Sylter Beobachtungen : Fast ohne Trubel

Spiegelglatte See – der Blick auf den herbstlichen Hafen Munkmarsch.
Spiegelglatte See – der Blick auf den herbstlichen Hafen Munkmarsch.

Die Insel hat im Spätherbst ihren ganz besonderen Reiz

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02. Dezember 2017, 05:20 Uhr

Schon hundertmal bin ich auf Sylt gewesen. Mindestens. Aber erst zweimal im Spätherbst. „Erst zweimal? Schon zweimal! Du bis doch verrückt“ – sagen die Kumpels daheim. Wer Ende November/Anfang Dezember nach Sylt fährt, der wird von vielen Freunden nicht ernst genommen. Man könnte doch auf die Kanaren fliegen. Oder sonst wo hin in den Süden. Aber nach Sylt? Wie kann man bloß auf so eine Schnapsidee kommen: Während der grauen Jahreszeit ausgerechnet an die Nordsee zu fahren.

Tage wie dieser sind das Gegenargument. Ein erster Blick gen Himmel, unmittelbar nach dem Aufwachen: Blau, fast alles blau, nur ein paar kleine Wölkchen. Es ist nahezu windstill. Nichts wie raus, aufs Fahrrad und los geht’s, von Hörnum zunächst immer gen Norden. Der Biker hat den Radweg für sich ganz allein, nicht wie im Sommer, wenn man vor lauter Gegenverkehr kaum voran kommt. Bis Rantum treffe ich nicht einen anderen Radler auf dem topfebenen Asphalt. Auf dem Damm, der das Rantumer Becken umschließt: ein sensationeller Blick. Das Meer: spiegelglatt. Am Horizont: ein paar Nebelschwaden. Auf den ersten Blick, und auch auf den zweiten, ist kaum zu erkennen: Wo hört das Wasser auf? Und wo beginnt der Himmel? Ein Bild, wie gemalt von einem der großen Meister. Und immer noch keine Menschenseele getroffen. Besser geht’s kaum. Selten hat sich Sylt so toll angefühlt, auch nicht im Hochsommer. Und solche Herbsttage sind nicht die große Ausnahme – ich hab schon einige erlebt.

Ein kurzer Stopp. Ein Ehepaar aus Schwaben auf Radtour – die beiden sind zum zweiten Mal auf der Insel und auch ganz angetan von der ruhigen Zeit, von diesem Sylt fast ohne Trubel, das viele Inselfans aus dem In- und Ausland gar nicht kennen.


Wer die Ruhe sucht, der findet sie hier

Ankunft in Keitum. Der Ort schlummert, viele Geschäfte sind geschlossen. Keine Besucher in St Severin, der imposanten Kirche am Ortsrand. Wer die Ruhe sucht, der findet sie hier ganz bestimmt.

Auf so einer tollen Tagestour im Spätherbst kann selbst ein Sylter Wiederholungstäter, der schon zig mal zu fast jeder Jahreszeit auf der Insel war, auch Neuentdeckungen machen: Die kleinen Kneipe im Hafen Munkmarsch hab ich bis dato nie besucht, das war ein Fehler. Netter Pächter, tolle Küche, faire Preise und: An diesem Tag in der Nach-Nachsaison ein faszinierender Blick direkt auf das tiefblaue Meer. Bombastisch. Darauf trinke ich erstmal ein Flens.

Wer die Ruhe im Herbst sucht, vor dem großen Ansturm vor Weihnachten und Silvester, der sollte in einem der kleinen Inselorte absteigen. In Hörnum zum Beispiel. Früher, sagen dort viele, „hatten wir drei Monate Ruhe, jetzt höchstens noch drei Wochen.“ Aber die Hörnumer hätten ja noch Glück. Anders als in Westerland fällt der Ort ganz im Süden der Insel vorüber in einen kurzen Schlaf. Fast alle Gaststätten und viele Geschäfte sind geschlossen, selbst der Bäcker Lund macht dicht. Ende November erklärt die Verkäuferin : „Morgen ist Schluss – wir machen nach Weihnachten wieder auf.“ Er sei den Mitarbeitern gegönnt, der Urlaub nach einer langen Saison.


Im Herbst schließt in Hörnum sogar der Bäcker

Die Autorin Sina Beerwald lebt seit zehn Jahren in Hörnum, sie stammt aus Stuttgart und sagt, sie habe sich in ihrem ersten Herbst zunächst daran gewöhnen müssen, dass in Hörnum sogar der Bäcker schließt. Aber die ruhige Zeit im Spätherbst sei toll. Die Menschen im Ort seien freundlicher, hätten mehr Zeit – für sich und für die paar wenigen Gäste. Zum Beispiel für Katja Wutkewicz. Die Ärztin aus Speyer ist mit ihren zwei Dalmatinern Loui und Linus für eine Woche nach Hörnum gekommen. Weil die beiden Hunde ohne Leine am Strand toben dürfen, weil es im Ort so schön ruhig ist, weil ihr in der Hauptsaison viel zu viele Menschen auf Sylt sind. Anfang März, sagt Frau Doktor, „kommen wir wieder.“

Aber wer weiß: Ist im Frühjahr tatsächlich auch so wenig los auf Sylt? Sina Beerwald hat beobachtet, dass Hörnum von Mitte Januar bis zum Biikebrennen im Februar nochmal in einen Schlaf fällt. Ganz sicher ist sie sich indes nicht, ob das so bleiben wird – die ruhige Zeit, sagt sie, werde immer kürzer.

Ich komme ganz bestimmt bald wieder nach Hörnum, vielleicht im Frühjahr und sicherlich auch im Sommer, aber ganz bestimmt wieder im Spätherbst. Dann hab ich nicht nur beim Biken meine Ruhe auf dem Radweg, sondern auch beim Rennen am Strand, vorhin zwischen Hörnum und der Sansibar hab’ ich kaum eine handvoll andere Ausflügler getroffen. Und beim Schwimmen in der gut gekühlten Nordsee ist man Anfang Dezember sowieso ganz allein. Cool.

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