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Mit Video : Eiskaltes Schwimmtraining in der Nordsee vor Sylt

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Wer mitten im Winter in der Nordsee trainiert, der spinnt? Nein, sagt unser Gastautor Martin Tschepe und erzählt, warum er ins kalte Wasser geht

shz.de von
erstellt am 05.Jan.2016 | 18:32 Uhr

 

Sechs Grad. Das ist doppelt so kalt wie zwölf Grad. Mit diesen Worten lässt sich ganz ganz gut erklären, wie sich das anfühlt - das Schwimmen im Eiswasser. Wer mitten im Winter in der Nordsee trainiert, der spinnt. Oder er bereitet sich auf die Deutschen Meisterschaften im Eisschwimmen im bayerischen Burghausen an diesem Wochenende vor.

 

Ich spinne nicht. Behaupte ich jedenfalls. Ich starte am 8. und am 9. Januar bei den zweiten Aqua Sphere Ice Swimming German Open im Wöhrsee in Burghausen. Die Regeln dieser noch jungen (Extrem-) Sportart sind simpel. Das Wasser muss unter fünf Grad Celsius haben. Die zulässige Bekleidung: nur eine schnöde Badehose, eine Badekappe und eine Schwimmbrille sind erlaubt. Mit Fett eincremen ist verboten. Weil die Rettungstaucher im Notfall nicht zupacken könnten. Der Körper wäre zu glitschig, der Schwimmer kaum zu sichern.

Eisschwimmen üben kann man überall, wo es Wasser gibt. In fast jedem Fluss, in nahezu jedem See und im Urlaub in Hörnum in der Nordsee. Also stehe ich während dieser Tage vor und nach Silvester zumeist am frühen Nachmittag am Weststrand und ziehe mich aus. Die dick eingepackten Spaziergänger beäugen mich kritisch. „Warum macht er das?“, fragt ein Mann meine Begleiterin und Handtuchträgerin. „Der hat bestimmt eine Wette verloren.“ Nein, hat er nicht.
Ich will bei den Meisterschaften im Süden der Republik möglichst gut abschneiden. Aber was heißt das schon: gut abschneiden. Ich will die 200 Meter Freistil, für die ich mich gemeldet habe, eigentlich nur irgendwie überstehen. Bei einem Testschwimmen im Wöhrsee vor ein paar Wochen habe ich für die Strecke 2:47 Minuten benötigt. Es waren die kältesten 2:47 Minuten meines Lebens. Der Wöhrsee hatte damals 4,5 Grad Celsius.

Die Norsdee vor Hörnum hat zunächst knapp sieben Grad. Brühwarm - könnte man also sagen. Beim Training vor dem Jahreswechsel bin ich täglich etwa zehn Minuten lang im Wasser. Ohne größere Probleme. Mein Rezept ist einfach: ganz schnell rein ins Meer und sofort los kraulen. Ohne lange nachzudenken. Seit das Wetter umgeschlagen hat, seit dem 2. Januar, ist alles anders. Ich gehe immer noch so rasch wie möglich rein ins Salzwasser. Die mittlerweile sechs Grad Wassertemperatur sind nicht das Problem - wohl aber der starke Wind und die Lufttemperatur. Mal minus drei Grad, mal minus fünf. Beim Kraulen ist es im Wasser nicht wirklich kalt. Gewöhnung ist alles. Aber alle Körperteile, die nicht im Wasser sind, sondern an der Luft, die fühlen sich schon nach wenigen Sekunden im Eiswind an, als ob sie nicht mehr wirklich dazugehören. Die Finger? Fremdkörper ohne jedes Gefühl. Dazu gefühlt tausend Stecknadeln am Bauch und an den Armen. Das Atmen fällt schwer. Nach spätestens fünf Minuten ist jetzt Schluss mit dem Eisschwimmen.

Dann beginnt am Strand das große Zittern. Eine Abwehrreaktion des Körpers. Wer zittert, produziert Wärme. Und das ist gut so. Der Fußweg zurück zum Feriendomizil im Strandweg wird zur Tortur. Der halbe Kilometer - gefühlt eine halbe Ewigkeit. Warum ich mir das antue? Gute Frage. Die Antwort gibt es am Freitag und am Sonnabend in Burghausen. Hoffentlich.


Unser Gastautor ist bis 1974 in Hörnum zur Schule gegangen. Heute arbeitet er als Redakteur der Stuttgarter Zeitung.

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