Autozug auf Sylt : „Eisenbahn ist immer Teamarbeit“

„Ich verstehe die Frage nicht“: Hans Leister versteht auch nicht die Aufregung um die neuen Autozüge nicht
Hans Leister versteht die Aufregung um die neuen Autozüge nicht.

Interview mit Hans Leister, deutscher CEO des amerikanischen Eisenbahnunternehmens RDC, über die Qualität der neuen Autozüge für Sylt.

shz.de von
12. Mai 2015, 05:30 Uhr

Herr Leister, Sylt und viele Freunde der Insel sind entsetzt über den Autozug den RDC einsetzen will. Können Sie angesichts der öffentlichen Erregung darüber noch gut schlafen?

(Lacht überzeugend) Grundsätzlich ja, denn wir sind fest davon überzeugt, dass unser Handeln Kunden und Region nur Vorteile bringen wird. Was uns aufregt, ist, dass unsere Fahrt zum Test des Infrastrukturzugangs in den Medien als „Präsentation des neuen Autozugs“ bezeichnet wurde.

Klar, denn Sie setzen einen Autozug ein, der an Viehtransporter erinnert. Oder waren die Züge, die Sie vorgestellt haben, gar nicht die, die kommen sollen?

So ist es. Diese Wagen haben wir nur angehängt, um mit ein bisschen Zuggewicht und Länge den Infrastrukturzugang zu testen. RDC lässt parallel ganz neue Autozüge bauen, die aber erst 2017 zur Verfügung stehen

Wann denn in 2017?

Voraussichtlich im Frühjahr, also vor dem Saisonbeginn. Bis dahin müssen wir übergangsweise andere Züge einsetzen.

Ich muss noch mal nachfragen: Die Wagen, die wir gesehen haben, sind dann schon die, die zunächst hier fahren - oder?

Nein, wir werden nicht mit Wagen fahren wie sie der Test-Zug hatte. Wir werden mit modernen Wagen fahren, die vom Eisenbahnbundesamt für die Autozugnutzung zugelassen sind.

Warum haben Sie denn bei dem Testlauf, zu dem Sie die Medien eingeladen hatten, nicht gleich optisch ansprechendere Waggons fahren lassen?

Nochmal – es handelte sich nicht um eine Präsentationsveranstaltung, wir haben keine Luftballons verteilt und keinen Medienrummel veranstaltet. Es ging um eine technische Testfahrt zu den besonderen Anforderungen des Infrastrukturzugangs, bei der die Optik und die Eigenschaften der Wagen keine Rolle spielt. Die Wagen, die wir einsetzen, werden andere sein, so werden sie zum Beispiel mit Flüsterbremsen ausgestattet sein.

Das haben die jetzigen Autozüge auch. Darf man davon ausgehen, dass Ihre Übergangszüge letztlich auch optisch so ausfallen wie die aktuellen Waggons des Syltshuttles?

Ja, die Flachwagen im Autozug heute sind auch relativ nahe an Güterzug-Standardwagen. Unsere werden denen sehr ähnlich sein.

Auch was die Ausstattung der Böden angeht? Der heutige Autozug hat ja Gitterroste, die von Ihnen vorgestellten Wagen dagegen Holzplanken, die ja auch zu dem ungünstigen optischen Auftritt beitragen.

Ob wir Wagen mit Gitterrosten bekommen, muss man sehen, aber das ist nicht das Entscheidende. Die Güterwagen in unserem Test-Zug hatten übrigens keine Holzbestandteile, sondern waren mit einem Blechboden ausgestattet.

Viel hängt aber an der Frage, wie viele Autos Sie mit den Übergangszügen transportieren können. Bis zum Einsatz der total neuen Flotte planen Sie nur den Einsatz von Flachwagen ohne ein Obergeschoss. Damit wird eine Kapazitätslücke von 35 Prozent entstehen. Das treibt die Insulaner und unsere Gäste ebenfalls um.

Wir wollen den Syltern und den Urlaubern mehr Verbindungen und mehr Kapazität bieten.

Wie das?

Wir werden öfter fahren. Auch mit Flachwagen kommt man gut auf die Insel und zurück. Die DB nutzt ja auch Flachwagen in ihren Zügen, neben den Doppelstockeinheiten. Wir mieten aber auch gerne die DB-Doppelstockwagen, soweit sie nicht mehr benötigt werden. Das wäre im ersten Jahr im Interesse der Kunden.

In wieweit ist denn schon geklärt, ob Sie auch bei der Abfertigung die Anlage und wohlmöglich auch das Personal der Bahn nutzen können und dürfen?

Auch deshalb hat ja die Testfahrt stattgefunden, um sicher zu gehen, dass dort alles klappt mit dem Zusammenspiel zwischen einem neuen Betreiber und zwei verschiedenen Infrastrukturunternehmen, die Zugang zu gewähren haben. Und es hat alles sehr gut geklappt, dank der Zusammenarbeit mit den Kollegen der DB.

Können Sie denn heute den Syltern und ihren Gästen garantieren, dass es nicht in einem Maße zu Störungen und Verzögerungen bei der Überfahrt kommt, das weit über das bekannte hinaus geht?

Ja, das kann ich garantieren. Wir brauchen dazu die Zusammenarbeit im System Eisenbahn, daher auch die Testfahrt. Denn: Eisenbahn ist immer Teamarbeit, und nach dem Wettbewerb ist vor der Kooperation.

Auf der Insel herrscht der Eindruck, dass dieser Wettbewerb auf dem Rücken der Sylter ausgetragen wird. Ist hier nicht etwas zum Spielball geworden, was gar nicht hätte zum Spielball werden dürfen?

Das Gegenteil ist der Fall. Die Sylter werden davon profitieren, weil das Geld hoffentlich da eingesetzt wird, wo es hingehört, nämlich in die Infrastruktur dieser besonders profitablen Strecke.

Aber darauf haben Sie ja gar keinen Einfluss, denn Ihre Trassengebühren bekommt doch DB Netz.

Wir bezahlen mehr für die Trasse, damit hat DB-Netz auch mehr Spielraum. Das ist der eine Hebel. Der andere ist, dass wir im Falle einer Elektrifizierung der Strecke bereit sind, vorab unsere Einsparung an Energiekosten als Investition einzusetzen. Und: Ich glaube schon, dass die Aufmerksamkeit, die wir jetzt mit dem Autozug-Wettbewerb der Insel und der Verbindung zur Insel verschafft haben, nachhaltige Wirkung zeigen wird. Wettbewerb hat ja auch anderswo Investitionen in Strecken bewirkt. Das wird auch hier funktionieren.

Gibt es irgendetwas Tröstliches, das Sie den Syltern sagen können, außer der Botschaft, dass 2017 ganz neue Autozüge eingesetzt werden?

Ja, sehr viel sogar. Wir werden häufiger fahren und stabile Preise bieten. Wir erhalten den Insulaner-Tarif und heben mit den neuen Zügen die Pkw-Lastgrenze auf 3,5 Tonnen an, das ist für die Gewerbetreibenden sehr wichtig. Und: wir werden eine Reservierungsmöglichkeit schaffen. Ich denke, die ist überfällig und wird jetzt auch in Bewegung kommen.

Da dürfen wir ja weiter sehr gespannt sein. Herr Leister, vielen Dank  für das Gespräch.Interview: Michael Stitz

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