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Wenn Sylter Kinder auf dem Festland geboren werden : Erfahrungen: Acht Monate Boardingkonzept

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Die Gedanken der Schwangeren oder die Erfahrung der jungen Mütter auf Sylt sind sehr unterschiedlich – von ganz negativ bis absolut positiv ist alles dabei

shz.de von
erstellt am 10.Sep.2014 | 05:35 Uhr

Sylt Nach der Schließung der Geburtenstation in der Asklepios Nordseeklinik zum Ende vergangenen Jahres (wir berichteten) können auf Sylt keine Kinder mehr geboren werden. Die schwangeren Sylterinnen sind angehalten, ihr Kind auf dem Festland zur Welt zu bringen. Grundlage dafür ist das so genannte  Boardingkonzept. Dies beinhaltet unter anderem, dass die werdenden Mütter rechtzeitig vor dem errechneten Geburtstermin die Insel verlassen. Die Sylter Rundschau hat sich  bei allen Beteiligten umgehört, um zu erfahren, wie das Boardingkonzept in der Realität funktioniert. Im ersten Teil kommen das  Gesundheitsministerium, die Sylter Hebammen und die Sylter Mütter zu Wort. Im morgigen zweiten Teil werden die Kliniken mit ihren Gästehäusern vorgestellt.

Die Sylter Rundschau hat werdende Mütter und ganz junge Mütter gefragt, wie sie mit dem Boardingkonzept zurecht kommen und wo vielleicht noch Verbesserungsbedarf besteht.

Bente Harder aus Westerland, Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter: „Ich erwarte in diesen Tagen mein zweites Kind.“ Nach Niebüll oder Husum soll es gehen, wenn es soweit ist, sprich, wenn die Wehen einsetzen. Mit ihrem Arzt und der Hebamme ist sie im engen Kontakt. „Ich will nicht von der Insel runter. Ich wüsste auch gar nicht, wie ich das machen soll mit einer längerfristigen Betreuung meiner Tochter.“

Jessika Wieser aus Morsum erwartet in den nächsten Wochen ihr erstes Kind. „Wir werden frühestens eine Woche vor dem errechneten Geburtstermin die Insel verlassen.“ Ein Grund dafür sei der, dass es zu Hause einfach am Schönsten ist. Der eigentliche Hauptgrund aber ist das eingeschränkte Urlaubskontingent ihres Partners. „Er hat drei Wochen Urlaub und davon wollen wir natürlich die meiste Zeit zu Dritt verbringen.“ Deshalb wollen sie erst sehr spät nach Flensburg fahren. „Ich bin froh, dass ich dann nicht allein dort warten muss.“ Ein Bild vor Ort hat sich Jessika Wieser schon gemacht. Im Boardinghaus allerdings wird sie sich nicht einquartieren, da Verwandte in Flensburg eine Wohnung haben, in der sie unterkommen.

Kathrin Kehl aus Westerland ist Mutter eines in Niebüll geborenen Jungen. Eine Woche vor errechnetem Geburtstermin sei sie vor Ort gewesen. „Es war furchtbar“, berichtet sie. Dieses viele Alleinsein und in fremder Umgebung auf die Geburt warten, das sei eine große Belastung gewesen. Ihr Partner sei jeden Tag rübergefahren, was zusätzlich hohe Kosten verursacht habe. An der Unterbringung und der Klinik selber habe sie nichts auszusetzen. „Es war sauber, es reichte, es war gut.“ Sollten sie und ihr Partner sich allerdings für ein zweites Kind entscheiden, würde das für Kathrin Kehl definitiv der Wegzug von Sylt bedeuten. Das mache sie nicht nochmal mit.

Sahra Krüger  aus Tinnum hat in Flensburg ihr erstes Kind, einen Jungen zur Welt gebracht. „Es war super toll. Ich war nicht allein, mein Mann hatte sich Urlaub genommen.“ Zwei Tage vor Termin seien sie nach Flensburg gefahren und haben dann noch neun Tage vor Ort gewartet. „Das nächste Kind wird auch in Flensburg geboren werden.“ Sie wünscht sich, so wie Mirjam Kortsch aus List, dass es bei der Heimreise nach Sylt sowohl beim Syltshuttle als auch bei der Syltfähre eine Sonderbehandlung für Sylter Familien mit Neugeborenen gibt. Mirjam Kortsch hat in Niebüll einen Jungen zur Welt gebracht und ist sich sicher, dass sie das so nicht nochmal mitmacht. Auch ihr hat das Alleinsein zu schaffen gemacht, nicht etwa die Umgebung. „Ich bin nur deshalb frühzeitig rübergefahren, weil mir die Ärzte Angst gemacht haben, mit dem Ausmalen von allen möglicherweise eintretenden Notfallsituationen.“

 

Geburt auf dem Festland stresst die Familien

 

Das Boardingkonzept ist gut organisiert und die werdenden Mütter wissen Bescheid um ihre Wahlmöglichkeiten. Das ist der erste, positive Teil der Bilanz der beiden Sylter Hebammen Cornelia Bäcker und Anke Bertram nach guten acht Monaten. Beide sind sich allerdings auch darüber einigt, dass die Tatsache, dass die Schwangeren aufs Festland zum Entbinden müssen, einen großen Stressfaktor für die ganze Familie darstellt.

Im Wochenbett beobachten beide, dass es vermehrt zu Stillproblemen kommt. „Es wird schneller und mehr zugefüttert, außerdem haben mehr Mütter mit Milchstau zu kämpfen“, berichtet Cornelia Bäcker. Überdrehte Kinder, die viel schreien, Wäscheberge nach mitunter einigen Wochen auf dem Festland – und das alles in einem völlig normalen erschöpften Zustand nach einer Geburt, ergänzt Anke Bertram. Großen Verbesserungsbedarf sehen die Hebammen in der Absprache mit den Festlands-Standesämtern. Da gebe es noch einigen Klärungsbedarf, damit die jungen Familien nicht nochmal rüber fahren müssen, nur um die fehlenden Unterlagen abzugeben oder die Geburtsurkunde ausgehändigt zu bekommen.

 

Gesundheitsministerium sieht Konzept positiv

 

Kiel - Die Sylter Rundschau hat in der Pressestelle des Gesundheitsministeriums in Kiel nachgefragt, wie das Boardingkonzept angenommen wird und was es für Rückmeldungen gibt.

Wie sieht das Boardingkonzept für Sylter genau aus?

Werdende Mütter sollten rechtzeitig die Insel verlassen, um in einer Geburtsklinik auf dem Festland zu entbinden. Dies wird in Absprache mit Hebammen und Gynäkologen empfohlen, um sicher ein Kind auf die Welt bringen zu können. (Zur Einordnung: dies wird auf anderen Inseln bereits seit längeren praktiziert – auch bevor es Boarding-Angebote gab.) Das Boarding ist ein Angebot der Unterkunft, die direkt an den Geburtskliniken auf dem Festland liegt und von werdenden Müttern und den Familienangehörigen angenommen werden kann, um in der Zeit vor dem erwarten Geburtstermin nahe der Klinik zu wohnen. Die Kosten für das Boarding in Flensburg bei der Diako oder in Niebüll werden von den Krankenkassen übernommen. Asklepios hatte mitgeteilt, in Hamburg ein Boarding anzubieten.

Wieviel Tage vor dem errechneten Geburtstermin sollen Schwangere die Insel verlassen? Gibt es dafür Richtlinien oder Empfehlungen?

Die allgemeine Empfehlung in Abstimmung mit Gynäkologen und Hebammen lautet: Zwei Wochen vor dem erwarteten Geburtstermin sollte eine geeignete Geburtsklinik aufgesucht werden. Empfohlen wird jeder Frau eine enge Abstimmung mit der Gynäkologin, dem Gynäkologen oder der Hebamme vor Ort, die eine persönliche Empfehlung aussprechen kann.

Gibt es Rückmeldungen, wie gut oder schlecht das Konzept funktioniert?

Laut Rückmeldungen zum Beispiel der Kliniken, Krankenkassen oder Hebammen wird das Boarding-Angebot von Sylterinnen angenommen. Hinweise zu Verbesserungsmöglichkeiten (zum Beispiel Kinderbetreuungsmöglichkeit) wurden vom Ministerium an die Kliniken weitergegeben. 

An welche Kliniken können sich Sylter Schwangere wenden?

Eine Kostenübernahme seitens der Krankenkassen für das Boarding vor der Geburt in den speziell dafür eingerichteten Appartements ist in der Region nur in Flensburg und Niebüll möglich. Eine schwangere Frau kann grundsätzlich selbstverständlich jede Geburtsklinik ihrer Wahl aufsuchen, um dort entbunden zu werden. Die Übernahme der Kosten für die Geburt und der Versicherungsschutz sind gewährleistet und nicht von dem Geburtsort abhängig.

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