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Asylbewerber auf Sylt : Es läuft „total schön“

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Bestandsaufnahme am Weltflüchtlingstag zur Situation Geflüchteter auf Sylt

„Was ist das?“ Mark Zeuner weist mit seinem Bleistift auf eines der abgebildeten Kleidungsstücke auf dem Fragebogen. „Eine Mutze“, kommt es spontan von Ahmad und Ruhulah. Die beiden 18- und 21-Jährigen besuchen die Sylter Sprachschule, ein Angebot der Integrationshilfe für Flüchtlinge. Lehrer Zeuner korrigiert seine afghanischen Schüler: „Eine Mütze, mit ü!“ Deutsche Umlaute sind noch nicht die Stärke der vier Afghanen, die gestern den Unterricht im Haus in der Boysenstraße besuchten.

Die Angst war groß, nicht nur auf Sylt: Angst vor endlosen Menschenströmen an Flüchtlingen, die das Land überrollen und den Wohlstand gefährden. Doch mit den Flüchtlingsströmen schrumpfte die Panik. Im Sylter Straßenbild sind die Flüchtlinge selten mehr als eine Randerscheinung. Abends sieht man einige auf den Radwegen, am Strand spielen ein paar Volleyball. Auch die Zahlen aus der Inselverwaltung sind überschaubar: 245 Flüchtlinge werden derzeit betreut – nicht mal zwei Prozent der Inselbevölkerung und verschwindend wenig im Vergleich zu den Gästezahlen.

65 Frauen, Männer und Kinder sind in diesem Jahr bislang auf die Insel gekommen – im vergangenen Jahr waren es 167, im Jahr 2014 58. Dabei verteilt der Kreis die Neuankömmlinge nach einem festen Schlüssel auf die Gemeinden, die Quote bemisst sich nach der Einwohnerzahl. Für Sylt sind es 10,97 Prozent der dem Kreis Nordfriesland zugewiesenen Flüchtlinge, für Föhr und Amrum 6,55 Prozent, erläutert Kreispressesprecher Hans-Martin Slopianka.

245 Flüchtlinge auf Sylt – das sind 151 Männer, 45 Frauen und 49 Kinder. Untergebracht sind sie in der Gemeinde Sylt (234 Personen), in List (acht Personen) und Hörnum (drei Personen), zählt Ordnungsamt-Chefin Gabriele Gotthardt auf. An vier Tagen der Woche kümmert sich die hauptamtliche Beratungsstelle im Geschwister-Scholl-Weg um die Neu-Sylter, unterstützt sie bei Behördengängen und Briefen vom Amt, organisiert Plätze im Kindergarten und in der Schule und noch vieles mehr.

Wenn es um Integration geht, sind Sprachkurse unabdingbar. Auf Sylt werden sie von der Volkshochschule und vom Verein Integrationshilfe Sylt angeboten. Seit vier Monaten ist Danica Jansen Vorsitzende des Vereins. Hauptberuflich arbeitet sie in der Geschäftsstelle der Sylter Unternehmer, nebenher setzt sie sich für die Flüchtlinge ein.

Täglich um 16 Uhr beginnt die Sprachschule im alten Gästehaus Nielsen in der Boysenstraße, das Sven Paulsen (Adler-Schiffe) zur Verfügung gestellt hat. Dort, wo bis vor einigen Jahren noch Urlauber bewirtet wurden, treffen nun ehrenamtliche Lehrer auf ihre Schüler aus Afghanistan, Syrien, Eritrea, Somalia, Iran, Irak und Armenien. Normalerweise sind es vier bis sechs Lehrer, die mit den Gruppen Deutsch üben. Die didaktische Leitung hat Claudia Wolters, die den Unterricht begleitet und die Lehrer in ihre Aufgabe einführt; die Integrationshilfe finanziert ihre hauptamtliche Mitarbeiterin aus dem Geld der Gemeinde für die Sprachkurse und aus Spenden.

Gestern kamen nicht alle Lehrer zum Einsatz – bei dem ungemütlichen Wetter hielt sich die Zahl der Schüler in Grenzen. Vier Männer aus Afghanistan, zwei Frauen aus Somalia, einige einzelne Besucher – gestern blieb es eher ruhig in den vielen Räumen der ehemaligen Pension. Die beiden Mütter brachten ihren Nachwuchs mit, der während des Unterrichts bis 18 Uhr einen Platz in der Kinderbetreuung findet.

Von den Flüchtlingen auf Sylt nähmen rund 70 Erwachsene regelmäßig das Sprachschulangebot der Integrationshilfe an, erläutert Danica Jansen. Jugendliche unter 18 Jahren würden in den DAZ-Klassen („Deutsch als Zweitsprache“) in Niebüll unterrichtet. Für Flüchtlinge, die nicht des Lesens und Schreibens mächtig sind, werden dienstags und mittwochs von 15 bis 16 Uhr Alphabetisierungskurse angeboten.

Danica Jansen gerät ins Schwärmen, wenn sie von den Erfolgen der Integrationshilfe auf Sylt erzählt. „Ich bin ganz happy“, sagt sie, „auf der Insel läuft die Zusammenarbeit der Gemeinden und der Ehrenamtlichen total schön.“ Auf Sylt würden die Geflüchteten gut betreut.

Über die Sprachschule hinaus gibt es auch noch eine Fahrradwerkstatt, die die Sylter Unternehmer in der alten Awo-Kleiderkammer im Geschwister-Scholl-Weg organisieren. Und in der Babystube in der Käpt’n-Christiansen-Straße gibt es mittwochs von 15.30 bis 17.30 Uhr alle Utensilien, die man für kleine Kinder braucht – von der Badewanne über Windeln und Bekleidung bis hin zum Kinderwagen.

Damit die Arbeit weiterhin erfolgreich sein kann, sucht die Integrationshilfe aber nach weiteren ehrenamtlichen Lehrern und Kinderbetreuern für ihre Sprachschule. Was muss man mitbringen, wenn man helfen möchte? „Zeit und Lust, ein bisschen Geduld und vor allem Spaß am Umgang mit Menschen.“

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