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Ein Vierteljahrhundert Inselgeschichte : Ende einer Ära auf Sylt: Abschied von Bürgermeisterin Reiber

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

„Das Gebet hat mir geholfen“: Eine kleine Reise mit Petra Reiber über ihre Insel und zu ihr.

Sylt | Am Abend ist es plötzlich da. Dieses Gefühl, dass sie sehr gelitten haben muss. Als wir uns am Mittag treffen, ist noch nicht klar, wohin die Reise geht, welche Orte Petra Reiber mit mir aufsuchen wird. Ich habe sie gebeten, mir die Stellen auf der Insel zu zeigen, mit denen sie besondere Ereignisse und Erlebnisse verbindet. Orte, die ihr wichtig sind. Das Rathaus werden wir bewusst auslassen. Die Wege sollen uns dahin führen, wo sie nicht als Bürgermeisterin agierte, sondern als Mensch, der immer wieder Kräfte sammeln, Gedanken und Gefühle ordnen musste.

Wir fahren zum Stall. Zu ihren Pferden, nach Tinnum zum Olivenhof. Ein kurzer Gang durch die gepflegte Hofanlage, ein Blick in die größtenteils leeren Boxen, führt uns zur Koppel, auf der die Pferde ruhig und scheinbar genügsam stehen. Bewegung kommt bei ihnen auf, als Petra Reiber ihren Wallach ruft. „Quazar, Quaaazar“. Eher leise ruft sie ihren gut 100 Meter von uns entfernt stehenden Wallach. Doch er hört die Rufe sofort, hebt den Kopf und nähert sich in sanft wirkenden Schritten seiner Halterin. Die strahlt, schlingt die Arme um den Hals ihres „Lieblings“, spricht mit ihm, streichelt, gibt ein, zwei kleine Leckerlis – als Beobachter der Szene bin ich fast gerührt von der gegenseitigen Zuneigung, die sich hier zeigt. Mehr noch bin ich fasziniert von der sichtbaren Verständigung zwischen Mensch und Tier, von der Freude, die sie beieinander auszulösen verstehen.

„Es gibt eine nonverbale Kommunikation zwischen uns, eine Körpersprache. Ich hab’ meiner Laura, der Mutter von Quazar, auch Dienstgeheimnisse erzählt, ohne dass sie die weiter erzählt hat“, lacht Petra Reiber und schildert dann, dass sie auch nach langen Sitzungen noch spät abends in den Stall gegangen ist, dem Pferd von ihrem Frust und Ärger erzählt hat und einige Runden in der Halle geritten ist. „Danach war ich wieder gut drauf“.

Das Reiten hat sie vor 16 Jahren begonnen. „Es gibt einem viel Kraft fürs Leben, denn man muss beim Umgang mit Pferden auch viele Widrigkeiten meistern, muss konsequent sein.“ Tierliebe – ja, die empfindet sie. Nicht nur zu Pferden. Aber sie mag es nicht, wenn Tiere wie Menschen behandelt werden. Ja, sie spricht mit ihren Pferden, „weil wir uns verstehen“. Aber dafür bleibt das Verhältnis zwischen ihnen ein klar geordnetes. „Pferde brauchen Führung. Du musst immer klar machen, wer der Chef ist“.

Auf dem Weg nach List erzählt Petra Reiber vom Fliegen. Einem Hobby, das sie zwar nicht mehr ausübt, aber das ihr viel abverlangt hat – in Theorie und Praxis. Die Lust, sich durch die Lüfte zu bewegen, gleitend mit einem Segelflieger, temporeich mit einem Sportflugzeug, das war nur ein Motiv, die Flugbefähigung zu erlernen. Die Konzentration, die Anstrengung, die das „Pauken“ dafür bedeutet, haben sie gelockt. „Ich kann nicht abschalten, wenn ich einfach nur irgendwo herumliege. Mein Kopf braucht Beschäftigung, um die Dinge vergessen zu können, die meinen Büroalltag bestimmen“. Mit List verbindet Petra Reiber aber nicht das Fliegen. Es sind die großen Kasernen des Inselnordens, die Erinnerung an die Zeit, als auf Sylt noch einige Tausend Soldaten stationiert waren. „Ich bin ja nebenbei noch Reserveoffizier, Fregattenkapitän bei der Marine. Hier in List habe ich meine erste Erfahrung mit der Bundeswehr gemacht, meine ersten Wehrübungen absolviert, Klausuren geschrieben und viele bereichernde Momente und interessante Begegnungen erlebt.“ Es hallt in den leeren Räumen der Kaserne. Der Blick geht über das weite Areal des ehemals militärischen Geländes mit seinen imposanten, dem Verfall preis gegebenen Backsteingebäuden, die alle leer stehen. „Hier war einst viel Leben. Im Offiziersheim wurden legendäre Bälle veranstaltet, Partys gefeiert. Es gab ein reges gesellschaftliches Leben durch und mit den Soldaten. Und man darf nicht vergessen, dass sie für uns ganz wichtige Kräfte beim Katastrophenschutz waren.“

Mehr als nur ein bisschen Wehmut schwingt in diesen Schilderungen mit. Petra Reiber hatte sich Anfang des Jahres 2000 vehement für den Verbleib der Truppen auf der Insel eingesetzt. „Aber das war ein vergeblicher Kampf mit dem Bund, für den der Truppenabzug nicht diskutierbar war“. Bitternis und Resignation empfindet sie jetzt, weil sich noch immer keine Lösung für das Gelände und seine Nutzung abzeichnet.

Wir verlassen den Ort nicht, ohne noch den Gebäudekomplex der Kasernenanlage zu besuchen, in dem das Schwimmbad untergebracht ist. Petra Reiber schwärmt für diesen Ort, „weil er Geschichte und bis heute Bedeutung hat“. Zumindest für die Sylter Schwimmvereine, die hier ihren idealen Trainingsort gefunden haben. Ob er es bleibt? „Ich denke schon“, hofft Petra Reiber.

Aber eigentlich schwimmt sie am liebsten ohne Badeanzug. FKK gehört zu den Leidenschaften der Bürgermeisterin, die sie erst auf Sylt entdeckt hat. „Ich habe das immer sehr genossen, wenn der Wind so über die Haut streicht, ohne dass man irgendwelche nassen Klamotten an hat.“ Ihre mittlerweile erwachsenen Kinder teilen diese Leidenschaft nicht. „Es ist wohl ein Schamgefühl, das sie abhält“, das Petra Reiber aber beim FKK weder hat noch angebracht findet. „Wir haben doch nichts zu verbergen“. Sie weiß aber auch, „dass es heute kaum noch junge Menschen gibt, die FKK betreiben. Du triffst hier fast nur Alte.“ Durchaus aber auch Bekannte und Kollegen aus dem Rathaus. „Sich nackt zu begegnen ist dann ganz selbstverständlich.“ Ob das auch an anderen Ort als auf Sylt möglich ist, hält Petra Reiber für „eher unwahrscheinlich. Ich glaube es geht nirgends so wie auf Sylt.“

Vom FKK-Strand zu ihrem Haus, das sie als Dienstwohnung bewohnen darf, sind es nur wenige Gehminuten. „Ja, wir dürfen sehr schön wohnen. Natürlich bin ich froh, dass es damals der EVS möglich war, dieses Haus zu kaufen und damit für die Gemeinde zu sichern. Ist doch klar, was passiert wäre, wenn man es auf den freien Markt gegeben hätte.“ Das rote Backsteinhaus aus den 50er Jahren macht einen gemütlichen Eindruck. Ein nicht allzu großer, aber ansprechender Rückzugsort mit ein bisschen Garten, in einer ruhigen Straße. Hier sind ihre drei Kinder groß geworden, hat das Drama seinen Anfang genommen, mit dem Petra Reiber in die bundesweiten Schlagzeilen und bei der Staatsanwaltschaft Flensburg in Mordverdacht kam. Doch dazu später. Sie erzählt erstmal von den Momenten, die sie regelmäßig erfreuen.

Zum Beispiel der Besuch bei Gosch in Wenningstedt. „Wenn mein Mann vom Festland am Wochenende zu mir nach Sylt kam, sind wir zuerst zu Gosch am Kliff gegangen – zum alten wie zum neuen Gosch.“ Ein Besuch mit Hintergedanken. „Denn wir haben uns immer gern unter die Gäste gemischt, uns zu ihnen an die langen Tische gesetzt, um zu hören, was sie von Sylt denken, was sie gut finden, was sie stört, wie sie sich hier fühlen und welche Wünsche sie an die Insel haben“. Sie gab sich dabei nicht als Bürgermeisterin zu erkennen, sondern als interessierte Frau, die etwas über die Insel erfahren möchte. „Das Ohr am Menschen, am Gast haben“, war ihr wichtig. „Ich habe bei diesen Gesprächen häufig sehr wertvolle Hinweise bekommen.“ Auch kulinarische. Denn sie wollte auch wissen, wo man denn auf der Insel gut isst. „Die meisten Gäste haben hier ihre Lieblingsrestaurants, auf die sie schwören. Gemeinsam ist allen, dass sie die große Auswahl an guten bis sehr guten Restaurants, Cafés und Bistros loben.“ Und zwei Namen fallen immer wieder: Gosch und Sansibar.

Jürgen Gosch und Herbert Seckler kennt sie gut. Ihre Lebensleistung und ihre Verdienste für die Insel bringen sie ins Schwärmen. „Wir haben ihnen zu verdanken, dass Sylt eine Marke ist und einen hervorragenden Ruf genießt als Insel mit einem hohen Qualitätsstandard, Gastfreundschaft und entspannter Genussfreude. Da können wir nur froh sein, dass Sylt solche Unternehmer hat, die aus dem Nichts heraus so Großartiges geleistet haben.“

Und die beiden mögen auch die Bürgermeisterin. Als Jürgen Gosch Petra Reiber unter seinen Gästen entdeckt, freut er sich sichtlich, beginnt von ihrem Charme, ihrer „zupackenden, ehrlichen Art“ und den vielen guten und konstruktiven Gesprächen und Begegnungen zu erzählen. „Schade, dass sie weg geht!“ Das sagt auch Herbert Seckler.

Seine Sansibar ist unsere letzte Station auf der kleinen Reise zu den Orten, die Petra Reiber etwas bedeuten. Orte der Entspannung. Orte, an denen sie abschalten und auf neue, ermutigende Gedanken und Ideen kommen konnte. Beruflich wie privat.

Es war der 19. September 1996, als der Ehemann von Petra Reiber verschwand. Die Polizei suchte nach dem damals 39-Jährigen, während sie völlig ratlos war, was sein Verschwinden ausgelöst haben könnte. Entführung, Mord oder Flucht? Die Ermittlungen liefen in alle Richtungen. Schließlich glaubte die Staatsanwaltschaft, dass Petra Reiber ihren Mann umgebracht haben könnte. Ihr jüngstes Kind war gerade ein Jahr alt geworden.

Negative Kontoauszüge, undurchsichtige Geschäftsverträge und Geschäftspartner, ein Bauvorhaben auf dem Festland – Hinweise, die an Verzweiflung und eine Tat im Affekt denken ließen. „Ich war verzweifelt, ratlos und wusste oft nicht, wie ich den kommenden Tag im Rathaus überstehen sollte.“ Petra Reiber erzählt die Geschichte des Verschwindens ihres ersten Ehemannes, erzählt von den Schlagzeilen, Storys und Verdächtigungen. „Es wurde meine Lebenskrise“. Verfolgt und bewertet von den Medien. Bundesweit.

Petra Reiber lacht gern, viel und irgendwie ansteckend. Wenn sie die Geschichte ihrer Lebenskrise erzählt, möchte man heulen. Sie lässt es nicht zu. Ihre Klarheit, die Distanz, mit der sie auch auf dieses Ereignis schauen kann, davon erzählt, steckt an. Die Schwäche ihres Ex-Mannes, ihre Verzweiflung, die sie in Stärke zu verwandeln wusste, die fast aufwühlende Dramatik des Vorfalls – viele andere Menschen hätte diese Lebenskrise aus der Bahn geworfen. Nachhaltig, endgültig.

Das Beten hat mir geholfen“, überrascht Petra Reiber. Sie schildert, wie einer ihrer Amtsleiter sie eines Morgens fragte: „Haben Sie schon mal versucht zu beten?“ Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Petra Reiber mit Religion nichts zu tun, war weder Kirchenmitglied, noch in irgendeiner anderen Weise gläubig.

Das änderte sich radikal. „Mir hat das Beten geholfen. Ich denke, ohne den Glauben hätte ich diese Krise nicht meistern können.“ Sie wird Mitglied der Evangelischen Freikirche, die sie später wieder verlässt, „weil ich die Besuche der Gottesdienste und andere kirchliche Verpflichtungen nicht einhalten konnte“. Der Job ließ es nicht zu. „Ein Knochenjob“, hat sie immer wieder zu Protokoll gegeben, wenn es um die Frage ging, warum sie sich als erfolgreiche und beliebte Sylter Bürgermeisterin nicht noch mal zur Wahl gestellt hat.

Schaut man auf die Zeit, das Vierteljahrhundert, in dem Petra Reiber ein Stück Inselgeschichte gestaltet hat, auf ihr persönliches Schicksal als plötzlich verlassene Frau und Mutter von drei kleinen Kindern und fragt sie, was ihr außer dem Glauben noch Stärke gab, dann kommt die Rede auf ihren jetzigen Ehemann Thomas Wacker, den sie Ende 1998 kennen lernte. „Ich habe ihm sehr viel zu verdanken“, erzählt sie ohne Pathos, aber mit berührender Intensität. „Er war mir immer ein Halt, eine Stütze, hat auch finanziell für uns gesorgt. Als Alleinerziehende von drei kleinen Kindern brauchte ich eine Kinderfrau, die immer verfügbar war. Das war damals sehr kostspielig. Thomas ist es zu verdanken, dass ich mein Amt überhaupt weiter ausüben konnte. Durch ihn habe ich wieder Sicherheit und Lebensfreude gewonnen“.

Sylt hat aus der ehemals jungen aus Frankfurt gekommenen Juristin eine gereifte Frau gemacht. Aber auch eine, die sich oft am Rande ihrer Leistungsfähigkeit und Frustrationstoleranz gebracht fühlte. Sie hat hier „den frischen Wind gespürt, den Kopf bei Strandspaziergängen frei bekommen, den Genuss einer einmaligen Natur und die Begegnung mit vielen interessanten Menschen geschenkt bekommen.“

Unsere Tour über die Insel ist nach dem Abend in der Sansibar beendet. Wer ist Petra Reiber? Und welche Gefühle erfüllen sie, bei dem Gedanken, die Insel im Sommer 2015 zu verlassen und nur noch als Gast, nicht mehr als Gestalterin nach Sylt zu kommen. „Die Insel ist stark. Mein Leben, mein berufliches Leben, meine wichtigsten Erlebnisse haben sich auf Sylt ereignet. Ich weiß noch nicht, wie es mir ohne diesen besonderen Ort gehen wird.“

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erstellt am 26.Apr.2015 | 12:08 Uhr

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