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Dem Hirschen die Bücher zeigen : Erhabenes literarisches Kino

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

In unserem Adventskalender erzählt heute Hans Jessel, was er besonders gerne liest

von
erstellt am 13.Dez.2016 | 05:30 Uhr

Für den diesjährigen Adventskalender öffnen wir gemeinsam mit unserem goldenen Hirschen für Sie die Türen von Insulanern und schauen auf Nachttische und in Bücherschränke: Bis Weihnachten stellen wir jeden Tag ein Lieblingsbuch eines Menschen dieser Insel und seine Geschichte dazu vor. Heute mit dem Sylter Fotografen Hans Jessel.

„Ich erinnere mich an die geistigen Wirren des Spätpubertierenden, an das drohende Unheil des bevorstehenden Abiturs, mehr noch an meinen zunehmenden Unglauben an das Schöne, das mir die Existenz noch bringen sollte, als ich im Alter von 18 Jahren aus dem väterlichen Bücherbord meines Krankenzimmers das Bändchen ‚Tortilla Flat‘ von John Steinbeck in die Hände nahm. Nicht im Geringsten ahnend, dass dieses Buch mir ein Leben lang eine Art mentaler Begleiter werden würde: Große Literatur über die kleinen Leute einer kümmerlichen Vorortsiedlung in den Hügeln von Monterey. Erhabenes literarisches Kino, wow!

Mein pulsierender Halsschmerz war flugs vergessen, als ich begann, die 17 Episoden von ‚Danny, Dannys Freunden und Dannys Haus‘ zu inhalieren, die das nur der puren Existenz gewidmete Treiben einer Handvoll gestrandeter ‚Paisanos‘ im Kalifornien der 1920er Jahre beleuchtet. Das Fieber wich beim Lesen einer Zeile wie ‚Unsere Geschichte ist dazu da, jetzt und für immer das spöttische Lächeln von den Lippen säuerlicher Gelehrter zu verbannen‘, wie es der Autor und spätere Nobelpreisträger berühmtester Werke wie ‚Früchte des Zorns‘ oder ‚Jenseits von Eden‘ schon im Vorwort seiner ersten Buchveröffentlichung betont. Chapeau dafür, denn von dieser Sorte Mensch musste ich auf dem Sylter Gymnasium gleich mehrere genießen.

Und die Gesundung schritt fort beim Lesen so wunderschöner Übersetzungen wie der ‚hochgespannten Seele‘ des Protagonisten Danny, der ‚einer widerstrebenden Welt Nahrung und Wein mühsam entwand‘. Wer das Buch auf englisch beziehungsweise amerikanisch liest, merkt spätestens, dass Steinbeck zu den wortschatzreichsten Kandidaten dieser wortschatzreichen Sprache gehört, denn ganze Hundertschaften von Ausdrücken warten darauf, lexikalisch nachgeschlagen zu werden.

Es geht deftig zu in Kapiteln, die lustige Titel tragen: ‚Wie unter den schwierigsten Umständen die Liebe über Big Joe Portagee kam‘. So deftig in verschiedensten existenziellen Lebensäußerungen, dass sich zunächst kein Verlag fand, der das Risiko einer Veröffentlichung auf sich nehmen wollte, dass die Gemeinde Monterey sich öffentlich über dieses ‚verlogene Werk‘ empörte und dass katholisch inspirierte Länder wie Irland den Verkauf des Buches kurzerhand verboten. Wer in diesen Jahren und Tagen gelegentlich den Glauben an die Menschheit verliert, dem sei ‚Tortilla Flat‘ dringend angeraten: Als kleines Brevier, das uns das Liebenswerte am Menschsein in bezaubernder Weise nahe bringt.“

Hans Jessel empfiehlt: „Tortilla Flat“ von John Steinbeck, Ullstein Buch Nr. 217, Übersetzung von Elisabeth Rotten, Ausgabe von 1973
















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