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Sylter Inselgeschichte : Es war einmal in Hörnum

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Autor Martin Tschepe blickt zurück auf knapp fünf Jahrzehnte im Inselsüden.

Einmal um die Hörnumer Südspitze wandern. Das war anno dazumal der reinste Horror für mich und meinen kleinen Bruder Daniel. Das verschlafene Hörnum im Süden der Insel hat Karl Dall damals als „die DDR von Sylt“ bezeichnet. Und wir haben seit 1969 viele Sommerhalbjahre in diesem Nest gelebt.

Unsere Eltern hatten das Fotogeschäft im Strandweg übernommen, sie mussten viel arbeiten. Und wir Kinder wurden von wechselnden Erwachsenen beaufsichtigt. Von der Oma Charlotte aus Bremen, vom strengen Onkel Malte, von anderen Verwandten, von Bekannten aus Ludwigsburg bei Stuttgart, wo wir während der kälteren Jahreshälfte wohnten.

Und immer wieder mussten wir um diese verdammte Südspitze marschieren. Gefühlt mindestens einmal in der Woche. So eine Wanderung um die Odde kam uns damals vor wie eine halbe Weltreise. Lange her. Die Oma marschierte voraus, wir Kinder dackelten hinterher, Stunden lang, manchmal heulend.

Heute ist fast alles anders in Hörnum. Wenn ich auf Stippvisite bin in der alten Heimat, was mehrmals im Jahr der Fall ist, dann renne ich jeden Morgen um die Odde - und werde dabei gefühlt immer schneller, benötige lediglich rund 25 Minuten. Aber leider wird die Strecke nur immer kürzer - weil das Meer unablässig an den Dünen nagt. Von wegen Meisterläufer.

Die Odde ist längst nicht mehr das, was sie 1969 war. Und auch sonst ist Hörnum nicht mehr das Hörnum meiner Kindheit. Die Schule ist seit ein paar Jahren geschlossen. Zu wenig Kinder. Der Hafen ist teilweise abgesperrt. Die Molen sind Einsturz gefährdet. Die Inselbahn gibt es schon ganz lange nicht mehr. Der Hörnumer Bahnhof ist weg. Die beliebte Kneipe Old Grischi in einer Schauruine auf einer Düne beim Leuchtturm wurde abgebrochen.

Als wir klein waren, gab es zwei Lebensmittelgeschäfte im Ort und dazu noch einen Tante-Emma-Laden sowie die Milchbar. Heute kann man nur noch beim Edeka Lebensmittel einkaufen. Das Geschäft betreibt mein einstiger Mitschüler Ingo Dehn, der heute ein ein streitbarer Kommunalpolitiker ist. Das hätte damals in der Schule vermutlich kaum jemand für möglich gehalten. Der Ingo in der Politik! Nun gut, dass der Martin mal Journalist wird, auch das hätten meine Lehrer nicht einmal im Traum erwartet.

Im Hafen machten vor fast fünf Jahrzehnten abends mehrere Kutter fest. Täglich wurden fangfrische Krabben verkauft – manchmal gab es für ein paar Groschen eine prall gefüllte Tüte mit Krabben. Und heute? Nicht ein Krabbenkutter mehr im Hafen. Das Meer - ist leer gefischt. Die Touristen konnte alle paar Tage mit Ausflugsschiffen nach Helgoland übersetzen. Die Schiffe waren so groß, dass sie nicht im Hafen anlegten, sondern an einer im Meer schwimmenden Plattform vor der Hafeneinfahrt. Eins dieser Schiffe hieß tatsächlich Gorch Fock, so wie das Segelschulschiff der Bundesmarine. Einmal haben wir mit diesem Schiff einen Schulausflug gemacht, sind hinüber zur einzigen deutschen Hochseeinsel gefahren und auf der Rückreise bei Windstärke 11 ordentlich durchgeschüttelt worden.

In den Dünen über dem Hörnumer Weststrand gab es damals noch das Café Südstrand. Das Café ist irgendwann abgebrannt. Brandstiftung, mutmaßte man im Ort. Später wurde die Ruine samt der Dünen ein Raub der Nordsee. Die Überreste liegen irgendwo auf dem Meeresgrund zwischen Sylt und Amrum. Die Strandsauna stand einst tatsächlich direkt am Strand. Auch diese Schwitzkabine musste dem gierigen Meer weichen. Sie wurde vor einer Sturmflut in die Einzelteilen zerlegt und dann mit Hilfe eines Helikopters in Sicherheit gebracht.

Das alte Kurhaus im Strandweg, in dem gelegentlich Kinovorstellungen über die Bühne gingen - ist auch längst abgerissen worden. Auf dem Grundstück steht heute das Ferienresort Hapimag - es ist Fluch und Segen zugleich. Das Unternehmen spült bestimmt ordentlich Steuergelder in die klamme Kasse der Kommune. Das Gebäude nimmt uns vom Strandweg aus aber die einst grandiose Sicht direkt auf die Dünen.

Die Hörnumer Kinder hatten nach der Schule - die damals noch gut besucht war - eine bescheidene Qual der Wahl: Gehen wir an den Hafen, an den Strand oder in die Dünen? Mehr Auswahl war nämlich kaum.

Am Hafen haben wir versucht Fische zu fangen, was selten von Erfolg gekrönt war. Manchmal machten wir uns einen Spaß daraus, mit einem angeseilten alten Fahrrad ins Hafenbecken zu sausen. Wir lachten über die blöden Touristen, die dachten, wir seinen verunglückt. Dann stiegen wir feixend aus dem Hafenbecken, zogen das Rad aus dem Wasser und warteten auf die nächste Gruppe von Ausflüglern, um auch diese zu ärgern.

Der Strand war einst strikt getrennt in FKK und Textil, aber überall wurden mannshohe Burgen gebaut - das ist heute streng verboten. Wie das Laufen mitten durch die Dünen. Keine Frage: Küstenschutz ist Inselschutz. Wir haben anno dazumal aber gerne und nach Herzenslust gebuddelt am Strand, sind ohne nachzudenken durch die Heide gerannt, haben uns aus Holzbrettern vom Strand eine Hütte mitten in der Dünenlandschaft gebaut und darin übernachtet. Das alles war damals noch erlaubt – oder zumindest nicht verboten. Schön war’s in unserem etwas verschlafenen Hörnum. Lange, lange her.

Und dann war da wieder der strenge Onkel Malte, im Rückblick ein feiner Mensch. Mein Bruder sagte bei der Anreise dieses Anverwandten aber immer ganz leise vor sich hin: „Oh je, jetzt kommt die schlimme Zeit.“ Und wir mussten mal wieder um die Südspitze marschieren. Es war zum Heulen – und das ist es heute wieder. Wer dieser Tage an die Hörnumer Südspitze denkt, oder an das, was noch übrig ist von der einst stolzen Odde, dem könnten die Tränen kommen.

Martin Tschepe (52) ist Redakteur der Stuttgarter Zeitung. Er schreibt gelegentlich für die Sylter Rundschau.

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erstellt am 30.Jun.2017 | 05:08 Uhr

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