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Kommentar : Erstochener Mann in Sylter Flüchtlingsunterkunft: Kein typischer Fall

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Nach dem tödlichen Streit in einem Westerländer Flüchtlingsheim ist Besonnenheit gefragt. Michael Stitz kommentiert.

Trauer und Ratlosigkeit waren die bestimmenden Reaktionen auf Sylt, als die Meldung von der Messerstecherei in einer Flüchtlingsunterkunft der Insel bekannt wurde. Klar, dass sofort auch alle Vorurteile zu hören waren, die da lauten: Typisch Flüchtlinge! Die können alle nicht miteinander, sind sich aufgrund ihrer religiösen und kulturellen Traditionen nicht grün. Dazu all die Berichte der letzten Tage und Wochen von Massenschlägereien in Flüchtlingsunterkünften, die Bilder von schwer zu kontrollierenden Unruhen und Gewalttaten. Und nun der auf Sylt erstochene Flüchtling.

Doch der passt nicht in die beschriebenen Klischees. Denn hier handelt es sich wohl um die Tat eines wahrscheinlich psychisch erkrankten Mannes, eines Menschen, der vielleicht aufgrund seiner Erlebnisse unter Wahnvorstellungen litt. Solche Menschen können gefährlich sein – egal woher sie kommen, welcher Nation oder Religion sie angehören. In der Gemengelage eines Flüchtlingsheims dürften psychisch labile Charaktere nicht nur schwerer zu erkennen sein, ihnen zu helfen, ist ebenso schwer, fehlt es doch an entsprechendem Personal.

Tragisch ist der Fall auch deshalb, weil Sylt mit großem Engagement vieler ehrenamtlich tätiger Menschen, engagierter Unternehmer und besonnener Politiker seit Monaten eine Willkommenskultur etabliert hat, die viele Kritiker der Insel überrascht, aber mittlerweile weit über die Insel Sylt hinaus anerkennend registriert wird. Nicht zuletzt die kürzlich vom NDR ausgestrahlte Reportage „Gestrandet auf Sylt“ zeigte, wie aus Flüchtlingen Sylter werden können.

Der gestrige tödliche Zwischenfall im Flüchtlingsheim droht die fragile Willkommenskultur zu gefährden, weil er Wasser auf die Mühlen derjenigen ist, die immer schon wussten, dass sich mit Asylbewerbern nicht gut leben lässt.

Jetzt gilt es um den Tod eines Menschen zu trauern, der hier Zuflucht gesucht hat – und einem verwirrten Geist die Chance zu gönnen, gesunden zu dürfen.

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erstellt am 05.Nov.2015 | 06:38 Uhr

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