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Sylter Bahnverkehr : „Es ist leider kein Orient-Express“

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Ursache für Kupplungsschäden an ehemaligen NOB-Reisewagen noch immer nicht bekannt

von
erstellt am 09.Feb.2017 | 21:31 Uhr

Der Minister war wieder da – doch positive Überraschungen hat er keine mitgebracht. Die schlechte Nachricht: Die vor drei Monaten aus dem Verkehr gezogenen 90 Personenwaggons werden nun doch nicht bis bis Ende März repariert sein können – das Problem wird noch „über den Sommer“ dauern. Doch kaum jemand hatte vom Ministerbesuch etwas anderes erwartet, auch nicht drei Monate vor einer Landtagswahl.

Die aktuellen Entwicklungen hatten der Verkehrsminister, Nah.SH-Chef Bernhard Wewers und die Hamburger DB-Konzernbevollmächtigte Manuela Herbort erst den Sylter Unternehmern und der Pendlerinitiative geschildert, bevor sie vor die Kameras und Mikrofone der Presse traten. Dabei gab es gegenüber dem letzten Zusammentreffen am 20. Dezember wenig neues. Zwei Gutachten, die bis Ende Januar vorliegen sollten, haben offenbar nicht die erhoffte Aufklärung gebracht.

Ein Gutachten, erläuterte Meyer, sollte sich mit dem Material der defekten Kupplungen beschäftigen, das andere damit, wie die Fahrzeuge wieder in den Verkehr zu bringen sind. Das erste Gutachten habe zumindest „keinen monokausalen Grund“ für die Schäden an den Kupplungen ergeben. Stattdessen handele es sich um eine „Verkettung verschiedener Gründe.“ Deswegen sei jetzt zu untersuchen, wie diese Kupplungen repariert werden können. Kein großer Wurf – drei Monate nach der Stilllegung der 90 Waggons und vier Monate, nachdem ein Zug mit defekter Kupplung zwischen Itzehoe und Elmshorn liegengeblieben war.

Reinhard Meyer kündigte an, dass „die Fahrzeuge, die keinen Befund haben, so schnell wie möglich wieder auf die Strecke“ gebracht werden sollen, sofern das Eisenbahnbundesamt seine Zustimmung gibt. Für die defekten Fahrzeuge soll ein Reparatur-Zeitplan erarbeitet werden – wenn man die Ursachen kennt. Das könne „einen Zeitraum einnehmen, der über den Sommer geht.“ Das bedeutet für die Fahrgäste, dass die alten Interregio-Züge auch noch in der Hochsaison fahren werden – nicht behindertengerecht, mit schwer zu öffnenden Türen und ohne Klimaanlage.

Nun soll bis zu Meyers nächsten Besuch am 6. April ein Ersatzkonzept erarbeitet werden – auf der Grundlage der 108 Ersatzfahrzeuge, die DB Regio heute zur Verfügung hat, und der noch intakten ehemaligen NOB-Fahrzeuge des Herstellers Bombardier. „Wir gehen davon aus, dass sie möglichst ab April wieder zum Einsatz kommen.“

„Nachdem, was bisher untersucht worden ist, hat die Hälfte der Kupplungen Schäden,“ ergänzte Nah.SH-Geschäftsführer Bernhard Wewers. „Das Ziel ist, die Bombardier-Wagen schrittweise wieder in den Betrieb zu bringen und bis dahin ein gutes Krisenmanagement und eine gute Kommunikation zu machen – das ist unsere Aufgabe.“ Mit 108 Ersatzfahrzeugen sei der Wagenpark derzeit groß genug, sagte Wewers. Das Problem für einen zuverlässigen Betrieb sei vielmehr die Unterschiedlichkeit der Fahrzeugmodelle.

Wewers gestand zu, daß die Qualität der Bahnverbindung in der ersten Januar-Woche schlecht war. Seitdem sei aber die Zahl der Ausfälle deutlich gesunken. Die Pünktlichkeit sei mittlerweile gut und liege mit über 95 Prozent höher als zu Zeiten der NOB. Allerdings sei die gemessene Pünktlichkeit nicht gleichbedeutend mit der gefühlten Qualität. „Da kommt vieles zusammen: Alte Züge, unpünktliche Züge, zu kurze Züge, schlechte Information.“ Aber Wewers betonte: „Die Bahn macht es gut und die betriebliche Lage ist stabil.“ Damit sei „viel erreicht in einer Notlage, die es in Deutschland in dieser Form noch nicht gegeben hat.“

Beim Thema Rückvergütung der Fahrkarten verwies Wewers auf die Kundengarantie der Nah.SH: „Ab 20 Minuten Verspätung bekommen sie 50 Prozent des Fahrkartenwertes zurück.“

„Mit dem Wagenmaterial arrangieren wir uns“, meinte Achim Bonnichsen von der Pendlerinitiative. „Wir hoffen, dass die Qualität der Fahrzeuge und die Zuverlässigkeit besser werden.“ Seine Erkenntnis aus den gestrigen Gesprächen: „Wir müssen uns auf eine längere Zeit einstellen. Da müssen wir jetzt durch.“

Die DB-Konzernbevollmächtigte Manuela Herbort reagierte auf Kritik am Zustand der alten Ersatzfahrzeuge: „Ich bin heute durch den Zug gegangen – der war sauber und gereinigt.“ Doch mit dem Ersatzfuhrpark sei es zumindest gelungen, die Erreichbarkeit der Insel sicherzustellen. Meyers Kommentar: „Es ist leider kein Orientexpress.“

Geprüft wird auch immer noch, ob die Fahrgäste mit ihren Nahverkehrstickets auf die Fernzüge ausweichen dürfen, also auf IC und Syltshuttle Plus. „Wenn wir uns über die Rahmenbedingungen einig sind, spricht nichts dagegen. Wir haben das schon mal erfolgreich gemacht und jetzt reden wir darüber, wie wir das fortsetzen können,“ sagte Manuela Herbort.

Derzeit gelte die Regelung, dass Fahrgäste die Fernzüge nützen dürfen, wenn der Zug ausfällt oder 20 Minuten verspätet ist. „Wenn das ein Fernverkehrszug ist, müssen sie hinterher ein Formular ausfüllen, um ihr Geld wiederzubekommen. Wir reden darüber, ob das nicht deutlich vereinfacht werden kann,“ erklärte Bernhard Wewers.

„Für den April wollen wir einen Maßnahmenkatalog erarbeiten, damit die Kommunikation wesentlich besser wird“, sagte Karl Max Hellner, Vorsitzender des Vereins Sylter Unternehmer. „Da hakt es noch an der einen oder anderen Stelle, aber auch mit dem Gespräch heute sind wir wieder ein Stück weiter gekommen.“

„Wir haben deutliche Probleme im Kommunikationsbereich“, befand Bürgervorsteher Peter Schnittgard. „Wir brauchen nicht nur den Kümmerer auf dem Bahnsteig. Die Sylt Marketing Gesellschaft wird dafür sorgen, dass alle touristischen Einrichtungen gefüttert werden mit ständigen Informationen und Daten.“ Angesichts der bevorstehenden Osterfeiertage werde das „dazu beitragen, dass aus diesem Kompromiss zumindestens wieder eine Herzlich-Willkommen-Situation entstehen kann.“

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