Künstler Siegward Sprotte : "Er war zutiefst unabhängig"

'Nicht über die Bilder reden': Cosmea Sprotte vor einem  Sprotte-Aquarell. Foto: stitz
"Nicht über die Bilder reden": Cosmea Sprotte vor einem Sprotte-Aquarell. Foto: stitz

Interview mit Cosmea Sprotte (77) anlässlich des 100. Geburtstages von Siegward Sprotte über seine Kunst und sein Verhältnis zu Sylt

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20. April 2013, 08:18 Uhr

Frau Sprotte, wann und wie haben Sie Ihren Mann Siegward Sprotte kennen gelernt?

Das war hier auf Sylt. Ich war mit meinen Eltern in List und entdeckte die Ausschilderung "Kunstausstellung im Haus mit dem Glasdach". Das war das erste Haus, was sich Siegward Sprotte mit seiner damaligen Frau, Iris Eckardt, in der Norderheide gebaut hatte. Zunächst fand ich aber das Haus nicht, erst nach dreimaligem Suchen kam ich dort hin.

Wann war das?

Das war im Jahr 1956. Dann sind wir uns ein Jahr später wieder begegnet. Als ich 1958 noch einmal auf der Insel war, traf ich mich erneut mit Sprotte, ohne zu ahnen, wie sich unsere Beziehung entwickeln würde. Ich weiß noch, wie meine Mutter mich fragte, was denn mit dem Künstler sei und ich ihr sagte, es sei ganz ungefährlich.

War es aber nicht...

Nein, es war das Gegenteil. Denn zu dem Zeitpunkt schieden sich auch gerade Sprotte und seine Frau Iris. Seit 1959 lebten wir dann zusammen.

Kannten Sie die Arbeiten von Sprotte, bevor Sie nach Sylt kamen und ihn persönlich kennen lernten?

Ja, ich hatte im Kunst- und Buchhandel gearbeitet und einige Bilder von ihm, die als Kunstkarten auf den Markt kamen, kannte ich.

Als Sie die Arbeiten dann in seiner Galerie sahen, wie fanden Sie die?

Als ich das erste Mal in seinem Ausstellungsraum war, wusste ich, jetzt wird gleich der Maler kommen und fragen, wie ich seine Arbeiten finde. Doch als Sprotte dann kam, wollte er das gar nicht wissen. Er hat es ja immer abgelehnt, über seine Bilder zu sprechen. Er wollte über den schöpferischen, den kreativen Prozess sprechen. Über Bilder reden, hat er immer gesagt, das überlasse ich anderen. Er wollte ja das Bilden zum Thema machen. Der Dialog wäre nach seiner Überzeugung die höchste Form des Bildes gewesen.

Haben Sie diese Position gleich verstanden?

Nun, ich hatte mich schon mit der Kunst der Gegenwart beschäftigt. Und ja, mich hat diese Haltung schon sehr beeindruckt.

Als Siegward Sprotte begann, sich durch die starke Reduzierung in seinen Bildern von der figurativen abzuwenden und der abstrakten Malerei zuwandte, war diese Richtung sozusagen im Trend. Man malte abstrakt. Alles Gegenständliche war verpönt. Hat sich Sprotte damals nur diesem Trend angepasst?

Er hat dazu verschiedene Aussagen gemacht. 1963, anlässlich seiner Ausstellung im Kunstverein Marburg sagte er: Abstraktion als Durchgang, nicht als Endziel. Denn das Abstrakte kann den Blick schulen, ihn befreien von dem Zwang, dass nur das erkennbar ist, was eine Eins-zu-Eins-Abbildung von der Natur oder einem Gegenstand ist. Dabei geht es in der Malerei um einen Prozess des Erkennens. Ein Prozess, den der Maler im Moment der Entstehung eines Bildes erlebt - und ein Prozess, den auch der Betrachter auf seine ihm eigene Weise nachvollziehen kann, wenn er vor einem Bild steht.

Neben der Malerei hat Siegward Sprotte auch viel geschrieben. In welchem Verhältnis standen das Schreiben und das Malen zueinander?

Für meinen Mann war der Prozess des Schreibens, also wie sich aus einem Wort das andere ergibt, sich die Gedanken entwickeln, ein sehr zentrales Anliegen. Er spürte so der Frage nach, wie sich im schöpferischen Prozess Veränderungen und Erkenntnisse ergeben. Würde man das Jahr in Schreiben und Malen aufteilen, dann würde man sehen, dass es immer zwei, drei Monate gab, in denen er überhaupt nicht gemalt hat. Aber geschrieben hat er immer.

Sprotte hat nicht nur auf Sylt gelebt und gearbeitet, seine zweite Heimat war Potsdam...

...ja, und dann gab es auch noch weitere Orte wie die Dolomiten oder Madeira. Er war auch gerne in New York, viel in München und Berlin.

Und doch hat Sylt eine besondere Rolle gespielt, wie die Insel ja immer wieder Künstler angezogen hat. Wie schwer oder leicht ist ihm der Start als Maler auf der Insel gefallen?

Er brauchte sich gar nicht zu kümmern, denn da gab es die Kunsthandlung Gilgenberger in Westerland, die ihn aus Berlin kannte. Und die hat für ihn in den ersten Jahren verkauft.

Wurde er gleich ganz gut verkauft?

Wissen Sie, das ist relativ. Es war nur wenig, aber das hat ihn nie interessiert. Für Sprotte ging es nicht um Geld oder Anerkennung. Er malte, weil es das war, was er tun wollte. Natürlich konnte er von Glück sagen, dass er über Jahrzehnte weltweit Sammler hatte. Es haben ihn die Verkäufe im Grunde nie interessiert. Er konnte sehr bescheiden leben.

Und Sie, als seine Frau, mussten es dann auch.

Zeitweise hatten wir wirklich sehr wenig Geld. Aber ich habe nie in diesen ganzen Jahrzehnten irgendwelche Existenzängste gehabt. Ich habe viele Menschen kennengelernt, aber nie einen, der so zutiefst unabhängig vom Geld war wie Siegward Sprotte.

Trotzdem muss man auch als Künstler überleben. Haben Sie dann den Verkauf der Bilder übernommen, dafür gesorgt, dass Geld ins Haus kam?

Es ging ja nicht anders. Auch wenn ich vom Kunsthandel zunächst keine Ahnung hatte. Aber ich bin da hineingewachsen.

In Sprottes Kunst lassen sich viele Bezüge zur chinesischen Malerei entdecken. Sie haben mal gesagt, dass er deshalb auch immer ein gewisser Fremdling in Deutschland war. Wie hat sich das hier auf Sylt ausgewirkt?

Also Sylt war ja immer schon ein bisschen exterritorial. Auf die Insel kommen Menschen, die einen sehr offen Weltblick haben. Sprotte hatte ja immer auch internationale Sammler.

Wie entwickeln sich denn die Preise für seine Bilder heute?

Sie wachsen stetig, aber sehr solide.

Glauben Sie, dass diese Tendenz die kommenden Jahre anhalten wird?

Ja, vor allem in Hinblick auf die Verbindung seiner Bilder zur Kunst des Fernen Ostens, die zurzeit mit großem Interesse beobachtet wird.

Wird Sprotte genügend von den Museen und der Kunstwelt gewürdigt?

Ja, wird er. Ich finde es sehr schön, was mit Blick auf seinen 100. Geburtstag an Ausstellungen und Katalogen präsentiert wird.

Fühlen Sie sich mit dem Atelier Sprotte und der Galerie hier auf Sylt richtig aufgehoben oder wäre Potsdam der bessere Ort?

Die Frage habe ich mir oft gestellt. Ich persönlich bin sehr mit der Insel verbunden, auch wenn Potsdam mir ebenfalls nah ist. Doch die Insel ist, wie schon gesagt, exterritorial. Insofern fühlen wir uns hier sehr gut aufgehoben.

War Sylt für Sprotte der wichtigste Ort?

Solche Festlegung hat er abgelehnt. Er hat immer gesagt, ich will gar nicht irgendwo sesshaft sein.

Und dennoch ist es doch so, dass die Sprotte-Bilder zu allererst mit Sylt, der Insel-Landschaft und dem Meer in Zusammenhang gebracht werden.

Völlig richtig. Aber er hat auch schon vor Sylt Meer und Landschaften gemalt. Nach Sylt kam er nach dem Krieg, weil er seinem Instinkt gefolgt war. Und er fand hier auch gleich ortsansässige Menschen, bei denen er essen konnte und im Gegenzug dann die Tochter zeichnete. Sylt hat ihn sehr offen empfangen. Und er konnte auf der Insel seine Auffassung von Kunst und Künstlertum leben.

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