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Interview : "Es gibt viel zu wenige Bewerber"

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In der Beruflichen Schule Westerland finden derzeit die praktischen Abschlussprüfungen im Hotel- und Gaststättengewerbe statt. Wie Ausbildungsberater Harald Astrup von der IHK-Flensburg die Situation in diesem Gewerbe auf Sylt beurteilt, das erzählte er SR-Redakteur Martin Stralau.

shz.de von
erstellt am 16.Jul.2008 | 08:48 Uhr

Herr Astrup, in ihren Abschlussprüfungen präsentieren die Auszubildenden im Hotel- und Gaststättengewerbe am Standort Westerland derzeit, wie sie als künftige Dienstleister ihr Fachwissen einsetzen. Wie laufen die praktischen Prüfungen in Verbindung mit den Prüfungs essen ab?

Die Köche kochen auf der Grundlage eines Warenkorbs ein Drei-Gang-Menü für sechs Personen. Diesen Warenkorb haben sie spätestens vier Wochen vor der Prüfung erhalten, stellen daraus ihr Menü zusammen und können das dann auch zur Probe kochen. Für die Hotel- und Restaurantfachleute gibt es keine solche Aufwärmphase. Sie müssen zu einer festgelegten Thematik und mit einem kontingentierten Betrag für die Dekoration beim Prüfungsessen sorgen. Das Gesamtprüfungsergebnis gibt es am 29. August.

Was sagen Ihre Erfahrungen aus den vergangenen Jahren? Unterscheiden sich die Auszubildenden auf der Urlaubsinsel Sylt von anderen im IHK-Bezirk Flensburg?

Wie an jedem Prüfungsstandort gibt es auch bei ihnen Licht und Schatten. Man merkt auf Sylt aber schon, dass viele der Auszubildenden einen sehr hohen Ausbildungsstandard genossen haben. Das gilt nicht nur für die kleinen, feinen, sondern auch für die größeren Hotels und Restaurants. Hier wird auf hohem Niveau gekocht. Zahlreiche Prüfungsbeste aus den letzten Jahren kamen von der Insel Sylt.

Dennoch: Kann die Ausbildung noch verbessert werden? Und wie setzten Sie das mit den Betrieben um?

Was das angeht, sind wir relativ gut aufgestellt. In den Prüfungsausschüssen haben fast alle zumindest großen Häuser einen Vertreter sitzen. So gibt es auf fachlicher Ebene einen stetigen Austausch und für uns als IHK ein permanentes Feedback. Wenn es um rechtliche Fragen geht, sind wir zuständig. Das Jugendarbeitsschutzgesetz schreibt zum Beispiel vor, dass Auszubildende nach der Schule nicht in ihren Betrieben arbeiten dürfen. Darüber gibt es ab und zu Diskussionen mit den Betrieben.

Ein großes Problem ist die Besetzung von Stellen in diesem Jahr. Insbesondere in der Gastronomie gibt es zur Zeit mehr freie Ausbildungsplätze als Bewerber...

Das ist in der Tat ein großes Problem. Allein im IHK-Bezirk Flensburg haben wir aktuell 70 unbesetzte Stellen. Das hat eine Online-Umfrage von uns ergeben. Gerade Sylt ist davon stark betroffen. Ich rate allen jungen Leuten, die noch keinen Ausbildungsplatz haben, sich in der Gastronomie zu bewerben.

Wie kommt dieses Missverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage zu Stande? Liegt das eventuell auch an der Qualität der Bewerber?

Mitnichten, egal ob Hauptschüler oder Gymnasiast, in diesem Bereich kann fast jeder arbeiten, der auch wirklich Lust dazu hat und den Beruf liebt. Fakt ist, dass wir dieses Defizit in diesem Jahr erstmals massiv zu spüren bekommen. Ein Grund ist der demographische Wandel, ein anderer sind die Arbeitszeiten im Hotel- und Gaststättengewerbe, die viele junge Leute abschrecken. Aber auch die Wirtschaft hat ihren Anteil an dieser Entwicklung, da sie durch den Ausbildungspakt mehr Plätze geschaffen hat. Ein junger Mensch aus Mecklenburg-Vorpommern zum Beispiel, der in den letzten Jahren vielleicht noch nach Sylt gekommen wäre, findet jetzt eventuell unmittelbar vor der eigenen Haustür einen tollen Ausbildungsplatz.

Das heißt, für die Betriebe selbst ist die Lage schwieriger als für die künftigen Auszubildenden?

Ja. Im Moment haben es die Betriebe auf Sylt schwer, da es mehr gibt, die sagen, wir bilden aus. Für die jungen Leute selbst hat sich die Lage dadurch verbessert, denn sie haben mehr Auswahl.

Was sollte jemand, der sich um einen Ausbildungsplatz im Hotel oder Restaurant bewirbt, an Fähigkeiten haben?

Vor allem muss er leistungsbereit sein und auch ein bisschen leidensfähig. Gute Umgangsformen wie Höflichkeit sind eine Grundvoraussetzung. Von einer Hotelfachfrau erwarte ich mir aber auch eine umfassende Allgemeinbildung, damit sie mit ihren Gästen kommunizieren kann.

Mal angenommen Sie hätten ein unerschöpfliches Budget, was würden sie an der Ausbildung verändern?

Zuerst einmal würde ich eine Verbesserung der überbetrieblichen Ausbildung forcieren, um jungen Leuten Dinge zu vermitteln, die ihre Ausbildungsbetriebe nicht leisten können. Nicht in jedem Betrieb lernt man das Flambieren von Speisen oder das Mixen von Cocktails. Auf Sylt würde ich mit dem Geld das Grundübel anpacken und ausreichend bezahlbaren Wohnraum für die Auszubildenden schaffen.

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