Sylter Küste : „Erhaltet die alten Steinbuhnen“

Künstlerisch fotografierte Steinbuhne in High-Key-Effekt.
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Künstlerisch fotografierte Steinbuhne in High-Key-Effekt.

Ein streitbares Plädoyer des Sylter Fotografen Hans Jessel für den Verbleib der gut erhaltenen historischen Steinbuhnen.

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14. April 2018, 05:34 Uhr

Graf Adelbert von Baudissin hatte einen schweren Stand bei den Syltern. Von der neuen preußischen Verwaltung Mitte der 1860-er Jahre zum „Obersten Küstenschützer“ eingesetzt, verfolgte er von Beginn an neue Strategien der Küstenverteidigung. Versuchten Erstere, die Wandertätigkeit der Dünen sogar zu unterstützen und den Richtung Osten wehenden Sand erst in deren Lee zu stoppen, ging Baudissin in preußischer Manier zum Angriff über: Vordünen-Aufbau durch Strauchzäune und Strandhafer-Bepflanzungen hieß sein Konzept, welches allerdings nur in Strandbereichen mit „stabilen Sandverhältnissen“ funktionieren wollte. Denn nur hier gab es auch bei starkem Wind noch genug trockene Flächen - aus denen die Sandkörner dann in die Zäune und Bepflanzungen hinein wehen konnten.

Was tun!? Um stabilere Strandverhältnisse zu gewinnen, projektierte er alsbald den Bau sogenannter Buhnen, senkrecht zum Strand in die See gebaute Küstenschutzbauwerke, mit denen die Behörden im Flussbau durchaus positive Erfahrungen gesammelt hatten. Gelang es doch dort, die uferparallelen Strömungen hinter die Buhnenköpfe zurück zu verlagern und somit den Sand zu halten.

Die Sylter, vertreten durch das Strandamt in Tondern, standen insbesondere diesem Vorhaben mit größter Skepsis entgegen, hatte man es doch keinesfalls mit einer vorherrschenden Strömungsrichtung zu tun. Ganz im Gegenteil: Gezeiten- und Brandungsströmungen, letztere wiederum von Windrichtung und -stärke abhängig, erschienen den Syltern schlicht und einfach unbeherrschbar.

Jedoch wer zahlt, befiehlt bekanntlich auch. Und der Preußische Staat genehmigte den Bau erster Versuchs-Buhnen, die bereits 1867 vor dem Roten Kliff in Form einer „leichten Pfahlbuhne“ und in den Jahren 1872/73 als sogenannte „Steinbuhnen“ im Norden Westerlands errichtet wurden.

Schnell wurde klar, dass der Bau dieser Buhnen an der gesamten Sylter Westküste ein teures Unterfangen werden würde, nicht nur die Baukosten betreffend. Denn das Meer begann sogleich mit einem Katz und Maus Spiel, das die technikgläubigen Preußischen Ingenieure bis zur Jahrhundertwende in die Schranken weisen sollte: Schon während der Bauzeit der über 120 Stein- und Holzpfahlbuhnen zwischen Rantum und List mussten sie empfindliche Rückschläge hinnehmen, parierten diese jedoch stets mit sofortigen Planungsänderungen beim sukzessiven Weiterbau der nächsten Buhnen-Generation. Einige Beispiele dazu: Als Allererstes stellte sich heraus, dass Buhnen in reiner Pfahlbauweise am Sylter Weststrand kaum eine Überlebenschance besaßen, weil diese in der starken Brandung sowie wegen der immensen horizontalen Sandbewegungen in der Brandungszone schnell ausgespült wurden, weshalb die Behörden in der Folgezeit auf immer stabilere Formen sogenannter Steinbuhnen setzten: Doppelte, noch tiefer eingerammte Pfahlreihen inklusive einer dazwischen eingebauten „Berme“ bildeten dabei die seitliche und seeseitige Stabilisierung der sorgsam eingefügten Findlinge, die wiederum auf Strauchmatten inklusive einer Kiesschüttung gegen Unterspülung und Absackung abgelegt wurden.

Das Meer konterte: Zum Einen wurde der Strand zwischen den in 500 Meter Abstand errichteten „Hauptwerken“ durch den üblen Effekt der „Lee-Erosion“ (Stärkere Auskolkung durch Strömungsverwirbelung) schneller abgetragen als vorher, zum Zweiten wurden die bald über 100 Meter langen Buhnen landseitig hinterspült. Die Antwort: Zwischen die Hauptwerke wurden jeweils noch zwei „Nebenwerke“ gebaut - und an den Buhnenwurzeln sorgten alsbald steinerne Verbreiterungen für Hinterspülungsschutz.


Unterhaltskosten stiegen

Diese Maßnahmen trieben die Kosten zunehmend in die Höhe, so dass man an anderer Stelle zu sparen begann: so wurden letztlich nur 22 Kilometer der Westküste mit Buhnen bewehrt, außerdem wurden die Hauptwerke der nächsten Generation nicht mehr mit teuren Natur-Findlingen, sondern mit Betonblöcken befüllt.

Doch die Unterhaltskosten stiegen von Jahr zu Jahr, auch traten mittelfristig immer neue Probleme auf. So sprengten die Steinpackungen die seitlichen Bermen und „liefen aus“ oder sackten aufgrund von Unterspülungen der Buschpackungen bis zum vollständigen Verschwinden ab, und Schiffsbohrwürmer fanden artgerechte Verstecke in den Holzpfählen, was deren stützende Funktion weiter untergrub.

Mit dem Bau des letzten Hauptwerkes vor dem Rantumer Hauptübergang im Jahr 1899 war die Ära des Sylter Steinbuhnen-Baus nach 32 Jahren beendet. Doch viele der alten Buhnen, mittlerweile bis über 135 Jahre alt, haben sich bis heute gut gehalten – und sie sind einzigartig im Deutschen Küstenschutz und ein Alleinstellungsmerkmal für die Insel Sylt. Im Gegensatz zu den nachfolgenden Buhnen-Generationen aus Stahl und Beton besitzen sie darüber hinaus einen hohen ästhetischen Reiz, weshalb sie schon frühzeitig von Malern und Fotografen nicht nur als Symbole der Vergänglichkeit in Szene gesetzt wurden.


Starke Anziehungskraft

Schließlich üben sie am sommerlichen Strand eine starke Anziehungskraft aus: Zur Niedrigwasserzeit herrscht reger Andrang, nicht nur zum Krebse suchen...

Nun hat das Landesamt für Küstenschutz angekündigt, alle Buhnen an der Sylter Küste zu entfernen – was sicherlich eine gute Idee ist, die Stahl- und Betonbuhnen betreffend. Über den Erhalt zumindest der gut erhaltenen historischen Steinbuhnen sollte allerdings noch diskutiert werden, stehen diese doch, kulturhistorisch betrachtet, für eine Ära des Küstenschutzes, deren mühsam und kostspielig errungene Erkenntnisse erst zu dem letztlichen Umdenken führten, der Abkehr von der Küstenverfelsung hin zum flexiblen Küstenschutz mittels Sandvorspülungen.

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