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Sylter Delegation bei Gedenkfeier in Warschau : Ergreifende Momente voller Trauer

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Petra Reiber, die Bürgermeisterin der Gemeinde Sylt, bittet bei Gedenkfeier für die zivilen Opfer des Warschauer Aufstands um Vergebung.

von
erstellt am 07.Aug.2014 | 05:36 Uhr

70 Jahre sind seit dem Warschauer Aufstand vergangen, rund 50 Jahre, seitdem sich der ehemalige SS-Gruppenführer Heinz Reinefarth auf öffentlichen Druck aus der schleswig-holsteinischen Politik zurück gezogen hat. Ein halbes Jahrhundert, in dem Reinefarth auf Sylt kein Thema sein sollte. Jahrzehnte, in denen nicht darüber gesprochen wurde, dass der ehemalige Westerländer Bürgermeister und Landtagsabgeordnete während des Zweiten Weltkriegs in Warschau dafür gesorgt hatte, dass zehntausende Zivilisten brutal getötet wurden.

Mit ihrer Reise nach Warschau wollte eine Delegation aus Westerland das Sylter Schweigen beenden: „Es ist beschämend, dass dieser Mann ein Amtsvorgänger von mir ist“, sagte Petra Reiber vor dem polnischen Fernsehen und entschuldigte sich im Namen der Sylter und der Deutschen an einer Warschauer Gedenkstätte für die zivilen Opfer des Aufstandes dafür, dass jemand wie Reinefarth im Nachkriegsdeutschland solch eine Karriere machen konnte und nicht juristisch verurteilt wurde: „Wir können das begangene Unrecht an der polnischen Bevölkerung nicht wieder gut machen. Wir können aber die Schuld unserer Vorfahren bekennen und um Vergebung bitten.“ Für diese Sätze applaudierten mehrere hundert Menschen – viele von ihnen waren selbst am Warschauer Aufstand beteiligt – der Bürgermeisterin an der Gedenkstätte.

Heinz Reinefarth gilt in Polen als der „Henker von Warschau“. Er hatte im August 1944 Truppen kommandiert, die während des Warschauer Aufstandes Massaker an der Zivilbevölkerung verübten. Allein im Warschauer Stadtteil Wola wurden mehr als 50 000 Menschen getötet. Insgesamt kamen während des Aufstand rund 200 000 Menschen ums Leben, 90 Prozent von ihnen waren Zivilisten.

Nach dem Krieg war Reinefarth von 1951 an Bürgermeister von Westerland und später Landtagsabgeordneter in Kiel. Ermittlungen gegen ihn wegen des Verdachts auf Kriegsverbrechen wurden in den 60er Jahren eingestellt, Reinefarth gilt in der historischen Forschung als Beispiel für die gescheiterte Entnazifizierung in Schleswig-Holstein. Der Landtag entschuldigte sich vor einigen Wochen in einer Resolution dafür, dass „es nach 1945 in Schleswig-Holstein möglich werden konnte, dass ein Kriegsverbrecher Landtagsabgeordneter wird“.

Auf Sylt wurde Reinefarths Vergangenheit bis vor wenigen Monaten kaum thematisiert. Eine öffentliche Aufarbeitung startete erst, als polnische Bürger anlässlich des diesjährigen 70. Jahrestages des Warschauer Aufstandes mahnten, dass sich Sylt mit der Vergangenheit ihres Bürgermeisters auseinander setzen sollte. Vergangene Woche enthüllten Sylter Politiker eine Mahnplakette am Westerländer Rathaus, mit der auf Reinefarths Taten aufmerksam gemacht wird (wir berichteten). Die Reise der Delegation nach Polen sollte ein weiterer Schritt dahin sein, diesen Teil der Geschichte aufzuarbeiten.

Wie wichtig dies auch für viele Polen ist, zeigte sich der Delegation schnell: Petra Reiber, Bürgervorsteher Peter Schnittardt und Pastorin Anja Lochner trafen in Warschau auf Menschen, für die das Westerländer Anerkennen der Schuld Reinefarths von großer politischer und emotionaler Bedeutung ist. Wiederholt betonten polnische Historiker und Politiker, dass der Besuch für sie ein Zeichen der Anerkennung und ein großer Schritt hin zu einer weiteren Verbesserung der deutsch-polnischen Beziehungen sei. Vom großen Interesse zeugten auch die zahlreichen Kamerateams, die die Delegation durch Warschau begleitete. Katarzyna Kowalska, Moderatorin bei einem öffentlich-rechtlichen polnischen Sender, versuchte zu erklären, warum der Fall Reinefarth auch 70 Jahre nach dem Warschauer Aufstand für viele Polen traumatisch sei: Die Tatsache, dass ein SS-Offizier, der maßgeblich dafür verantwortlich war, dass Männer, Frauen und Kinder in Massenerschießungen getötet wurden, nach dem Krieg in Deutschland nicht juristisch verfolgt wurde, sei für viele ihrer Landsleute schwer erträglich: „Wir wissen, dass er schuldig war. Doch mit den Deutschen gab es darüber bisher kaum Gespräche.“ Dass Reinefarths Schuld nun von Petra Reiber, einer politischen Nachfolgerin des Bürgermeisters, öffentlich bekannt wurde, sei deshalb ungemein wichtig: „Ich glaube nicht, dass das ein Deutscher in Polen jemals so offen gesagt hat.“

Wie schwierig auch für ihre Generation der Umgang mit der polnischen Geschichte sei, beschrieb die 28-jährige Anna Banas ´, die an einer aktuellen Ausstellung über Reinefarth mitgearbeitet hat: „Meine Freunde und ich regen uns immer darüber auf, wie hässlich Warschau ist,“ – nach dem Warschauer Aufstand legten die Deutschen die Stadt systematisch in Schutt und Asche – „aber warum die Stadt so aussieht, darüber spricht in meiner Generation kaum jemand.“ Vielleicht, weil nun auch dieses polnische Schweigen leichter gebrochen werden kann, habe sie Petra Reibers Rede zum Weinen gebracht: „Für mich und für alle, die wissen, was Reinefarth getan hat, ist dies ein wichtiger moralischer Moment. Wenn dieser Besuch auch noch praktische Konsequenzen hat, dann hat er auch politische Bedeutung.“ Damit es solch praktische Konsequenzen geben wird, traf sich die Sylter Delegation während der zwei Tage in Warschau auch mit dortigen Politikern. Beide Seiten zeigten Interesse daran, künftig Schüleraustausche zwischen Sylt und Warschau zu organisieren. Während von polnischer Seite das Engagement der Sylter gelobt wurde, sich als Nachfolgegeneration in Warschau mit dem Fall Reinefarth auseinander zu setzen, zeigte sich die Delegation gerührt und dankbar für die herzliche Gastfreundschaft, die sie in Warschau erleben durfte.

 

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