürftig ist. „Ich habe den Eindruck, dass das Altonaer Museum die Puppen nicht wirklich gerne zurückgeben wollte“, schmunzelt Silke von Bremen. Erst 1939 kehren die kleinen Besonderheiten in den Osten zurück, doch nicht, ohne dass das Altonaer Museum vorher detailgetreue Repliken fertigt. Diese sind jetzt im Sylter Heimatmuseum zu sehen.

Um dem Besucher einen tiefen Einblick in die Details der Gestaltung der Trachten zu geben, hat die Ausstellungsgruppe einen Raum im Sylter Heimatmuseum selbst wie eine Wunderkammer angelegt: Schwere, selbstgenähte Vorhangstoffe bilden den Ein- und Ausgang, überall überrascht den Besucher Sehenswertes. So klebt eine riesige Abbildung des original Kunst- und Naturalienschrankes der Puppen in Halle an der Wand, liegt ein Teppich mit Zeitangaben und den Reisewegen der Puppen auf dem Fußboden, hängen Trachten-Grafiken von Jacob Rieter gleich neben der ausgestellten Lauritzen-Tracht. Deutlich ist zu sehen und zu spüren, wie sehr sich die Puppen in ihr Sylter Umfeld einfügen und mit ihm verschmelzen.

Diese „Sylter Wunderkammer“ ist das Ergebnis einer dynamischen Zusammenarbeit zwischen dem Brauchtumsausschuss der Söl’ring Foriining, dem Sylter Heimatmuseum und der Living History Sylt-Gruppe. In rund drei Monaten wurde die Ausstellung konzipiert und umgesetzt, finanziert durch die Spielerlöse der Gästeführung „Living History Sylt“ im Jahr 2016. Wenn die Ausstellung Ende August die Insel verlässt, erreichen die Puppen einen weiteren Ort ihrer Geschichte: Im „Museum Kunst der Westküste“ auf Föhr werden sie gezeigt und erlauben dort einen ebenso tiefen Blick in die Vergangenheit wie auf Sylt.

Die Ausstellung „Wiederentdeckt! Inselfriesische Trachten aus der Wunderkammer“ ist aktuell im Sylter Heimatmuseum, Am Kliff 19 in Keitum zu sehen und läuft bis zum 27. August. Geöffnet ist montags bis freitags von 10-17 Uhr, am Sonnabend sowie an Sonn- und Feiertagen von 11-17 Uhr

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