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Sylter Lehrer : „Es fühlt sich wirklich wie zuhause an“

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Der Sylter Lehrer Ulrich Siering hat sich einen Lebenstraum erfüllt und unterrichtet an einer Zirkusschule.

shz.de von
erstellt am 21.Apr.2017 | 04:41 Uhr

Zehn Jahre lang war Ulrich Siering als Lehrer am Schulzentrum Sylt in Westerland tätig. Seit August vergangenen Jahres reist er mit dem Zirkus Charles Knie durch Deutschland. In unserer neuen Serie wird Ulrich Siering erzählen, wie die Welt hinter den Zirkuswagen aussieht. Heute berichtet die Sylter Rundschau als Auftakt, wie es überhaupt zu seinem neuen Leben als Zirkuslehrer gekommen ist.

Für viele bleibt es ein Traum: Aussteigen aus dem Alltagstrott, die verschütteten Kinderphantasien leben und ganz neue Erfahrungen sammeln dürfen. Ulrich Siering ist diesen mutigen Schritt im letzten Jahr gegangen und arbeitet jetzt als Lehrer beim Zirkusunternehmen Charles Knie.

Vor zwölf Jahren ist der studierte Theaterpädagoge nach Sylt gekommen, hat dort erst für die Aids-Hilfe gearbeitet und dann am Schulzentrum Sylt Schüler in Deutsch, Englisch sowie Darstellendem Spiel unterrichtet.
Doch schon immer fühlt er sich der Zirkuswelt ganz nah und lässt auch auf seinen weltweiten Reisen keine Gelegenheit aus, Vorstellungen unter dem bunten Zeltdach zu besuchen. „Der Zirkus ist für mich schon seit Kindertagen so etwas wie ein Lieblingsbuch gewesen, mit dem ich verschmelzen konnte. Hier gab es Dinge, die es sonst nirgendwo gab. Letztes Jahr hat mich der Zirkus dann endgültig gefunden, als ich mir zuhause wieder einmal die Homepages verschiedener Zirkusse angeschaut und die Stellenausschreibung einer Lehrerstelle entdeckt habe. Als ich zum Vorstellungsgespräch eingeladen wurde, wusste ich sofort, dass es passt“, erzählt Siering rückblickend.


Neues Zuhause auf vier Rädern



Seit August 2016 ist er mit Zirkus Charles Knie in ganz Deutschland, von Flensburg bis hinunter an die Schweizer Grenze, unterwegs. Die Sylter Schule hat ihn beurlaubt, die Wohnung in Westerland ist an eine Kollegin vergeben. Sein neues Zuhause misst rund 20 Quadratmeter und hat vier Räder. Es ist ein Campingwagen mit Sitzecke, Kühlschrank, einem großen Bett und einer Minizelle mit Toilette und Dusche. „Ich habe mich gewundert, wie viele meiner Sachen ich hier unterbringen kann“, schmunzelt Ulrich Siering, „mir fehlt hier nichts.“ Wenn der Zirkus nicht auf Tour ist, befindet er sich in seinem Winterlager in Einbeck.

Das Zirkusareal ist jetzt die neue Lebenswelt des Sylter Lehrers Ulrich Siering
Das Zirkusareal ist jetzt die neue Lebenswelt des Sylter Lehrers Ulrich Siering

Die Nähe zu Nordrhein-Westfalen bildet auch die Grundlage für den neuen Lebensabschnitt von Ulrich Siering. „Vor über 20 Jahren hat die Schaustellerseelsorge den entscheidenden Impuls für die Entstehung der ‚Schule der Circuskinder‘ gegeben. 223 Zirkuskinder werden in dieser mobilen Schule von über 30 Lehrern in 103 Zirkusunternehmen betreut. Die Lehrer fahren mit ihren speziell als Schulraum ausgestatteten Mobilen durchs Land und besuchen die Zirkusse an zwei bis drei Tagen in der Woche. Die Kinder gehen dann in den Mobilen zur Schule, der weitere Unterricht erfolgt online“, erklärt der neue Zirkuslehrer von Charles Knie.


Unterricht in der mobilen Zirkusschule



Da Ulrich Siering fest engagiert ist, bekommt er von der Zirkusschule zwar die Schulmaterialien, reist aber nicht zu anderen Zirkussen, sondern ist mit dem Zirkus Charles Knie auf Tournee. Zurzeit hat er nur einen Schüler: Damian, der die fünfte Schulklasse besucht. „Grundsätzlich ist das Schulsystem der Zirkusschule auf alle Schulabschlüsse der Sekundarstufe I ausgelegt. Danach besteht sogar die Möglichkeit, auf der Reise ein Abitur über Abi Online zu erlangen.“ erläutert Ulrich Siering, „Die Kinder werden in ihrem individuellen Lernprofil unterrichtet; Damian lernt auf gymnasialen Niveau.“ Jeden Tag von neun bis 13 Uhr nimmt Damian im Schulmobil Platz, nach einer Mittagspause geht am Nachmittag der Unterricht weiter. Ulrich Siering nutzt die Aufenthalte in den Städten, in denen der Zirkus gastiert, für Exkursionen mit Damian, besucht mit seinem Schüler Ausstellungen und Museen.


Hoher Bildungsgrad in vielen Zirkusfamilien



Überrascht ist Ulrich Siering immer wieder von dem hohen Bildungsgrad, der in vielen Zirkusfamilien herrscht. „Ich habe Artisten kennengelernt, die bis zu neun Sprachen fließend beherrschen und weiß von einer jungen Künstlerin, die gerade online ihr Abitur macht, während sie weltweite Auftritte hat.“ Das Lebensalter ist für Artisten entscheidend. Weil sie nicht unbegrenzt auftreten können, nutzen sie meist erst die Zeit nach ihrem Karriere-Ende für ihre Bildung. Viele Artisten im Zirkus Charles Knie sprechen Italienisch, eine Sprache, die Ulrich Siering noch nicht beherrscht. „Trotzdem fühle ich mich dazugehörig. Wir sind rund einhundert Leute hier im Zirkus und teilen uns in drei Gruppen: die Arbeiter, die für den Zeltauf- und -abbau sorgen, die Artisten, die das Programm gestalten, und das Management, dass sich um alle administrativen Aufgaben kümmert. Als Lehrer bin ich ein Solitär, gehöre aber doch überall dazu.“

Damian ist momentan der einzige Schüler von Ulrich Siering.
Damian ist momentan der einzige Schüler von Ulrich Siering.

Und hat sich sein Kindertraum verwirklicht? Ist das Leben in einem Zirkuswagen wirklich so aufregend und frei, wie man es sich vorstellt? Ulrich Siering denkt lange nach. „Die Zirkuswelt besteht aus weltweiten Puzzleteilen. Was ich mir als Kind erträumt hatte, war Mitglied einer Zirkusfamilie zu sein. Das bin ich nicht, ich arbeite in einem großen Unterhaltungsunternehmen, in denen Menschen eine zeitlang sehr eng zusammenleben und dann wieder auseinander gehen. Doch dadurch lerne ich immer mehr Menschen kennen. Was ich erfahre, ist quasi eine größer werdende weltweite Geborgenheit. Und die fühlt sich wie zuhause an.“




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