Erinnerung an Peter Suhrkamp

Beim Mittwochskonzert in St. Severin lesen Raphaela Suhrkamp und Siegfried Schall Texte des bekannten Verlegers

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26. März 2019, 14:24 Uhr

Suhrkamp – den Namen verbinden die meisten mit dem Verlag, der Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg maßgeblich intellektuell geprägt hat – mit Autoren wie Bert Brecht, Max Frisch oder Theodor W. Adorno. Auf Sylt hat Verleger Peter Suhrkamp (1891 – 1959) besondere Spuren hinterlassen. Bei den Suhrkamp-Tagen in Keitum wird in dieser Woche an ihn erinnert.

Peter Suhrkamp ist am 31. März 1959 im Alter von 68 Jahren gestorben. Anlässlich seines 60. Todestages findet in der St.-Severin-Kirche morgen ein besonderes Mittwochskonzert statt. Seine Enkelin Raphaela Suhrkamp und ihr Lebensgefährte Siegfried Schall lesen aus der Biographie des Verlegers, aus seinen Briefen und aus seinem Buch „Der Leser“, in dem er einen Besuch 1943 auf Sylt beschreibt. Dazu spielt Kantor Alexander Ivanov an der Orgel Stücke von Komponisten, die im Leben Suhrkamps eine Rolle spielten – von Bach, Händel und Mozart.


Lehrerberuf gegen den Willen der Eltern

Ein Leben, das von einer Kindheit auf einem Bauernhof im Oldenburgischen, zwei Weltkriegen, der Verhaftung 1944 durch die Gestapo und der Inhaftierung in den Konzentrationslagern Ravensbrück und Sachsenhausen geprägt war. Suhrkamp hatte sich mit 14 Jahren für den Lehrerberuf entschieden – gegen den Willen seiner Eltern, die von ihrem Erstgeborenen die Übernahme des Bauernhofes verlangten. 1932 wurde Suhrkamp Mitarbeiter des S.-Fischer-Verlags und kaufte 1936 einen Teil des Unternehmens. 1942 wurde die Firma auf Druck der Nationalsozialisten in Suhrkamp Verlag umbenannt, womit der Name des jüdischen Gründers Samuel Fischer verschwunden war. An die Autorenverbote der Nazis hielt sich Suhrkamp jedoch nicht. Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte Suhrkamp seinen Verlag neu aufbauen, nachdem er von der britischen Militärregierung in Berlin die erste Verlagslizenz erhalten hatte. Der Suhrkamp-Verlag entwickelte sich in Nachkriegsdeutschland zum führenden Literatur-Verlag – mit Autoren wie Martin Walser, Samuel Beckett, T. S. Eliot, Carl Zuckmayer und vielen anderen.

Sylt spielte eine besondere Rolle in seinem Leben – seine dritte Ehefrau Annemarie Seidel besaß aus ihrer früheren Ehe mit Anthony van Hoboken ein 1929 erbautes Anwesen direkt am Watt im Kampener Hobokenweg. Suhrkamp überließ seinen Autoren gern das Haus, in Kampen trafen sich Schriftsteller, Künstler und Verleger. Der Besitz wurde 1953 an Axel und Rosemarie Springer verkauft und gehört heute 1&1-Gründer Ralph Dommermuth.

Von den Folgen der KZ-Zeit gezeichnet, starb Suhrkamp am 31. März 1959 im Frankfurter Universitätsklinikum, wenige Tage nach seinem 68. Geburtstag. In seinem Testament hatte er verfügt, dass seine Asche vor Sylt in die Nordsee gestreut werden sollte. Doch das war damals noch nicht erlaubt, so dass die Urne auf dem Keitumer Friedhof beigesetzt wurde.

Raphaela Suhrkamp (62) war erst zwei Jahre alt, als der Großvater starb, persönlich haben sie und ihr Bruder Georg ihn nicht kennengelernt. Sie entstammt der zweiten Ehe von Peter Suhrkamp mit Irmgard Caroline Lehmann, ihr Vater Klaus Peter Suhrkamp wurde 1920 geboren. Gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Siegfried Schall (92) fühlt sie sich aber dem Vermächtnis des Großvaters verbunden und wurde seit 2012 zu verschiedenen Suhrkamp-Gedenkveranstaltungen eingeladen – etwa in seinem Geburtsort Kirchhatten, in Oldenburg, wo der Verleger das Lehrerseminar besucht hat, in Eisenhüttenstadt, Bremen und Wildeshausen. Die Gemeinde Hatten nannte ihre Bibliothek um in Peter-Suhrkamp-Bibliothek. Für 2020 ist die Einweihung des neuen Suhrkamp-Verlagsgebäudes in Berlin-Mitte am Rosa-Luxemburg-Platz geplant, an der Raphaela Suhrkamp und Siegfried Schall teilnehmen werden.

Siegfried Schall, 1926 in Dortmund geboren, hat die Schrecken der Nazi-Zeit noch selbst erlebt. Mit 16 Jahren wurde er Soldat, stand vor dem Kriegsgericht, kam ins Konzentrationslager und später in russische Gefangenschaft.


Klassische Musik gab Suhrkamp Hoffnung

Bei der Lesung morgen Abend um 20.15 Uhr in der Keitumer Kirche wird Siegfried Schall die Einleitung sprechen und die Musikauswahl erläutern, die Alexander Ivanov an der Orgel vorträgt – klassische Stücke, die Peter Suhrkamp in schwersten Stunden Zuversicht gegeben haben.

„In dem Schulinternat, in dem ich lebte, war es Sitte, vor dem Frühstück ein Präludium und eine Fuge von Bach anzuhören“, wird der Verleger zitiert – eine „strenge, geistige Diät“, die für ihn auch später noch von Bedeutung war. Und aus dem KZ Ravensbrück schrieb Suhrkamp am 22. April 1944 an seine Frau nach Kampen: „Ich fasse mich in Geduld und wenn es mal hapert, rufe ich mir die Zauberflöte ins Gedächtnis.“

Karten kosten im Vorverkauf und an der Abendkasse zwischen 11 und 18 Euro, ermäßigt die Hälfte. Einlass ist ab 19.30 Uhr.

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