Neue Regeln an Bord : „Es kamen keine Impulse mehr, ich war machtlos“

Repariert und wieder in Diensten: die „Adler-Express“.
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Repariert und wieder in Diensten: die „Adler-Express“.

Technisch läuft alles wieder perfekt auf der „Adler-Express“ – doch bei der ersten Fahrt nach dem Unglück am Amrumer Anleger denkt Kapitän Gerrit Vöge noch manchmal an den Unfall zurück.

shz.de von
21. Juni 2014, 08:00 Uhr

12.05 Uhr – fast pünktlich macht die „Adler-Express“ im Hörnumer Hafen fest, an der Pier warten hunderte Fahrgäste – und auch Sven Paulsen. Für den Sylter Reeder ist es ein ganz besonderer Termin: Vor zwei Wochen war das 42 Meter lange Schiff seiner Ausflugsflotte aufgrund eines technischen Defekts in Wittdün auf Amrum mit etwa fünf Knoten ungebremst gegen den Anleger geprallt. Bei dem Unglück wurden 27 Menschen verletzt, zwei davon schwebten zeitweise in Lebensgefahr (wir berichteten).

Während die Passagiere der Hinfahrt in Hörnum aussteigen, spricht Paulsen von der Pier aus kurz mit Kapitän Gerrit Vöge, der ihm auch einen Ordner mit den Protokollen der einwöchigen Reparaturarbeiten überreicht. Viel Zeit bleibt nicht, denn die „Express“ ist der Schnellbus der Adler-Reederei.

Unter den Passagieren herrscht bei der ersten Fahrt nach dem Unglück beste Stimmung. Der schwere Unfall ist kein Thema, viele wissen gar nichts davon – wie Peter Jungmann und Manfred Schedel. „Ja richtig, das war doch sogar im Fernsehen“, sagen die beiden Allgäuer, die in Emmelsbüll Urlaub machen und zur Hallig Hooge fahren. „Aber wir sind oft auf See, haben sogar einen Segelschein und fühlen uns hier sicher.“

„Seit dem Neustart waren zwischen 2500 und 3000 Passagiere zwischen Nordstrand und Sylt an Bord der Adler-Express“, sagte Kapitän Gerrit Vöge auf Nachfrage via Handy. „Alles lief ohne Probleme, keine besonderen Vorkommnisse. Nur das Wetter könnte besser sein!“

Von Mitte April bis Anfang November fährt die Fähre täglich zweimal von Strucklahnungshörn auf Nordstrand über Hallig Hooge und Amrum nach Hörnum und wieder zurück. Gut zweieinhalb Stunden dauert die Fahrt in eine Richtung.

Ein anspruchsvoller Fahrplan, der die volle Konzentration der sechs Besatzungsmitglieder in Anspruch nimmt – während der Fahrten bei Ebbe oder Flut, bei Sturm oder Gewitter durchs Wattenmeer, bei den häufigen An- und Ablegemanövern und bei der Betreuung der täglich rund 700 Passagiere – vom Kleinkind bis zum Rentner. „Da muss ich mich auf jeden verlassen können. Und das war auch am Unglückstag der Fall“, sagt Gerrit Vöge. „Alle haben phantastisch reagiert. Ich bin hammerstolz auf meine Crew.“

Auf die Technik jedoch war am 4. Juni kein Verlass: Im Cockpit seiner Kommandobrücke zeigt der Kapitän auf den joystick-artigen Steuerungsknüppel, der dem Antrieb falsche Signale gab und das Schiff nicht abbremsen ließ beim Anlegen in Wittdün. Die „Adler-Express“ knallte so heftig gegen die Kaimauer, dass der aus Edelstahl und Hartgummi gefertigte, über 300 Kilogramm schwere Bugfender vollständig abbrach und im Hafenbecken versank. Viele Gäste wollten am Unglückstag in Amrum aussteigen, drängten sich stehend vor dem vorderen Ausgang und stürzten dann beim Aufprall. Deshalb weist Vöge per Lautsprecher jetzt bei jedem Anlegen darauf hin, bitte sitzen zu bleiben oder sich zumindest gut festzuhalten.

„Grund für das Unglück war ein elektronischer Fehler, der laut Hersteller so noch nie vorgekommen ist. Es kamen keine Impulse für den Hafenmodus mehr. Ich war völlig machtlos“, berichtet Kapitän Vöge. „Gott sei Dank konnte der Fehler bei den Untersuchungen, an denen Mitarbeiter der Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung, von Germanisch Lloyd und der Wasserschutzpolizei teilnahmen, hier an Bord reproduziert werden.“ Eine Woche lang habe das Schiff dann in der Werft gelegen, damit verschiedene Firmen alle Schäden an der Elektronik beseitigen, einen neuen Bugfender montieren sowie neue Lackierungen auftragen konnten. „Dann wurde im Dock und auch im Wasser geprobt, ob alles tatsächlich einwandfrei funktioniert“, so der Kapitän. „Erst dann erhielten wir die Freigabe zur Wieder-Inbetriebnahme!“

Erster Halt bei der Fahrt von Sylt nach Nordstrand ist der Anleger am Unglücksort Wittdün. Auf der Pier liegt noch der abgebrochene Fender, der am Morgen verschlammt aus dem Hafenbecken geholt wurde. Die Bergung und den Rücktransport nach Dagebüll hat Bandix Tharsen organisiert – der Amrumer Kapitän der kleinen „Eilun“, der selbst Ausflugsfahrten im Wattenmeer anbietet. „Die Solidarität ist echt klasse. Da gibt es keinen Neid, kein Konkurrenzdenken“, freut sich Gerrit Vöge. „Nicht nur, wenn Schlimmes passiert. Das ist immer so!“

Über GPS-Karten und Radar sieht der Kapitän, was um ihn herum los ist, wer wo fährt zwischen Inseln und Halligen. Wichtig sind die Kontakte zu den Hafenmeistern der Anlegestellen via Funk oder Handy. Vöge gibt zum Beispiel durch, wo genau er im jeweiligen Hafen anlegen wird, denn aufgrund der Tide ist das während der mehr als zehnstündigen Fahrt stets woanders.

Unter Deck kümmern sich Heike Clausen und Linda Fleischer vom Service um das leibliche Wohl der Gäste. Am Unglückstag waren exakt 234 an Bord: „Da gab’s ohnehin viel zu tun. Ist ja so ne Art Stoßgeschäft hier“, erzählt Clausen, die seit zehn Jahren auf der „Adler-Express“ arbeitet. „Und dann passiert so was, auch für uns zunächst ein Schock!“ Schiffsmechaniker Rodrigo Struber war beim Anlegen gerade ganz vorne, wollte mit seinem Kollegen Jan Nowinski den Ausstieg vorbereiten, die Leinen festmachen. „Dann kam der Aufprall, da bin ich erstmal durch die offene Tür in den Fahrgastraum geflogen!“ Auch diese Tür ist aus Sicherheitsgründen künftig immer geschlossen, bis das Schiff zum Stillstand kommt. Außerdem wurden überall – auch auf den anderen „Adler“-Schiffen – neue Warnschilder zum Verhalten beim Anlegen angebracht.

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