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Nordspitze : Ellenbogen: Wo Schafe auf Sylt Vorfahrt haben

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Der nördlichste Zipfel Sylts besticht durch seine Dünenlandschaft – und kuriose Verkehrsregeln. Was man noch wissen sollte.

Sylt | Der Ellenbogen bezeichnet nicht nur ein Körperteil, sondern zugleich den nördlichen Zipfel der Insel Sylt. Und ein Superlativ bringt er auch gleich mit sich. Denn wer am Ellenbogen steht, darf sich stolz als nördlichster Mensch Deutschlands bezeichnen und ist damit seinen 80 Millionen Mitbürgern um eine Nasenlänge voraus.

Die stellenweise nur 300 Meter schmale, lang gestreckte Halbinsel besticht durch ihre urwüchsige, ausgedehnte Dünenlandschaft. Hier leben an die 300 wollige Ureinwohner – die Schafe. Ihre Zucht hat im Listland lange Tradition. Die genügsamen Tiere haben hier viel Freilauf, denn Zäune gibt es nicht. Daher müssen sich Autofahrer auf dem Weg zum Ellenbogen auf gelegentlichen „Wildwechsel“ einstellen. Es gilt die Verkehrsregel: Schafe haben Vorfahrt!

Der Ellenbogen aus der Vogelperspektive.
Der Ellenbogen aus der Vogelperspektive. Foto: Frank Deppe
 

Bereits 1923 wurde das gesamte Dünengelände, das sich nördlich der Kampener Heide bis zur Spitze der Halbinsel Ellenbogen ausdehnt als eines der ersten Gebiete in Schleswig-Holstein unter Naturschutz gestellt. Doch die Ruhe war zeitweise trügerisch: Im Zweiten Weltkrieg wurde der Ellenbogen mit zahlreichen Geschützstellungen und Bunkern gepflastert. Zudem verlegte man sechs Kilometer Schienen, damit die Inselbahn Nachschub bringen konnte. Die Gleise wurden unmittelbar nach Kriegsende abgebaut, während sich auf der Halbinsel noch heute Bunkerreste finden.

Für neuerliche Unruhe sorgten in den folgenden Jahrzehnten Schießübungen der Bundeswehr, bei denen Kampfjets Ziele auf dem Ellenbogen beschossen. Erst 1992 wurden diese Manöver beendet.

Auch anderweitig rückte das Terrain ins Visier der Zivilisation: Es muss für die Spaziergänger ein wahrlich ungewöhnlicher Anblick gewesen sein, der sich ihnen da im Herbst und Winter des Jahres 1965 auf dem Ellenbogen bot: Aus der urwüchsigen Dünenlandschaft ragte ein 53 Meter hoher Bohrturm empor. Nach vorherigen geophysikalischen Untersuchungen mutmaßte man, in 4000 Metern auf das schwarze Gold zu treffen. Doch statt Öl sprudelte nur Wasser. Nach einem halben Jahr ließ die Ölgesellschaft DEA die Bohrung schließlich einstellen.

Der Leuchttum List-West.
Der Leuchttum List-West. Foto: Imago/Imagebroker
 

Schöner als ein Bohrturm nehmen sich da schon die beiden kleinen, elf und 14 Meter hohen Leuchttürme aus. Als sie 1858 in Betrieb genommen wurden, gehörte der Norden Sylts übrigens noch zu Dänemark. Notwendig wurde der Bau der Leuchtfeuer List-West und List-Ost, da seinerzeit eine Schifffahrtslinie von Hamburg über Helgoland, Amrum und Föhr um den Ellenbogen herum zum Hafen Munkmarsch an der Ostseite der Insel führte – ein gefährlicher Schifffahrtsweg durch die flachen Watten.

Der Ellenbogen befindet sich bereits seit 1608 im Privatbesitz mehrerer Lister Familien; daher müssen Autofahrer an der Einfahrt zum Ellenbogen eine Mautgebühr entrichten.

Übrigens genossen auch schon manch prominente Gäste gern den Charme der abgelegenen Inselspitze: „Bei Wanderungen am Ellenbogen entwerfe ich das Universum neu“, erzählte einst Sänger Udo Lindenberg, während die ehemalige Nachrichtensprecherin Dagmar Berghoff bekannte: „Ich mag an Sylt das Wetter, gerade dann, wenn man fast weg gepustet wird. Dann mummel' ich mich ein und gehe am Ellenbogen spazieren.“

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erstellt am 25.Apr.2016 | 04:49 Uhr

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