Sylter Sozialarbeit : Eine Stimme für vergessene Kinder

Jutta Ringele ist Diplom-Sozialpädagogin und Abteilungsleiterin im Sylter Beratungs- und Behandlungszentrum BBZ.
Jutta Ringele ist Diplom-Sozialpädagogin und Abteilungsleiterin im Sylter Beratungs- und Behandlungszentrum BBZ.

Sylter Beratungs- und Behandlungszentrum (BBZ) beteiligt sich an der Aktionswoche für Kinder aus Suchtfamilien.

Avatar_shz von
04. Februar 2019, 17:40 Uhr

Sara ist Frühaufsteherin. Ihr Wecker klingelt um 5.30 Uhr. Dann wird zuerst einmal die Küche aufgeräumt. Flaschen weg, Aschenbecher leeren, Fenster auf und lüften. Meistens kocht sie das Mittagessen vor. Dann richtet Sara das Frühstück und die Pausenbrote. Anschließend weckt sie Tommy und Oliver und hilft ihnen beim anziehen. Sind alle fertig, bringt sie Tommy in den Kindergarten und Oliver in die Schule.

Was sich anhört wie der ganz normale Morgen einer Mutter, hat einen ernsten Hintergrund: Sara ist erst zwölf Jahre alt und gehört zu der Gruppe von 2,65 Millionen Kindern, die mit mindestens einem suchtkranken Elternteil zusammen leben. Sie übernimmt die Rolle der Mama, damit ihre Familie funktioniert und die Außenwelt nichts mitbekommt. Das Wahrnehmen und Erfüllen ihrer eigenen Bedürfnisse findet dabei kaum noch statt.

Um auch auf Sylt für das Thema „Familienkrankheit Sucht“ aufmerksam zu machen, beteiligt sich das Beratungs- und Behandlungszentrum Sylt (BBZ) vom 10. bis zum 16. Februar an der bundesweiten Aktionswoche, um den vergessenen Kindern eine Stimme zu geben.

Im Interview mit Wiebke Stitz spricht Diplom-Sozialpädagogin Jutta Ringele, Abteilungsleiterin im BBZ, über die Situation der Sylter Kinder, die in suchtkranken Familien leben.

Frau Ringele, wie sieht die Situation der Kinder, die in suchtkranken Familien leben, auf der Insel aus?

Dies ist nicht als Inselthema zu beantworten. Das Thema Suchterkrankung ist nach wie vor ein Tabuthema in unserer Gesellschaft. Diese bundesweite Aktionswoche ist ein Beitrag, das Tabu aufzubrechen. Da sind wir hier auf Sylt nicht anders aufgestellt als andernorts. Allerdings kann ich positiv die Bereitschaft der Fachkräfte aus Regeleinrichtungen und Beratungsangeboten, an konstruktiven Netzwerken mitzuwirken, hervorheben. Diese Bereitschaft von Pädagoginnen und Pädagogen aus KiTas, Schulen und weiteren Angeboten für Kinder und Jugendliche, sich über die Auswirkungen von Sucht zu informieren und für Kinder emotional da zu sein, ist groß. Sie alle sind immens wichtige Unterstützer und können dazu beitragen, dass aus den Kindern von heute nicht die Süchtigen von morgen werden.

Welche Hilfsangebote gibt es?

Die Suchtberatung im BBZ ist eine Anlaufstelle für Betroffene und Angehörige. Zu Angehörigen zählen hier Familienmitglieder und alle weiteren Personen, die mit der Familie im Kontakt sind. Ziel der Beratung für Angehörige ist, die Dynamik einer Suchterkrankung durch eigenes Verhalten nicht zu verstärken. Täglich gibt es eine Sprechstunde von 12 bis 13 Uhr, so dass in dringenden Fällen auch schnell ein erster Kontakt erfolgen kann.

Im interdisziplinären Team des BBZ (Erziehungs-, Paar-, Lebens- und Suchtberatung) wird die Familie als System betrachtet. Die Kinder sind im Fokus der Aufmerksamkeit und werden in die Hilfeplanung eingebunden.

Was soll durch die Aktionswoche erreicht werden?

Wie schon eingangs erwähnt, wollen wir, dass das Tabu gebrochen wird. Betroffene Kinder und Jugendliche sollen erfahren, dass sie nicht die einzigen sind, die in einer suchtkranken Familie aufwachsen. Letztes Jahr haben wir zu dem Thema einen Vortrag gehalten. In der Pause sprach mich eine betroffene, inzwischen erwachsene Person an. Sie bedankte sich für den Vortrag, da sie bis zu dem Zeitpunkt noch keine Unterstützung als angehöriges Kind erfahren hatte. Es wäre toll, wenn wir es erreichen könnten, dass sich vermehrt auch Kinder und Jugendliche an uns wenden würden, gern auch unterstützt durch Dritte.

Was findet genau statt?

Wir werden alle Regeleinrichtungen mit ansprechendem Informationsmaterial ausstatten. Zudem haben wir die Kirchengemeinden gebeten, eine Fürbitte für die Kinder zu halten. Am 14. Februar um 18.30 Uhr zeigen wir im BBZ einen Film zum Thema. Er heißt „Liebe und Hass“ und zeigt von Betroffenen Jugendlichen die Spannbreite der Gefühlslagen, in einer suchtbelasteten Familie aufzuwachsen. Im Anschluss an den Film gibt es Gelegenheit zum Austausch. Und nicht zuletzt ist dieser Artikel auch eine Möglichkeit, auf das Thema aufmerksam zu machen und alle Leser dafür zu sensibilisieren.

An wen wendet sich die Aktionswoche?

Die Aktionswoche wendet sich an alle Interessierten und Betroffenen.

Wenn ich als Nichtbeteiligter den Eindruck habe, dass ein Kind in dieser Situation aufwächst, was kann ich dann tun?

Den Eindruck ernst zu nehmen wäre der erste Schritt. Und dann gilt es ja, eigene Handlungsmöglichkeiten zu überlegen. Bin ich ein Ansprechpartner für das Kind und kann ihm vermitteln, dass ich für das Kind da bin? Kann ich die Eltern auf meinen Eindruck ansprechen? Gelingt es mir, die Eltern für ein Informationsgespräch in der Suchtberatung zu motivieren? Und wenn dies alles nicht möglich erscheint, steht jedem hierzu die Beratung in der Suchtberatung offen, um gemeinsam Überlegungen hierzu anzustellen. Da wir hier von Kindern reden, reden wir auch immer davon, diese zu schützen. Letztlich geht es darum, kindliche Bedürfnisse zu erfüllen, damit die Kinder gesund aufwachsen können.


Diakonisches Werk Südtondern

BBZ Sylt, Tel. 04651-8222020

www.dw-suedtondern.de

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen